Jay Immer als Burgenlands „Präsident“

Jay Immer ist das Double des 40. Präsidenten der USA und die Hauptfigur in Clemens Bergers neuestem Buch. Ein Emigrant aus Rechnitz, der Geschichte ist - und schrieb.

Erstellt am 11. Oktober 2020 | 18:29
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Der Oberwarter Schriftsteller Clemens Berger ist viel gereist und weit gekommen. Sein Roman „Der Präsident“ ist im Residenzverlag erschienen. Berger eröffnete am Wochenende die OHO Buchwochen.
Foto: P.Theisen

BVZ: Dein Roman „Der Präsident“ erzählt von einem Polizisten, namens Jay Immer, der in den 1980ern als Double von Ronald Reagan quer durch die USA unterwegs ist. Diesen Jay gab es wirklich, er hieß Jay Koch, wurde im Burgenland geboren und war das Kind von Auswanderern. Woher genau stammte Koch ursprünglich und hat der „Reagan mit Gewissen“ das Burgenland je wiedergesehen?

Clemens Berger: Koch stammte aus Rechnitz. Ob er das Burgenland je wiedergesehen hat, weiß ich nicht. Ich weiß überhaupt nur sehr wenig über ihn. An seiner Geschichte ist gerade eine Journalistin dran - gemeinsam mit einem Verwandten Kochs. Ich habe von Jay Koch für meine Geschichte nur die Eckdaten übernommen: geboren im Burgenland, ausgewandert in die USA, Polizist, Doppelgänger Reagans, Auftritte in ‚Zurück in die Zukunft II‘ und ‚Hot Shots II‘. Den Rest habe ich erfunden. Mich hat die Frage interessiert, was das bedeutet, immer mit einem anderen verglichen zu werden. Weil man so aussieht wie er. Noch dazu wie der mächtigste Mann der Welt. Eine Fantasie auf eine Biografie. Mein Präsident Jay Immer kehrt in seine Geburtsstadt zurück: nach Oberwart. Und zwar zum 60er seiner Frau, deren Vorfahren auch aus dem Burgenland stammen. Da hat er einen unvergesslichen Auftritt als Reagan. Gerade heute finde ich es besonders schön, einen US-Präsidenten zu zeigen, der ein Emigrantenkind ist. Auch wenn es nur der Doppelgänger ist.

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BVZ: Deine Hauptfigur und der Klimawandel bilden gemeinsam ein zentrales Thema in deinem Roman. Du selbst hast an der Bowling State Green University in Ohio mit Studenten die Geschichte des Klimawandels erarbeitet. Wie bitte „studiert“ man die Geschichte des Klimawandels? Wo hast du angefangen, wo aufgehört und wie steht Österreich deiner Meinung nach in dieser Historie da?

Berger: Der Ausgangspunkt war die grandiose Reportage „Losing Earth“ von Nathaniel Rich, die auch auf Deutsch erschienen ist. Sie erzählt den Kampf gegen den Klimawandel in den 1980ern, als man einige Male kurz davor war, international verbindliche Verträge zur Reduktion von Treibhausgasemissionen zu bekommen. Das ist dann aber an der Lobbyarbeit und am Geld der großen Konzerne gescheitert, und jetzt haben wir die Misere. Ich hatte, wie viele wahrscheinlich gedacht, dass die Frage des Klimawandels erst im letzten Jahrzehnt medial thematisiert wurde. Diese Fragen habe ich mit den Studentinnen und Studenten behandelt. Ich habe darüber einen Text im „Standard“ geschrieben, „Losing Earth“, den kann man auch online lesen. 1989 gab es einen internationalen Klimagipfel in Holland, zu dem in meinem Roman Jay Immer und ein Gorbatschow-Doppelgänger reisen. Der Gipfel scheiterte. In den 30 Jahren danach wurde mehr CO2 in die Atmosphäre gepumpt als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor. Mehr muss man dazu nicht sagen.

BVZ: Wie viel Wahrheit bleibt am Ende in einem Roman, dessen Hauptfigur wirklich gelebt hat? Wie gehst du als Erschaffer von Fiktion und Wirklichkeit damit um?

Berger: Mein Jay Immer hat wirklich gelebt und lebt wirklich - in meinem Roman. Den Wissenschaftler und den Aktivisten, mit denen er sich gegen den Klimawandel einsetzte, hat es wirklich gegeben - die leben noch. Den Gorbatschow-Doppelgänger, der anfangs sein Konkurrent, später sein Freund ist, hat es wirklich gegeben. Was mein Präsident Jay Immer, der als Julius Imre in Oberwart geboren wurde, getan hat, ist leider nur in meinem Roman geschehen. Aber dadurch ist es eben auch geschehen — für alle, die ihn lesen.

BVZ: Im Denken, Leben und Schreiben zeigt sich der Schriftsteller Clemens Berger weltumfassend. Vergangenes Wochenende warst du im Zuge einer Lesung anlässlich der Buchwochen im OHO zu Gast. Wer ist Clemens Berger, wenn er nach Oberwart heimkommt?

Berger: Ein Oberwarter. Da bin ich aufgewachsen und groß geworden, da hatte ich in einer kleinen Welt die große, da habe ich vieles gelernt und erfahren, weil ich äußerst neugierig war. Und bin. Ich komme immer gern nach Oberwart, jetzt, mit meiner dreizehn Monate alten Tochter, noch lieber. Sie kann in dem Garten spielen, in dem ich gespielt habe, hat wunderbare Großeltern, Onkel, Tante und zwei Cousinen. Wenn ich mit ihr auf meinen alten Wegen spaziere, bin ich sehr glücklich.

Interview: Vanessa Bruckner