Irmgard Seidler: „Krieg akzeptiere ich einfach nicht“. Sie kämpfte weltweit für Gerechtigkeit. Heute lebt Irmgard Seidler in Kohfidisch. Auf einen Tee mit Burgenlands Miss Marple.

Von Vanessa Bruckner. Erstellt am 01. September 2019 (05:29)
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Seidler: „Man kann nicht immer alles gut machen, aber auf lange Sicht viel bewirken.“
Vanessa Bruckner

Die Nase in Sachen zu stecken, die sie in den Augen anderer nichts angehen, tut die 75-Jährige mit Vorliebe. Immer noch. Dabei plant Irmgard Seidler vorrangig natürlich nicht, „faule Machenschaften oder Freunderlwirtschaften aufzudecken“, aber genau das kennzeichnet, rückblickend betrachtet, den Weg der zierlichen kleinen Frau, der man ihren Mut auf den ersten Blick nicht ansieht.

1944 wird Seidler in Oberbayern während des Zweiten Weltkrieges geboren. „Ich war unterernährt, wäre fast gestorben und habe wie durch ein Wunder doch überlebt. Dem Krieg hab ich wohl schon als Säugling die Stirn geboten“, schmunzelt die Kohfidischerin mit Wurzeln in Deutschland, Südafrika, Kanada und den USA. Dort überall hat Irmgard Seidler nämlich gelebt.

Mit 23 ging sie nach Südafrika und arbeitete als „Bayerin für ein Unternehmen, das auf Seefrachttransporte spezialisiert war.“ Dass die alleinerziehende Mutter es dann schafft, in Kapstadt ein Kartell von Schifffahrtslinien aufzubrechen, war erst der Anfang von Irmgards Feldzug gegen Ungerechtigkeiten.

„Lebe, aber sieh dich auch immer vor!“

„Ich hatte keinen Tau von der Seefahrt, als ich zu arbeiten begann. Und auch zwischen Afrika und Deutschland lagen Welten. Aber am Ende habe ich ein Frachtpaket verhandelt, mit dessen Hilfe endlich fairer Wettkampf von mehreren Anbietern zugelassen wurde“, erinnert sich Seidler mit netter aber fester Stimme. In einem Vorort von Dallas im US Bundesstaat Texas, wo Seidler ebenfalls einen Teil ihres Lebens verbrachte, „habe ich mich mit der Müllmafia angelegt.

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Kann auch unbequem werden. Irmgard Seidler engagiert sich im Burgenland für Menschenrechte mit Schwerpunkt auf Asylwerber.
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Dort galt es, ein neues Recyclinggesetz durchzubringen und den Bau eines Golfplatzes auf Kosten von Zugang zum Wasser zu verhindern.“ Wie weit die zierliche, kleine Dame schon damals bereit war zu gehen, um gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen, machte sie auch den Amerikanern schnell klar. „Ich habe TV Sender kontaktiert, bin bei den Politikern auf der Matte gestanden, habe Demos organisiert, mich an Bäume gekettet und auch nächtliche Ausflüge zu, nennen wir es Recherchezwecken, waren dabei“, gesteht sie schmunzelnd und fügt an: „Und wir haben gewonnen, in jeglicher Hinsicht.“

Dann beschließt Irmgard Seidler gemeinsam mit ihrem Mann, die Pension in Österreich zu verbringen. „Wir dachten, in Österreich stimmt alles, hier gibt es keine Korruption, das ist ein feines, ehrliches Land. Zwei Wochen nachdem wir in Kohfidisch unsere Zelte aufgeschlagen haben, standen dann aber plötzlich die ersten Flüchtlinge vor der Tür und es war schnell klar, dass viele Asylquartiere eine Katastrophe sind und dass mit dem Leid dieser Menschen nicht nur Geld gemacht wurde, sondern die Hauptverantwortlichen dabei oft tatenlos zugesehen haben.“

Wer allerdings keineswegs nur zusehen wollte, war Burgenlands Miss Marple. Seit Jahren kämpft Irmgard Seidler deshalb auch hierzulande für Gerechtigkeit – und auch das mit Erfolg, wenngleich die Pensionistin nicht jeden Kampf gewinnen kann.

„Einige dieser Katastrophenquartiere für Flüchtlinge wurden geschlossen, dafür mussten meine Mitstreiter und ich aber oft auf die Barrikaden gehen. Ich bin vor Ort, prüfe die Gesetzeslage, ich weiß genau, wo ich die besten Anwälte bekomme, wie weit man gehen kann und oft auch muss. Wenn jemand aus dem Fenster springen will, dann renne ich los und wer mich süß nennt, der irrt gewaltig. Ich bin taff. Und Krieg, in welcher Form auch immer, akzeptiere ich einfach nicht.“