Verletzter Wiesberger: „Solange es braucht, braucht es“. Österreichs bester Profigolfer ist derzeit verletzt und spricht über die schwierigen letzten Wochen, die Hoffnung auf ein baldiges Comeback und die weitere Karriere.

Von Bernhard Fenz. Erstellt am 29. Juni 2018 (04:43)
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Viel Zeit zum Nachdenken. Bernd Wiesberger kommt ob der verletzungsbedingten Zwangspause immer wieder zum Grübeln. Ziel ist, völlig fit wieder auf die European-Tour-Bühne zurückzukehren.
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Die Shot Clock Masters in Atzenbrugg als European Tour-Heimevent, die US Open als zweites Major-Event des Jahres, diese Woche die Open de France in Paris, wo er 2015 seinen bislang größten Erfolg auf europäischer Ebene gefeiert hatte: Überall fehlt Bernd Wiesberger derzeit. Österreichs Nummer eins steht aktuell neben der Spur, was Turniergolf betrifft.

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In den vergangenen Wochen lernte er eine völlig neue, ungewohnte, Rolle im Profigolf kennen. Der 32-jährige gebürtige Oberwarter ist schließlich seit Anfang Mai außer Gefecht. Da zog er sich bei einer Golfrunde eine Handgelenksverletzung zu, die ihn für rund zwölf Wochen zu einem Turnier-Aus zwingt.

Aktuell steht Wiesberger in der Reha, meidet, wie er sagt, den heimischen Golfplatz in Bad Tatzmannsdorf (um nicht zu früh verleitet zu werden) und verbringt gleichzeitig bei Einheiten im Fitnessstudio oder im Zuge der Therapie viel Zeit mit der Arbeit am Comeback. Wann das tatsächlich erfolgen wird, ist ungewiss.

Optimalerweise steigt Bernd Wiesberger zu „The Open“, also den British Open (das dritte Major-Turnier des Jahres), von 19. bis 22. Juli wieder ein. Das ist aber ebenso unsicher wie eine Prognose, wann der Südburgenländer denn im Anschluss wieder seine Topform erreichen kann. Die BVZ traf den Golfprofi nach einer Reha-Einheit im Reiters Resort Bad Tatzmannsdorf zum Interview und fragte nach.

BVZ: Wie ist der aktuelle Stand bei Ihrer Handgelenksverletzung?

Bernd Wiesberger: Ich befinde mich in der Heilungsphase. Bei einer Sehnenverletzung benötigt es aufgrund der schlechten Durchblutung Zeit, bis das Gewebe komplett verheilt. Parallel dazu habe ich einige Experten, die mir punkto Stabilisation, Kräftigung et cetera helfen. So muss man dann Schritt für Schritt gehen, damit dann wieder Golfschläge mit der nötigen Sicherheit möglich sind.

Ist ein Comeback-Zeitpunkt Mitte/Ende Juli realistisch?

Natürlich hoffe ich, dass es schneller wie geplant geht. Trotzdem gibt es kein fixes Datum. Juli, August, September: Solange es braucht, braucht es.

Demnach setzen Sie nach hinten keine Grenzen?

Es geht erst los, wenn es komplett ausgeheilt ist. Wann das sein wird, ist nicht genau definierbar, weil die Biologie im Körper unterschiedlich reagiert. Natürlich gibt es Maßnahmen, dass man schneller schmerzfrei werden könnte. Die könnten aber dann langfristig ein Problem werden.

Bei Fußballern ist der Kreuzbandriss der Klassiker unter den gefürchteten Verletzungen. Ist diese Verletzung ein Golfklassiker?

Mit Sicherheit ist das nicht außergewöhnlich. Auch der untere Rücken und die Schulter können bei Golfern zum Problem werden. Aber das Handgelenk ist ebenfalls ein Bereich, der immer wieder vorkommt, wenn etwas passiert.

