Karner: „Geduld ist wichtig, um sich zu entwickeln“. Neusiedl-Coach Markus Karner spricht im Interview über die erste Hälfte der Saison, die NSC-Ziele, seine bisherige Trainer-Laufbahn und die persönlichen Karriere-Pläne.

Von Martin Ivansich. Erstellt am 26. Januar 2019 (05:20)
Fenz
SC Neusiedl-Trainer Markus Karner (l.) stand BVZ-Sportredakteur Martin Ivansich in der Zentrale in Eisenstadt Rede und Antwort.

Seit Sommer ist Markus Karner Chefcoach beim SC Neusiedl am See. Der 40-Jährige blickt bereits auf eine ereignisreiche Laufbahn als Trainer zurück. Karner war Co-Trainer beim SV Mattersburg in der Bundesliga (2013 bis 2016), danach in der Burgenlandliga beim SV Stegersbach und jetzt eben in der Seestadt. Im Gespräch mit der BVZ plaudert der zweifache Familienvater über sein erstes halbes Jahr beim NSC, seine Erfahrungen als Trainer und die zukünftigen Herausforderungen.

BVZ
So kennt man Markus Karner – im intensiven Dialog mit seinen Spielern, hier mit Sascha Steinacher.

BVZ: Wie ist das erste halbe Jahr in Neusiedl verlaufen? Was war gut, was soll besser werden?

Markus Karner: Positiv ist der Wiedererkennungswert, unsere Spielidee beziehungsweise unsere Philosophie. Das würde ich über alles andere stellen. Wir sind unserem Versprechen gerecht geworden, dynamisch und offensiv auftreten zu wollen. Dann war natürlich die Cup-Sensation gegen die Admira (Anm.: 1:0 in Runde eins) eine tolle Sache, das erlebt man nicht jedes Jahr. Verbessern müssen wir uns in der Defensive, weil da einfach die Quote der Gegentreffer zu hoch war. Es ist jetzt unser Job, das zu korrigieren.

Sie erwähnen die beiden Derby-Siege in der Ostliga und im BFV-Cup auswärts gegen Parndorf bei den positiven Punkten gar nicht.

Ich habe das nicht als so besondere Siege empfunden. Vielleicht auch deswegen, weil ich diese Rivalität noch nicht so miterlebt habe wie die Beteiligten, die schon länger beim Verein sind. Vom Stellenwert war das 3:2 im BFV-Cup schon wichtig, weil es ja die Möglichkeit gibt einen Titel zu holen.

Stichwort Spielphilosophie: Wie gut setzt die Mannschaft ihre Ideen bereits tatsächlich um?

Ich bin sehr spät in der Vorbereitung eingestiegen. Es ist besser möglich, die Philosophie eines Trainers umzusetzen, wenn man den Kader auch zusammenstellen kann. Das war für mich im Sommer nicht mehr möglich, weil der Kader schon so gut wie feststand. Wenn man ein Positionsspiel mit sehr offensiver Ausrichtung zelebrieren will und du die Spieler nicht hast, die diese Fertigkeiten mitbringen oder nicht den Speed haben, dann wird es nicht funktionieren. Wir sind also noch ein Stück weit davon entfernt.

Es gab bislang mit Toni Harrer, Christoph Leitgeb, Andre-Eric Tatzer und Clinton Bangura vier Neuverpflichtungen im Winter. Da wurden aber eher Defensivakteure geholt. Warum?

Wir wollen unser generelles Defensivverhalten mit allen taktischen Prozessen verbessern. Das war auch unser Transferziel und das ist uns gelungen. Es ist aber auch für uns jetzt eine Möglichkeit flexibler aufzutreten. Es geht ja letztlich um Ergebnisse.

Thema Ergebnisse. Man muss auch auf die Resultate der 2. Liga ein Auge werfen. Sollten zwei Klubs in die Regionalliga Ost absteigen, dann könnte es vier Teams treffen, wird der Kampf um den Klassenerhalt also beinhart. Wie gehen Sie damit um?

Natürlich verschließen wir die Augen nicht und verfolgen die Ergebnisse der Liga über uns, weil wir ja davon zum Teil abhängig sind. Der Herbst hat trotzdem gezeigt, dass wir die Qualität haben, nicht unten reinzurutschen – auch wenn es aktuell nur zwei Punkte sind. Klar beschäftigen wir uns damit, weil es auch unsere Verantwortung ist. Die ist aber gleichzeitig eine Herausforderung und ich glaube, dass man nur mit Herausforderungen wachsen kann. Der gewisse Druck, den man hat, der macht den Fußball aus.

