Schneemann: „Richtung ändern, damit Gutes gut bleibt“. Burgenlands Landesrat für Wirtschaft und Soziales, Leonhard Schneemann, lud die BVZ zu sich nach Hause ein. Ein Gespräch über vieles.

Von Vanessa Bruckner. Erstellt am 16. Oktober 2020 (05:33)

BVZ: Wie wird man denn gefragt, ob man einen der verantwortungsvollsten Jobs des Landes ausüben möchte? Oder vielleicht sogar, ob man sich das überhaupt zutraut? Hatten Sie wirklich und sprichwörtlich gar keinen Tau, dass man Ihnen den Posten anbieten würde?“

Leonhard Schneemann: Nein, überhaupt nicht! Das kam total überraschend. Ich hab die Nachrichten über den Rücktritt meines Vorgängers Christian Illedits im Fernsehen verfolgt und dachte dann noch „Aha, pfuh“ und „Ich bin gespannt, wer da jetzt nachkommt“. Ich war ja doch schon einige Jahre weg von der Politik und es war tatsächlich so, dass mich der Landeshauptmann in der Arbeit, zwischen zwei Meetings, angerufen hat und ich noch zu ihm meinte, ob es denn sehr wichtig sei, weil sonst würde ich ihn nach der Sitzung zurückrufen. Seine Frage, ob ich Burgenlands neuer Wirtschafts- und Soziallandesrat werden wolle, war dann schon wichtig genug, um am Telefon zu bleiben.“ (lacht)

BVZ: Wie viel Zeit blieb für die Antwort?

Schneemann: Ich erbat mir Bedenkzeit und meinte zum Landeshauptmann, dass wir uns am Wochenende z’ammsetzen. Er meinte daraufhin: „Wir treffen uns am Nachmittag“. Viel Zeit blieb also nicht, ein halber Tag, um genau zu sein. Nach meiner Zusage folgten aber doch ein paar schlaflose Nächte und eigentlich schlaf’ ich schon sehr gut.

BVZ: Sie kommen aus der Wirtschaft, das ist ihr Steckenpferd. Wie schlägt der „trockene Wirtschaftler“, wie es oft heißt, die Brücke zum Soziallandesrat?

Schneemann: Soziales und Wirtschaft greifen wie Zahnräder ineinander. Unsere Gesellschaft leistet sich Gott sei Dank ein sehr gutes aber auch sehr aufwendiges und kostenintensives Sozialsystem. Und das hat man nicht überall auf der Welt, das kann man klar sagen. So sieht das der Wirtschaftler in mir. Wir brauchen eine gute Wirtschaftsleistung, wir brauchen Arbeitskräfte, wir brauchen Leute, die in das Sozialsystem einzahlen, damit wir uns dieses leisten können. Ich lege also alles daran, dass das Burgenland weiterhin wirtschaftlich gut dasteht. Aber ohne soziales Miteinander keine Gesellschaft, keine Wirtschaft. Beide Ressorts bedingen einander, beide liegen mir am Herzen. Ich war ja auch viele Jahre als Rettungssanitäter für das Rote Kreuz tätig, so eine Aufgabe übernimmt man ja nicht der Statistik wegen.

BVZ: Sozial ist ein großes Wort. Was verbinden Sie als Erstes damit?

Schneemann: Dass man jenen in der Gesellschaft, die Hilfe brauchen, zur Seite steht und sie unterstützt. Egal, ob jemand mit einer Krankheit oder finanziellen Problemen zu kämpfen hat, diese Menschen zu unterstützen und vor allem ehrlich und aufrichtig unterstützen zu wollen, das ist für mich eine soziale Einstellung.

BVZ: Wie arbeitet man sich als ranghoher Politiker in den neuen Job ein? Wen bittet der Herr Landesrat um Hilfe, wen um Rat?

Schneemann: Mein bester Lehrmeister in den letzten zwei Monaten als Landesrat war meine frühere Tätigkeit in der Kommunalpolitik. Ich hatte in den acht Wochen noch zu keiner Zeit das Gefühl, dass ich wo ansteh´. Und es ist ja in vielen Berufen fast schon die Norm, dass man kaum bis gar keine Einarbeitungszeit mehr hat. Ich war vom ersten Tag an voll dabei. Aber mit dem Landeshauptmann tausche ich mich natürlich viel und regelmäßig aus. Wenn ich mir wirklich nicht ganz sicher bin, dann klopf ich bei ihm an. Und nicht zu vergessen mein tolles Team, das mich in allen Belangen unterstützt.

BVZ: Ihr allererster „Das will ich als Landesrat verändern“ – Gedanke?

Schneemann: Es geht nicht immer nur darum, etwas zu verändern, sondern auch darum, Gutes zu erhalten. Unser höchstes Gut als Staat ist die Demokratie. Aber Demokratie geht nur, wenn es Menschen gibt, die sich dieser Aufgabe auch widmen und da wirklich viel Zeit investieren. Dieser Aufgabe habe ich mich verpflichtet. Und es ist mir ein besonders großes Anliegen, unser Sozialsystem mit seinen hohen Standards aufrecht zu erhalten. Dafür braucht es neue Modelle, wie beispielsweise die pflegenden Angehörigen. Und hier braucht es wiederum Synergien. Um ihre Frage zu beantworten: Ich möchte bestehendes Gutes erhalten, in dem ich nicht stets die Sache an sich, aber vielleicht den Weg Richtung Zukunft verändere, damit Gutes am Ende gut bleibt.

BVZ: Stichwort Synergien bei Pflegeinstitutionen schaffen. Wie soll/wird das konkret passieren in Zukunft?

Schneemann: Wenn ich in der Früh zur Arbeit fahr, sehe ich im Ort Autos von drei Trägerinstitutionen der mobilen Hauskrankenpflege parken. Beim einen hilft die Caritas, dort die Diakonie, in der nächsten Gasse steht ein Auto der Volkshilfe. Unser oberstes Ziel in der Landespolitik ist es, die Menschen so lange wie möglich in der häuslichen Betreuung zu halten. Ich persönlich hoffe darauf, dass sie mich einmal aus meinem Haus raustragen, wie man das so sagt, also bis zu meinem Tod in meinen eigenen vier Wänden bleiben zu können. Und Studien zufolge ist das der Wunsch des Großteils der Menschen hierzulande. Tagesbetreuung, Langzeitbetreuung, mobile Betreuung, betreutes Wohnen - es gibt bereits viele Angebote. Und hier möchten wir vermehrt auf das Case und Care Management setzen, das eine ausführliche Beratung vorab bietet, bei dem gemeinsam mit Pflegebedürftigen und Angehörigen das individuell beste Pflegemodell erarbeitet wird. Je mehr Infos vorab, umso effizienter und oftmals auch kostengünstiger kann sich die Pflege am Ende gestalten.

BVZ: Hat sich der Leonhard Schneemann privat verändert?

Schneemann: Nein. Familie und Freunde sind und bleiben das Wichtigste in meinem Leben. Und man sieht mich nach wie vor mit dem Traktor im Ort herumdüsen. Wobei ich mehr damit spazieren fahre, als ihn zu Arbeitszwecken zu nutzen, aber das war vorher auch schon so, nur jetzt ist es offiziell.