Hans Niessl: „Man muss den Ablauf neu überdenken“

Sport Austria-Präsident und Alt-Landeshauptmann Hans Niessl regt eine Saison mit viel mehr Spielen in der warmen Jahreszeit an.

Erstellt am 26. April 2021 | 02:23
Hans Niessl
Sport Austria-Präsident Hans Niessl würde sich mehr Flexibilität und Pragmatismus im Amateurfußball wünschen.
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

Langweilig wird Hans Niessl in Zeiten wie diesen nicht. Als Präsident von Sport Austria – dem Dachverband des gesamten organisierten Sports in Österreich – kämpft er bei den Covid-Maßnahmen und den damit einhergehenden geplanten Öffnungsschritten stets dafür, dem Sport den nötigen Stellenwert zu verschaffen. Dafür braucht es eine stetig hörbare Stimme, Niessl ist hier das Sprachrohr. Und wird nicht müde zu betonen, wie wichtig der Sport gerade zur Bewältigung einer Gesundheitskrise sein kann. „Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Sport dem Gesundheitswesen pro Jahr rund 530 Millionen Euro an Behandlungskosten erspart.“

Sport wäre möglich: „Die Konzepte gibt es“

Nicht einmal der beliebte Bewegungsmuffel-Sager Sport ist Mord gelte in dem Zusammenhang, denn: „Bei dieser Summe sind schwere Skiverletzungen und sämtliche Behandlungen von durch Sport zugezogene Verletzungen bereits abgezogen.“ Fakt sei daher, dass Sport der kollektiven Gesundheit sehr wohl entscheidend weiterhelfe.

„In der schönsten Zeit des Jahres muss doch gespielt werden. Da kommen die Zuschauer, da macht der Fußball auch Spaß.“ Hans Niessls Zugang zum Amateurmeisterschafts-Thema

Nicht nur diesen Aspekt will der Alt-Landeshauptmann in der Dauerschleife an die Masse herantragen. Auch der Umstand, dass längst mehr möglich sein könnte als zarte Nachwuchsgruppen-Einheiten und Individualsport bei den Erwachsenen, sei wichtig. Aktive Mannschaften im Freien in Verbindung mit einer entsprechenden Teststrategie, gepaart mit der Berücksichtigung aller längst laufender Tests an den Schulen, seien für Niessl absolut realistisch. „Sport verantwortungsvoll betreiben, ist definitiv möglich. Die Konzepte gibt es.“

„Ich weiß, dass ich damit vielleicht anecke“

Inwiefern sich die derzeit noch unterbrochene Fußballmeisterschaft im Amateurbereich unter den aktuellen Voraussetzungen ausgehen wird, kann freilich auch er nicht prognostizieren. Sehr wohl aber hat der 69-Jährige einen Denkansatz, wie es vom Meisterschaftsbetrieb her besser gehen könnte. „Ich weiß, dass ich damit vielleicht anecke, aber ich bin ein Verfechter dafür, das System grundlegend zu verändern.“

Ein Umstand stört den gebürtigen Frauenkirchener dabei fast schon chronisch: „Für mich ist es schlecht und unlogisch, dass im Juni, Juli und August relativ wenig im Amateurbereich passiert“, zielt Niessl auf den grundsätzlichen Zeitplan der Meisterschaft ab. So nicht gerade die Covid-Pandemie alles durcheinanderwirbelt, startet die Punktejagd in der Regel im August – hier aber auch nicht in allen Ligen gleich zu Beginn – und endet spätestens Mitte Juni. „Da müsste man den Ablauf völlig neu überdenken. In der schönsten Zeit des Jahres muss doch gespielt werden. Da kommen die Zuschauer, da macht der Fußball auch Spaß.“

In diesem Zusammenhang erinnert sich Niessl gerne an seine aktive Frauenkirchen-Kickerzeit zurück – und zieht eine Parallele: „In den 70er Jahren gab es die Maul- und Klauenseuche, weshalb die Meisterschaft unterbrochen war und wir dann im Juli gespielt haben – zweimal die Woche, inklusive Heurigem am Platz danach, da war Sport und das Gesellschaftsleben vereint. Alle hatten Spaß.“

Nun ist im Jahr 2021 aber freilich noch lange nicht klar, wann und unter welchen Voraussetzungen wieder so etwas wie Normalität eintritt. Ebenso gibt es im laufenden Fußballbetrieb Bestimmungen, die einzuhalten sind. Und doch sieht Hans Niessl keinen Grund, um hier nicht neu zu denken. „Im Winter kann ich eine längere Pause für die Regeneration einlegen, das wäre ja auch jahreszeitbedingt vernünftig. Im Sommer aber würde eine sehr kurze Pause von vielleicht zwei Wochen zwischen den Saisonen reichen – und dann geht es schon wieder weiter mit der neuen Meisterschaft. Da braucht man dann auch keine eigene Vorbereitung.“ Fast volley von einer Saison in die nächste überzugehen, die warme Jahreszeit und den Sommer über zu spielen – automatisch tun sich bei diesem Konstrukt Fragen auf. Beispiel: Was ist mit der Transfer- und der Planungszeit? Wie sieht es mit Urlaubszeiten für Spieler aus, wenn praktisch durchgekickt wird? „Wer sagt, dass ich in der Transferzeit nicht spielen kann? In der Bundesliga ist das doch auch möglich, dann wird das im Amateurbereich ebenso gehen. Spieler können in den 14 Tagen Pause in Urlaub gehen oder sind dann eben einfach auch einmal nicht da, weil sie urlaubsbedingt fehlen.“ Der Ex-Spieler und -Trainer verweist in diesem Zusammenhang auch auf einen Umstand: „Wir befinden uns immer noch im Amateurbereich. Da muss es möglich sein, dass der eine oder andere Spieler einmal fehlt. Davon wird der Amateurfußball nicht untergehen, aber die Zuschauer kommen. Die wollen lieber im Juli bei bestem Wetter am Sportplatz stehen als im Februar.“

