Pinkatal: Ein ganzes Leben und ein Buch

Jahrelang hat Elke Kallinger auf Dachböden und Archiven nach der Vergangenheit gesucht. Ein Buch über das Pinkatal, seine Bewohner, vom Fluss und der Zeit.

Erstellt am 15. November 2020 | 04:55
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
440_0008_7974889_owz46vani_2_elke_kallinger.jpg
Elke Kallinger lebt heute in Oberwart. In Moschendorf großgeworden erzählen ihre Familiengeschichten auch viel vom Pinkatal.
Foto: BVZ

Der Opa war immer ruhig, wenn seine Enkeltochter, die später Geschichts- und Deutschlehrerin werden sollte, mit ihm über den Holocaust geredet hat. „Er kannte meine Haltung - und ich dachte umgekehrt, vieles über ihn zu wissen, wurde aber eines anderen belehrt“, bringt es die Oberwarterin Elke Kallinger auf den Punkt.

Kallinger wuchs in Oberwart und Moschendorf auf, und dem Pinkatal, wo auch der Opa lebte, gehört bis heute ihr Herz. „Es ist eine unterschätzte Ecke des Südburgenlandes“, ist sich die studierte Germanistin sicher. Der Entschluss, ein Buch zu schreiben, sei langsam entstanden, die Geschichten dafür fand Kallinger letztlich in unzähligen Gesprächen, Kisten auf Dachböden und diversen Archiven.

Anzeige

Ihr Erstlingswerk „Vom Fluss und der Zeit“ handelt vom Leben ihres geliebten Opas, vom Leben vieler anderer und vom Pinkatal. Einem Leben, bevor Elke Kallinger überhaupt geboren war. Einer Zeit, die als der Zweite Weltkrieg in die Geschichtsbücher einging – und über die in vielen Ecken des Burgenlandes noch immer kaum jemand spricht.

Schreckliche Taten im schönen Pinkatal

„Ich wollte versuchen zu verstehen. Das Massaker von Deutsch Schützen zum Beispiel, von dem ich selbst erst sehr spät erfuhr. Oder die Massenvergewaltigungen der Frauen in Moschendorf durch russische Soldaten. Auch heute redet kaum noch jemand darüber. Ich habe es versucht. Ich habe die Kinder jener Frauen, die zu Opfern wurden, besucht, jene landschaftlich so schönen Orte, an denen so viel Schreckliches passiert ist. Die Geschichte meines Großvaters bildet dabei den Roten Faden meines Buches“, fasst Elke Kallinger zusammen, was man insgesamt oft noch immer schwer fassen kann.

Elke Kallingers Buch
Elke Kallingers Buch „Vom Fluss und der Zeit“ erscheint Ende November und kann in den Desch-Drexler Buchhandlungen und im Büchertraum Bad Tatzmannsdorf sowie am Gemeindeamt Moschendorf, im Hianzenhaus Oberschützen und direkt bei der Autorin erworben werden.
zvg

Als das Buch fast fertig ist, findet die Oberwarterin am Dachboden ihres Onkels erst die Kriegstagebücher ihres Opas. „Da musste ich fast alles noch einmal über den Haufen werfen und neu schreiben. Ich fand auch ein altes Schulheft aus dem Jahr 1938, in dem Opa Hitler-Parolen notiert hatte. Da war das Bild des geliebten Opas und dann liest du lange nach seinem Tod, wie er damals wirklich gedacht hat. Er war jung, siebzehn Jahre jung, aber dennoch hatte er Gründe. Das hat mich tief getroffen. Und sein Schweigen, wenn ich ihn nach dieser Zeit fragte – dieses Schweigen war der Grund für mich, genauer hinzusehen“, erklärt die Autorin.

Kein moralischer Keulenschlag

Kallingers Erstlingswerk ist trotzdem keine moralische Keule, kein verletzter Nachruf, sondern ein Versuch, auch die Mitläufer der NS-Zeit wirklich klar zu sehen. „Mein Opa, meine Oma, ihre Freunde, das waren Teenager damals, knapp 14 Jahre jung, als sie im Schulunterricht das Gedankengut der Nationalsozialisten eingetrichtert bekamen. Ich bin selbst Lehrerin. Natürlich macht das etwas mit Kindern. Es macht sie vor allem zu den Menschen, die sie wurden.“

Lange nach dem Tod ihres Großvaters erfährt Elke Kallinger von Verwandten, dass ihr geliebter Opa zeit seines Lebens mit der dunklen Hautfarbe ihres Sohnes im persönlichen Konflikt stand. „Ich war fassungslos, dass ich das nicht wusste, geschweige denn, dass er zu mir nie ein Wort darüber sagte. Umso intensiver begann ich, weiter zu forschen. Ich wollte wissen, wer mein Opa noch war. Wer er für andere war. Und auch, wer er im Ganzen wirklich war.“

„Vom Fluss und der Zeit“ ist eine Geschichte vieler Geschichten. Vom Schein und Sein. Vom Krieg und Frieden schließen. Vom Pinkatal und längst vergessenen Zeiten.

Prädikat: Lesenswert! Um der Vergangenheit willen - für eine verständnisvolle, friedliche Zukunft.