Nemeth: „Die Maßnahmen wirken nur mehr bedingt“. Bezirkshauptmann Helmut Nemeth im BVZ-Gespräch über Belastungszustände, Lockdownmüdigkeit und seinen bevorstehenden Abschied.

Von Carina Fenz. Erstellt am 19. Februar 2021 (05:19)
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Bezirkshauptmann Helmut Nemeth steht mit der BH Oberwart seit einem Jahr vor großen Herausforderungen. Die Corona-Pandemie hat auch hier für neue Aufgabengebiete gesorgt.
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Seit knapp einem Jahr beherrscht die Corona-Pandemie die Arbeit der Bezirksbehörde. Die BVZ bat Bezirkshauptmann Helmut Nemeth zum Interview über aktuelle Herausforderungen und eine Bilanz über fast ein Jahrzehnt im Bezirk.

BVZ: Wie beurteilen Sie die aktuelle Corona-Lage im Bezirk?

Helmut Nemeth: Die 7-Tages-Inzidenz war jetzt über mehrere Wochen sehr stabil und steigt jetzt wieder leicht an. Im südlichen Burgenland ist der stark betroffenen Bezirk Hartberg-Fürstenfeld ein Gradmesser. Durch viele Pendler findet ein reger Austausch statt, das macht sich auch bei uns bemerkbar.

BVZ: Das Thema Corona beherrscht Ihre Arbeit. Haben Sie von Anfang an geahnt, was da auf die Behörde zukommt?

Helmut Nemeth: Eine Pandemie war für alle etwas Neues, aber wir mussten schnell reagieren und das Epidemiegesetz vollziehen. Der Krisenstab war schnell eingesetzt, die Kräfte wurden gebündelt. Mit der Welle hat man dann auch gleich die Auswirkungen auf den Betrieb gespürt, die Mitarbeiter haben sieben Tage die Woche, rund um die Uhr, Enormes geleistet. Da waren wir schon an der Grenze, weil auch die systemrelevanten Bereiche in der Dienststelle immer besetzt bleiben mussten. Da hat sich nicht viel geändert, denn unsere ganze Energie geht in die Bekämpfung der Pandemie und da steckt ein enormer administrativer Arbeitsaufwand dahinter. Die zweite Welle eine noch größere Herausforderung, so dass auch das Contact Tracing in Eisenstadt zentralisiert werden musste.

BVZ: Hat es den Moment gegeben, wo Sie geglaubt haben, „wir schaffen das nicht mehr“?

Nemeth: Diesen Moment hat es definitiv gegeben, denn im Frühjahr war der Bezirk Oberwart jener, der am meisten betroffen war. Wir hatten teilweise um bis zu 50 Prozent mehr Fälle, als alle anderen Bezirke und dementsprechend den größten administrativen Aufwand. Im Frühjahr, zu Beginn der Pandemie, war es auch noch so, dass die Proben, die vom Roten Kreuz genommen wurden, via Chauffeur nach Eisenstadt und dann weiter zur AGES nach Wien gebracht wurden. Das hat sich mittlerweile geändert.

BVZ: Stichwort Contact Tracing! Läuft das jetzt nur noch zentral über Eisenstadt oder auch noch über die Bezirksbehörde?

Nemeth: Im Sommer ist eine gewisse Beruhigung der Lage eingetreten, dann ist die zweite Welle gekommen, die war stärker als die erste Welle und wir sind mit unserem Personalstand nicht mehr ausgekommen. Von 80 Personen waren knapp 50 in den Krisenstab involviert. Das Land Burgenland hat uns dann Personal zugeteilt und das Contact Tracing zentralisiert.

BVZ: Kann die übrige Verwaltungstätigkeit der Behörde weiterhin in vollem Umfang getätigt werden?

Nemeth: Nein, auch wenn wir sehr bemüht sind, die Rückstände aufzuarbeiten. Der Fokus liegt nach wie vor primär in der Bekämpfung der Pandemie. Mit der Weiterentwicklung der IT ist aber eine gewisse Erleichterung eingetreten, die uns schneller werden lässt. Ein zusätzlicher administrativer Aufwand ist auch die ständig notwendige Korrespondenz mit dem Schwerpunktkrankenhaus Oberwart. Ein weiteres Erschwernis liegt darin, dass wir seit einigen Wochen auch keinen Amtsarzt haben, der in der Bekämpfung der Pandemie eine wesentliche Rolle spielt.

BVZ: Warum gibt es aktuell keinen Amtsarzt?

Nemeth: Der bisherige Amtsarzt tritt im Frühjahr seinen Ruhestand an und baut aktuell Resturlaub ab. Eine erfolgte Ausschreibung brachte bis dato keinen Erfolg. Aktuell gibt es eine derzeit eine enge Zusammenarbeit mit den Amtsärzten der benachbarten Bezirkshauptmannschaften Güssing und Oberpullendorf.