Bestimmungs-Hürde dürfe nicht blockieren

Selbst in Bezug auf die derzeit unterbrochene Meisterschaft geht Niessl den offensiven Schritt und sagt: „Das würde sich schon ausgehen, wenn mein Vorschlag umgesetzt würde.“ Stichwort noch den gesamten Juli mitnehmen und dann nach kurzer Pause weitermachen.

Erst vergangene Woche verständigte sich Burgenlands Fußballverbands-Vorstand darauf, die neue Saison 2021/ 2022 schon Ende Juli zu starten. Parallel dazu gibt es aber einen bundesweiten Schulterschluss der Landesverbände, spätestens am 4. Juli die aktuelle Saison 2020/2021 zu beenden. In Niederösterreich ist der Amateurbetrieb bereits annulliert, weitere Bundesländer werden wohl folgen. Das Burgenland wartet hier noch ab, steht aber tatsächlich ebenfalls vor dem Abbruch, weil das Zeitfenster zu knapp wird, um alle offenen Spiele über die Bühne zu bringen.

So sagen es die Bestimmungen, die es im organisierten Fußball eben auch braucht. Ob dieses System aber so kompromisslos verfolgt werden muss, bezweifelt der Sport Austria-Präsident, dem das Konstrukt generell zu starr erscheint. „Ich würde anregen, dass man sich beim ÖFB überlegt im Sommer mehr oder weniger durchzuspielen und eine längere Winterpause zu planen. In der heutigen Zeit muss ich alles überdenken, doppelt und dreifach – vor allem in der Pandemie. Die verlangt vielleicht auch Lösungen, die anders sind, als jene, die es vorher gegeben hat.“

Dass hier auch vergleichsweise rasche und vor allem in Bezug auf die Bestimmungslage flexible Entscheidungen notwendig sein würden, ist Niessl bewusst. Selbst wenn freilich der sportrechtliche Aspekt und etwaige juristische Problemfelder dann immer wieder mitzuschwingen drohen. Und doch will er seine Ansätze vor allem als Plädoyer für mehr Pragmatismus und lösungsorientiertem Denken verstanden wissen. Hier müsse man den offensiven Weg gehen.

„Glaube, dass es ein Zusammenrücken gibt“

Im sportlichen Fokus von Hans Niessl gibt es in diesen Tagen übrigens noch eine richtig große Baustelle, die er aufmerksam beobachtet: das Lizenz-Thema rund um die Wiener Austria. Als langjähriger Fan und Kuratoriumsmitglied bewertet der Burgenländer das erstinstanzliche „No“ zum Bundesliga-Ticket natürlich höchst besorgt: „Ich bin seit 60 Jahren Austria-Anhänger, aber so eine extreme und schwierige Situation gab es noch nie. Die Lage ist sehr ernst, wobei ich aber schon glaube, dass es auch in der violetten Familie ein Zusammenrücken gibt und alle Anstrengungen unternommen werden, um die Lizenz in der zweiten Instanz erteilt zu bekommen.“

Austria-Lizenz: „Eine Evaluierung ist nötig“

Niessl wolle beim Befund über den Status quo am Verteilerkreis Favoriten jedenfalls weder zu sehr in die Vergangenheit blicken noch personelle Bewertungen abgeben. Wichtiger sei ihm die künftige Positionierung der Austria: „Dass mehr Geld in die Mannschaft fließt und es in der Verwaltung schlankere Strukturen gibt. Wichtig wird sein, eine komplette Evaluierung durchzuführen und im Verein zu hinterfragen, was noch zeitgemäß ist und wo es eine Modernisierung in Form von schlankeren Strukturen benötigt.“ Nur so können dann in weiterer Folge aus Sicht von Niessl wieder die nötigen finanziellen Mittel für den wichtigen sportlichen Bereich aufgestellt werden. Inwiefern der neue strategische Partner Insignia hier eine Rolle spielen kann? Der Sportpool Burgenland-Gründungspräsident wartet hier noch ab, stellt aber schon klar: „Ich habe den Eindruck, dass im Vorfeld viele Wochen und Monate verhandelt wurde und dass dann die Entscheidung wohlüberlegt gefallen ist.“

Aber wenn die Wiener Austria tatsächlich nicht mehr auf den Lizenzzug aufspringen kann und in die Ostliga zwangsabsteigen muss? „Das kommt in meinem Denken nicht vor. Ich bin optimistisch, dass die Lizenz in zweiter Instanz erhalten wird.“