Ansturm auf Sozialmarkt in Oberwart

Die Armut rückt bedrohlich in die Mitte der Gesellschaft. Die Coronakrise hat dem Sozialmarkt viele neue Kunden gebracht. Jetzt soll sogar ausgebaut werden.

Carina Fenz
Carina Fenz Erstellt am 24. April 2021 | 03:55
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Wer Gabriele Binder kennt, der weiß, dass sie das Herz am rechten Fleck trägt, manchmal aber auch auf der Zunge: „Ich will anderen helfen, gerade weil ich so ein großes Mundwerk habe und es mit egal ist, wer mit gegenübersteht — ein Präsident oder ein Kaiser.“   
Foto: Lexi

Seit fast drei Jahren betreibt und betreut Gabriele Binder mit ihrem Verein „Soziales Netzwerk Burgenland“ den Sozialmarkt in der Johann Straußgasse. „Das letzte Jahr war besonders herausfordernd“, erzählt die Frohnatur. „Es hat sich viel geändert durch Corona und es ist vor allem traurig, dass so viele Menschen keine Unterstützung bekommen, obwohl das Geld nicht ausreicht“, plaudert die Oberwarterin aus dem Nähkästchen.

Konkret spricht Binder die Kundenschicht an, die es im Krisenjahr in ihren Sozialmarkt zieht. „Der Ausländeranteil ist massiv zurückgegangen, dafür kaufen jetzt noch mehr ältere Menschen bei uns ein oder Familien, die zwar keine Sozialhilfeempfänger sind, aber durch Kurzarbeit oder Kündigung zu wenig Geld zum Leben haben. Viele hätten nie gedacht, dass sie einmal auf eine Hilfsorganisation angewiesen sein würden“, erzählt Binder, die ihren Markt drei Mal pro Woche öffnet und damit rund 200 Kunden den Wocheneinkauf zu günstigen Preisen ermöglicht.

Auch wenn die Scham, in einem Sozialmarkt einzukaufen, in den letzten Jahren abgenommen habe, sei die Überwindung für viele immer noch groß, sagt Binder. „Es macht mich aber jeden Tag glücklich, dass wir Menschen unbürokratisch helfen“, sagt Binder. Einen Nachweis, dass man Sozialhilfeempfänger ist, um im Oberwarter Sozialmarkt einkaufen zu dürfen, braucht man nämlich nicht. Apropos Sozialhilfe: Der Bezirk Oberwart ist im Burgenlandvergleich jener Bezirk, der den größten Anteil an Mindestsicherungsbeziehern pro Kopf hat.

„Wenn jemand bei uns einkaufen will, weil er ein Schnorrer ist, dann sehe ich das schon von Weitem. Denjenigen würde ich dann doch lieber auffordern etwas zu spenden.“Gabriele Binder

„Wenn jemand bei uns einkaufen will, weil er ein Schnorrer ist, dann sehe ich das schon von Weitem. Denjenigen würde ich dann doch lieber auffordern etwas zu spenden“, schmunzelt Binder, die ihre Berufung auch dafür liebt, dass es immer „menschelt“. „Wir erfüllen so viele Aufgaben abseits des Einkaufens. Es ist ganz wichtig, dass die Leute uns ihre persönlichen Schicksale erzählen und das wir zuhören“, ist Binder überzeugt.

Besonders stolz ist die treue Seele des Sozialmarkts auch auf das Produktsortiment, das, wie sie selbst meint, „zum Niederknien ist.“ „Abgesehen von den Lebensmittelspenden der großen Supermärkte und von regionalen Produzenten, bekommen wir auch immer mehr Spenden von privaten Personen, die uns Lebensmittel vorbeibringen“, freut sich Binder. „Aber was halt immer sehr rar ist, sind Hygieneartikel oder Reinigungsmittel“, so Binder.

Und gerade weil die Kunden des Sozialmarkts immer mehr werden, ist in den nächsten Monaten eine Neuausrichtung in Planung. Man strebe Kooperationen mit der Volkshilfe und der Caritas an. „Wir stehen in enger Verbindung. Bis zum Sommer soll es hier Ergebnisse geben“, plaudert Binder über die Zukunftspläne für ihren Markt.

Ein besonderes Anliegen ist es ihr, einen Platz zu schaffen, an dem die Menschen vor oder nach dem Einkauf in gemütlicher Atmosphäre auch plaudern und sich austauschen können.