Die Heimat auf Papier

Wie viel ein Mann erleben kann, ist eine Sache. Wie viel er bewegen kann, eine andere. Josef „Sepp“ Graf und seine Chronik über Kotezicken.

Erstellt am 13. April 2021 | 06:26

Auf den Mount Everest würde er zwar nicht nochmal steigen, aber wozu ans obere Ende der Welt klettern, wenn man(n) auch von daheim aus in die Ferne schweifen kann. In weit zurückliegende Ferne um konkret zu werden, denn genau dahin ist der Sepp in den vergangenen sieben Jahren gereist: in die Vergangenheit.

Der 72-Jährige hat in akribischer Kleinarbeit und jahrelangen Recherchen auf Dachböden, in unzähligen Kisten und Laden von Archiven Informationen, Fotos, Daten und vor allem Geschichten über sein Heimatdorf Kotezicken gesammelt. Entstanden ist eine Ortschronik über 150 Seiten. „Angefangen hab ich ganz hinten, also im Jahr 1649, da stand nämlich früher ein Marterl bei uns im Ort mit dieser Datierung und das war mit die erste Dokumentation über Kotezicken. Im Zuge meiner Recherchen ging die Reise letztendlich aber noch einige Jahrhunderte weiter zurück - konkret bis ins Jahr 1283. Damals gehörte das Land, auf dem heute unsere Gemeinde steht, ungarischen Kleinadeligen“, erzählt Josef Graf begeistert.

Kotezickens Geschichte vom Jahr 1283 bis nach dem Zweiten Weltkrieg hat der ehemalige Monteur und Landwirt also zu Papier gebracht. Eine Chronik zu verfassen ist aber natürlich weit mehr, als das. „Ich habe früher schon gerne geschrieben, vor allem Gedichte in Mundart. Aber dieses Buch, das ist das Buch meines Lebens geworden.“ Die Ortschronik der 300 Seelengemeinde wurde als Fotobuch gedruckt. „Mir war eine hohe Qualität der Bilder sehr wichtig“, sagt der Sepp, der mittlerweile bereits 80 Stück seiner Chronik verkauft hat.

„Ein Exemplar kostet 95 Euro und ich hab anfangs nur 30 Stück bestellt. Ich hab nämlich ehrlich nicht gedacht, dass die Nachfrage so groß sein würde, aber es freut einen dann doch sehr.“ Von eingeschmolzenen Kirchenglocken, die Soldaten als Munition dienten und Kindern, die nach Kriegsende wiederum mit leeren Patronenhüllen schepperten, anstelle des Glockenläutens, weiß der Graf Sepp heute ebenso zu berichten, wie über jene neun Tage während des Zweiten Weltkrieges, in denen das kleine Örtchen zur Front wurde.

Vom kleinen Dorf raus in die große Welt

„In Kotezicken waren die Russen stationiert, im Nachbarort, Mischendorf wiederum die Deutschen. Was sich bei uns daheim damals alles abspielte, das wissen nur noch ganz wenige Zeitzeugen.“

Dass der weltgewandte Kotezickener wiederum selbst ganze Bücher mit seinen persönlichen Geschichten erzählen könnte, wissen außerhalb des Dorfes vermutlich nicht so viele, aber jetzt: Josef Graf hat im Laufe seines Lebens die halbe Welt bereist. Trotz Job, Landwirtschaft und Familie. „Zweimal quer durch China, vom Nordcap bis zur Südspitze Afrikas, von Indien bis hin nach Amerika und rauf ins Basislager des Mount Everest. Ich hab viel gesehen. Auf den Everest würd ich aber nicht mehr rauf, das war hart. Aber auch ein Erlebnis, klare Sache. Aber erleben kann man auch in einem Dorf wie Kotezicken einiges, glauben Sie mir.“