SOS-Kinderdorf-Leiter Zeliska: Hoffnung neu erfinden

Wie geht es dem SOS-Kinderdorf, in dem so viele Kinder verschiedenster Altersstufen zusammen leben? Die BVZ sprach mit Leiter in Pinkafeld, Marek Zeliska, über Hürden und Chancen.

Erstellt am 05. Dezember 2020 | 04:01
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Der Leiter des SOS-Kinderdorfs in Pinkafeld erzählt über die Herausforderungen, die in der Corona-Zeit gemeistert werden müssen.
Foto: BVZ

BVZ: Wie hat Corona den Alltag im SOS-Kinderdorf verändert?

Marek Zeliska: Corona hat uns alle überrascht, schockiert und Angst gemacht. Plötzlich hatten und haben wir noch immer wochenlang Kids und Jugendliche aus verschiedenen Schultypen vor Ort. Die Besuche mussten wir überdenken. Aber der Alltag muss weitergehen. Auch während Corona gibt es Anfragen und Situationen, bei denen wir arbeitsfähig bleiben müssen. Ein sehr emotionales Beispiel kann ich hier erwähnen. Wir haben einen Anruf von der Kinder- Jugendhilfe bekommen. Es war eine Anfrage für das SOS-Krisenteam. Die Auskunft war, dass ein Bursche die Rettung angerufen hat, weil er seinen Vater bewusstlos gefunden hatte. Der Vater wurde vor Ort reanimiert und die zwei Jugendlichen haben zugeschaut. Der Vater war Alleinerzieher und keine Familie ist vorhanden. Die Anfrage hat sich dann verändert mit der Bitte, dass wir die zwei Burschen als Krise aufnehmen. Der Vater wurde ins Krankenhaus transportiert. Wir haben die zwei Burschen aufgenommen. Mittlerweile ist der Vater gestorben und wir haben die Burschen vorige Woche zum Begräbnis begleitet.

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BVZ: Wie wurde der erste Lockdown gemeistert?

Zeliska: Beim ersten Lockdown waren wir alle so schockiert, dass das Kinderdorf, obwohl alle da waren, fast wie ausgestorben war. Homeschooling hat relativ gut funktioniert, wobei wir technisch an unsere Grenze kamen. Wir mussten zusätzliche MitarbeiterInnen anstellen und es wurden einige Überstunden geleistet. Man muss sich das so vorstellen, dass wir normalerweise am Vormittag eine Person pro Haus haben und plötzlich brauchten wir die ganze Zeit mindestens zwei Personen pro Tag. Ich bin sehr froh, dass unsere MitarbeiterInnen, obwohl sie genauso zu Hause Familien haben, sehr flexibel waren und sind.

BVZ: Wie haben die Kinder darauf reagiert?

Zeliska: Die Kids beobachten so wie auch zu Hause die Erwachsenen. Alle haben gleich gemerkt, dass die Lage ernst ist. Die Struktur und Sicherheit können ihnen nur die Erwachsenen geben.

BVZ: Was wurde aus den Erfahrungen im März in den zweiten Lockdown mitgenommen?

Zeliska: Vieles hat sich „normalisiert“. Die Herausforderung ist, dass wir besonders bei den Jugendlichen den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit schaffen. Auffallend oft geht es in dem zweiten Lockdown um Anfragen für die Unterstützung von Familiensystemen, wo es zu Gewalteskalationen gekommen ist, Partner weggewiesen wurden und jetzt in der Krise unterstützt werden soll. Immer wieder gibt es Anfragen zur Unterstützung von Mehrkindfamilien. Was wir auch mit der Mobilen Familienarbeit leisten. Durch unsere vielfältigen Angebote können wir sehr oft passgenau arbeiten. Die Schule erleben wir diesmal auch viel entspannter. An dieser Stelle möchte ich auch ein großes Danke an alle PädagogInnen aussprechen.

BVZ: Wie hat sich die Organisation der Gruppen verändert?