Sommerlicher Fokus: Bernd Wiesberger will nach der zugezogenen Verletzung Anfang Mai möglichst zeitnah wieder abschlagen. Foto: GEPA
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Hätte es für Sie bei dieser Verletzung eigentlich noch schlimmer kommen können?

Definitiv. Es ist auch schon passiert, dass man sich die Sehne komplett durchreißt. Dann würde ich jetzt operiert hier sitzen – und das wären dann andere Eingriffe und auch andere Zeiträume.

Einen ersten Test mit dem Schläger haben Sie wieder abgebrochen. Wie hoch ist das Risiko, zu rasch wieder zu beginnen?

Zum einen besteht die Gefahr von chronischen Schmerzen, falls da etwas falsch zusammenwächst. Andererseits kann es sein, dass die gleiche Verletzung immer wieder passiert, wenn der Heilungsprozess nicht komplett abgewartet wird. Dann stehst du wieder am Anfang. Deshalb muss man jetzt auch noch Zeit geben.

In der Weltrangliste sind Sie auf Platz 74 abgerutscht. Wie geht es Ihnen da mit dem Zuschauen?

Die letzten Wochen waren schon eine mentale Frage. Ich habe mit meinen Physiotherapeuten und meinem Sportarzt ein Programm entwickelt, dass ich meinen Tag besser fülle. Wenn du plötzlich einen komplett anderen Tagesablauf wie in den letzten paar Jahren hast – eben nicht vollgefüllt mit Golfspielen – dann verlaufen die Tage teilweise auch leer. Da muss man eine Routine reinbringen, und zwar nicht jene eines Golfprofis, sondern eines Verletzten, der sich zurückarbeitet. Zuletzt habe ich es mit ein paar Maßnahmen und höherer Intensität geschafft, dass die Tage besser verlaufen.

Das hört sich nach neuen Erfahrungen und einem Lernprozess an.

Ja, man muss die neue Erfahrung mitnehmen. Ich habe mir das auch leichter vorgestellt – drei, vier Wochen ein paar Übungen machen und dann wird das schon wieder. Dann habe ich realisiert, dass es länger dauert.

Können Sie das Daheimsein trotz der Umstände auch genießen?

Es ist ein Zwischenspiel. Ich würde aber lügen, wenn ich nicht einfach lieber spielen würde.

Wie groß wird der Druck, wenn Sie wieder zurückkommen? Die Spielberechtigung für die European Tour haben Sie bis 2019.

Ja, den Druck der Tourkarte habe ich nicht.

Trotzdem haben Sie ja generell auch einen anderen Anspruch.

Sollte ich in dieser Saison über die Open (Anm.: British Open, 19. bis 22. Juli) hinaus verletzt bleiben, wird es schon alleine schwierig werden, in die Finalserie zu kommen, wenn ich keine Punkte machen kann. Von dem her – abhängig davon, wann ich wieder spielen kann – hat die heurige Saison eine gewisse Nichtigkeit, sowohl von den Turnieren als auch von der Weltranglistenposition.

Wie blicken Sie demnach Ihrem Comeback entgegen?

Es ist für mich ein bisschen wie ein Reset und mit Sicherheit ein gewisser Neustart. Ich war davor in einer Position, wo ich alle Turniere spielen konnte. Das wird, wenn jetzt alles vorbei ist, mit Sicherheit nicht mehr so sein. Dann ist halt eine neue Zielsetzung herauszufinden.

Was wäre eine neue Zielsetzung?

Alles ist davon abhängig, wie ich wieder reinkomme. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal so viele Wochen kein Turnier- oder Trainingsgolf spielen konnte.

Trotzdem wissen Sie ja, was Sie können.

Ich weiß ja dann eben nicht mehr, was ich kann und muss mit Sicherheit zwei, drei Wochen trainieren können, bevor ich ins Turniergolf einsteige. Mit sieben, acht Tagen Training hat es beispielsweise keinen Sinn, dass ich bei den British Open antrete. Da muss es eine Vorlaufzeit geben und da muss man sich im Training ganz verändern, hohe Ziele setzen und auch umsetzen können. Diese mentale Komponente, die du während einer Turnierrunde hast, musst du ebenfalls vorab ausreizen können. Es darf kein komplettes Neuland sein, wenn du dann am ersten Tee stehst.