BVZ: Sie wurden zu Beginn der Krise für die Absage von Veranstaltungen, wie dem „Kramuri“ in Kohfidisch, hart kritisiert. War die Entscheidung im Rückblick richtig?

Nemeth: Natürlich, wir können mit Kritik leben. Es hat einige Veranstaltungsmeldungen gegeben, aber wir sind an die Covid-19-Rechtslage gebunden, insbesondere die Verordnungen des Gesundheitsministeriums. Bei einigen Veranstaltern gab es dafür Unverständnis, wir müssen aber als Gesundheitsbehörde einen strengen Maßstab verfolgen.

BVZ: Wenn man den Lockdown des Frühjahrs mit dem letzten vergleicht, dann wirkt es so, dass die Disziplin abgenommen hat. Ist das auch Ihr Eindruck?

Nemeth: Definitiv, denn die Zeit ist eine lange und die Maßnahmen wirken nur mehr bedingt.

BVZ: Es fällt auf, dass sich in der Bevölkerung immer mehr Gruppen auftun. Da gibt es die Verschwörungstheoretiker, Menschen, die sich an die Maßnahmen halten und auch Leute, die Angst vor dem Virus haben und sich völlig abschotten. Besteht da nicht die Gefahr, dass sich innerhalb der Bevölkerung Gräben auftun?

Nemeth: Natürlich, aber wir im Bezirk haben sehr wenige Corona-Gegner, abgesehen von einer Demonstration in Oberwart. Die meisten Redner waren jedoch auch nicht aus dem Bezirk. Viele Leute werden eben auch durch Soziale Medien beeinflusst.

BVZ: Von Regierungsseite sind immer wieder Überraschungen auf die lokalen Bezirksbehörden zugekommen. Wie bewerten Sie den Informationsfluss zwischen Bund, Land und lokalen Behörden?

Nemeth: Die Bezirksbehörden aus dem Burgenland konferieren regelmäßig mit dem Amt der Landesregierung. Der Kontakt mit dem Ministerium erfolgt über das Land, insbesondere werden auch wesentliche Rechtsfragen auf diese Weise geklärt.

BVZ: Langsam nimmt die Impfkampagne Fahrt auf, welche Aufgaben kommen auf die Bezizrkshauptmannschaft zu?

BVZ: Aktuell keine, denn die Koordination der Covid-19-Impfung im Burgenland erfolgt über das Amt der Landesregierung in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen und der Ärztekammer. Der positive Nebeneffekt ist, dass es aufgrund der vielen Sperren weniger Anträge und somit weniger Verfahren gibt.

BVZ: Lassen Sie sich impfen?

Nemeth: Freilich, wie es auch die meisten Kollegen in der Behörde vorhaben.

BVZ: Die Bezirkshauptmannschaft stellt die Absonderungsbescheide aus. Zieht man sich da zwangsläufig den Unmut der Betroffenen zu?

Nemeth: Eigentlich nicht.

BVZ: Es gibt Betroffene, die einen Absonderungsbescheid bekommen aber nicht alle Kontaktpersonen angeben, um Freunden keine Quarantäne umzuhängen. Gibt es da eine Taktik, wie man solchen Leuten auf die Schliche kommt?

Nemeth: Das kann man schwer kontrollieren, das ist das Hauptproblem. Oft gibt es auch berufliche beziehungsweise wirtschaftliche Grüne, die hier eine Rolle spielen. Man kann in den sehr mündlichen Gesprächen nur freundlich und sachlich bleiben und auf Ehrlichkeit vertrauen. In solchen Fällen sollte man keinen strengen Amtston anschlagen.

BVZ: Sind Corona-Partys ein Problem im Bezirk?

Nemeth: Einzelfälle gibt es immer wieder, aber sehr wenige. Seit Beginn der Pandemie gab es 180 Anzeigen wegen Verstößen gegen Covid-Maßnahmen.

BVZ: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Nemeth: Dass die Corona-Zahlen runter gehen und man zur Normalität zurückkehrt. Was hilft, ist definitiv die Impfung.

BVZ: Der Lockdown scheint nicht mehr zu wirken, geht man trotzdem den richtigen Weg?

Nemeth: Es gibt wohl keine Alternative dazu, wenn man sich nicht nur die Entwicklung im Burgenland, sondern bundesweit beziehungsweise in den Nachbarländern ansieht. Maske, Kontaktreduktion und Abstand sind die zielführenden Mittel. Der Lockdown selbst ist irgendwie Teil des Alltags genommen.