Zeliska: Wie ich schon erwähnt habe, brauchen wir viel mehr Personal. Wir dürfen nicht übersehen, wenn jemand an seine Grenze kommt. Covid-19 endet nicht beim SOS-Kinderdorf Eingang. Diese Belastung geht auch zu Hause weiter. Eine Kinderwohngruppe hat die eigenen vier Wände verlassen und brach in ein Selbstversorgerhaus auf, ausgerüstet mit Nahrungsmitteln für 14 Tage, Schulzeug, W-Lan-Box und Laptops. Das Team der Wohngruppe entschied sich dafür, dass immer zwei SozialpädagogInnen für sieben bis zehn Tage am Stück die Betreuung übernehmen. So war gewährleistet, dass zwischen den Dienstzeiten genügend Zeit zur Erholung und eine eventuelle Genesung bleibt.

BVZ: Wie wird mit Corona-Fällen umgegangen?

Zeliska: Beim ersten Lockdown wurden wir in Pinkafeld verschont. Jetzt hatten wir einige Fälle, aber auch die Erfahrung, wie man mit der Situation umgehen kann. Wir haben interne und externe Ausweichmöglichkeiten gefunden, was uns sehr hilft. Bei dem Personal wiederholt sich die Situation, dass einige in Quarantäne sind und wir die Betreuung der Kinder und Jugendlichen gewährleisten müssen.

BVZ: Haben sie ausreichende Unterstützung vom Land bekommen?

Zeliska: Unsere MitarbeiterInnen gehören zu dem systemrelevanten Personal. Wir können nicht einfach zusperren oder ins Homeoffice gehen. Wir müssen immer einen Plan B haben. Die MitarbeiterInnen haben eine Coronazulage erhalten. Das hat uns auch das Land Burgenland refundiert. Wie man das mit den Zusatzkosten (mehr Personal, Überstunden…) regeln wird, ist noch offen. Zur Zeit verhandeln wir noch. Der Ball liegt beim Land. Ich bin zuversichtlich, da wir bis jetzt fast immer eine gemeinsame Lösung gefunden haben. Schlussendlich handeln wir auch im Auftrag vom Land!

BVZ: Welche Tipps können Sie Familien geben, um gut durch diese schwierige Zeit zu kommen?

Zeliska: Das SOS-Kinderdorf reagierte sehr schnell. Wir haben einige online Plattformen ins Leben gerufen. Die geben regelmäßig Tipps. Erwähnen möchte ich z.B. Elternseite.at. Hier gibt es einige konkrete Vorschläge wie man verhindert, dass Eltern und Kindern die Decke auf den Kopf fällt: Ruhig bleiben, Angst ist ansteckend. Wenn Sie selbst ruhig bleiben, gibt das Ihrem Kind Sicherheit. Struktur geben. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass die schulfreie Zeit keine Ferien sind. Etwas länger schlafen als sonst ist kein Problem – ein strukturierter Tagesablauf ist jedoch sehr wichtig. Virtuelle Kontakte. Unterstützen Sie Ihr Kind, soziale Kontakte digital aufrecht zu erhalten. Zum Beispiel Skypen mit der besten Freundin oder regelmäßig mit der Oma über WhatsApp telefonieren. Und Abwechslung in den eigenen vier Wänden: Selbst erfundene Spiele können die Zeit daheim zu einem Abenteuer machen. Wie wäre es mit einer Verkleide-Ecke, in der Ihr Kind in bunte Stücke aus Ihrem Kleiderschrank, Schuhe oder ausgediente Hüte schlüpfen kann? Auch eine Schatzsuche in der Wohnung bringt Spaß.

BVZ: Wie viele Kinder leben im Moment im SOS-Kinderdorf?

Zeliska: Wir begleiten im Burgenland stationär und mobil rund 250 Kinder, Jugendliche und Familien. Unsere Stärke ist die Vielfalt der Angebote. Ich kann fast behaupten, dass wir damit fast für jeden das Individuelle anbieten können. Das heißt nicht, dass alles sofort anders ist und klappt. Es muss reifen, damit es greift oder wie das unsere Kollegin formulierte, wo es keine Hoffnung gibt, muss man sie erfinden.

Interview: Dorothea Müllner-Frühwirth