So gesehen ist es also tatsächlich unsicher, in welcher Verfassung Sie wieder zurückkommen.

Skifahrer, die nach einer Olympia-Saison und den Sommerferien wieder mit dem ersten Schneetraining beginnen, fahren auch drei Sekunden langsamer als am Höhepunkt der Saison. Wenn das bei mir heißt, dass ich fünf, sechs Schläge schlechter spiele als in Hochform, ist das ein Weltunterschied. Ich weiß eben nicht, wo diese Linie sein wird, wenn ich wieder voll spielen kann.

Auffallend oft erwähnen Sie aber die British Open. Ist dieser Zeitpunkt so reizvoll und auch realistisch, wenn alles perfekt läuft?

Die zehn bis zwölf Wochen, die als Pause definiert wurden, fallen eben rund um dieses Datum rein. Daher gibt es den Hoffnungsschimmer, dass ich dort dabei sein kann. Es kann schneller verlaufen, aber es gehört eben auch dazu, dass ich davor in gewissen Ausmaß schon trainieren kann. Ich wäre gerne dabei, aber es kann kein Zwang dahinter sein.

Wie beurteilen Sie Ihre Saison vor der Verletzung?

Mit Ende August 2017 hat sich ein negativer Faden eingewirbelt, der sich nicht zu 100 Prozent aufgelöst hat. Jetzt habe ich ein paar Wochen Zeit, um alles auf Eis zu legen und dann vielleicht auch mit ein paar neuen Ansätzen den Aufbau neu zu starten – sowohl vom Körperlichen, als auch vom Golferischen.

Ein Ziel im heurigen Jahr war die Qualifikation für das europäische Aufgebot im Ryder Cup, der Ende September in Frankreich über die Bühne geht. Was müsste theoretisch passieren, dass Sie noch auf den Ryder Cup-Zug aufspringen?

Wenn ich fit werde und eines von den zwei Majors gewinne. Wird das als realistische Möglichkeit gesehen, dann ist es noch möglich. Die Wahrscheinlichkeit ist aber gering.

Sie sind 32 Jahre alt. Wo sehen Sie sich derzeit, bezogen auf Ihre gesamte Profi-Karriere?

Wenn man davon ausgeht, dass ich noch ein paar erfolgreiche Jahre habe, sehe ich mich irgendwo in der Mitte. Ich denke aber nicht, dass ich bis tief in meine 50er oder 60er-Jahre an einer Seniors Tour teilnehmen werde. Alles ist abhängig davon, wie erfolgreich die nächsten zehn oder 15 Jahre verlaufen werden.

Sie waren in der Weltrangliste bereits auf Position 23, da wird die Luft schon dünn. Was ist für Sie generell nach oben hin möglich?

Die Punkteverteilung der Weltrangliste ist etwas USA-lastig, das heißt, die meisten Punkte werden in Amerika ausgespielt. Von daher ist es auch extrem schwer, dass du unter die ersten 15, 20 in der Welt kommst, wenn du nicht auch reguläre Turniere in den USA spielst und dazu bei den Majors hoch reüssierst. Ich war aber wie gesagt schon weiter vorne und sehe keinen Grund dafür, dass ich es nicht wieder schaffe.

Sie haben in den USA bereits genügend Turniere gespielt. Würden Sie, Stichwort mehr Punkte, über kurz oder lang auch dauerhaft den Schritt in die nordamerikanische PGA-Tour wagen?

Viel ist davon abhängig, sich wohlzufühlen. Ich habe mich mit meinen Turnierentscheidungen immer wohlgefühlt, auch mit jenen in Amerika. In diese Richtung kann ich es mir vorstellen, aber bei einer hundertprozentigen Verlagerung in die USA weiß ich nicht, ob mir das gut tut. Diese Komponente muss man auch mit einfließen lassen.