Sie waren drei Jahre im Profibereich als Co-Trainer beim SV Mattersburg tätig, sind dann in den Amateurbereich gewechselt. War das eine große Umstellung?

Ja. Die Infrastruktur ist eine ganz andere. Was mir jetzt abgeht, ist diese Professionalität. Vormittag Training, Nachmittag Training, die Spieler sind immer greifbar. Gemeinsame Mahlzeiten. Das ist es auch, was den Trainerjob ausmacht. Der Abschied aus Mattersburg war aber ein guter Zeitpunkt, um der eigene Architekt meiner Arbeit zu werden.

Sehen Sie sich in der Zukunft wieder in einer Profitrainer-Position?

Mein übergeordnetes Ziel ist es, dass ich konstant lerne und wachse. Das hat dann gar nicht so viel mit Profi- oder Amateurbereich zu tun. Wenn man konstant lernt und sein Selbstbild dynamisch bleibt, dann wird es irgendwann wieder eine Option im Profitum geben. Ein Ziel von mir ist auch die UEFA-Pro-Lizenz. Die Zulassung dort öffnet noch größere Türen und verbreitert logischerweise das Netzwerk. Man braucht ja mittlerweile für die 2. Liga die Pro-Lizenz. Derzeit bin ich in der Regionalliga mit der A-Lizenz also auf meinem maximalen Niveau.

Wo sehen Sie sich aktuell auf Ihrem Karriere-Plan?

Ich habe gelernt, dass Geduld notwendig ist, um sich zu entwickeln. Der Traum ist, irgendwann wieder einmal überregional zu trainieren. Da ist mir keine Distanz zu weit. Das sind schon diese Träume und Visionen, die man hat. Ich glaube, die braucht man auch, um sich weiterzuentwickeln. Wenn man aufhört zu träumen, dann wird es wohl schon vorbei sein.

Fenz
SC Neusiedl-Trainer Markus Karner (l.) stand BVZ-Sportredakteur Martin Ivansich in der Zentrale in Eisenstadt Rede und Antwort.

Bernhard Fenz
Demütig und bodenständig: Diese Tugenden begleiten Markus Karner seit Beginn seiner Trainerkarriere, ohne dabei aber den Fokus nach vorne zu verlieren. Denn vor hat der 40-Jährige als Trainer noch jede Menge. Aktuell hat jedenfalls Neusiedls Klassenerhalt Priorität. Foto: Bernhard Fenz

Schauen Sie sich von anderen Trainern etwas ab?

Es ist auch eine Qualität, von Kollegen etwas abzukupfern – sei es durch Hospitieren, Fortbildungen oder Interviews. Nach der Karriere soll man sich vor allem an den Menschen erinnern und nicht unbedingt an den Erfolg. Heute interessiert es niemanden, ob ich 2015 beim Aufstieg des SV Mattersburg dabei war. Und in einem halben Jahr interessiert der Cup-Sieg gegen die Admira niemanden.

Haben Sie ein Vorbild?

Für mich persönlich ist Christian Streich – der Trainer des SC Freiburg – ein Aushängeschild, weil er auch immer wieder zu sozialen und gesellschaftlichen Themen Stellung bezieht. Der ist einer, der diese Bodenständigkeit und Demut lebt und dabei glaubwürdig ist. Auch WAC-Trainer Christian Ilzer zählt hier dazu. Er ist ein Trainer, der es in die Bundesliga geschafft hat mit dem Handicap kein Profi gewesen zu sein.

Zurück zum SVM. Wie verfolgen Sie Ihren ehemaligen Klub?

Natürlich verfolge ich das Geschehen in Mattersburg, auch wenn ich nicht mit einer positiven oder einer negativen Emotion drin hänge.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Akademie-Spieler?

Ich denke, dass es nur dann Entwicklung gibt, wenn dynamisch denkende Funktionäre am Werk sind. Und das sehe ich nun bei der Akademie. Ich bin überzeugt, dass die aktuelle Leitung und die Trainerteams eine sehr gute Arbeit machen. Man sieht das ja auch an den Ergebnissen, die besser sind als zuletzt. Messen sollte man die Arbeit dann aber an dem, wie viele es wirklich schaffen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Sie ein Trainer sind, der nach oben strebt. Ist es ein Hemmschuh zu wissen, dass diese Ziele mit Neusiedl wahrscheinlich nicht möglich sind, oder will der Verein über kurz oder lang doch mehr?

Aktuell kann ich mir es sehr schwer vorstellen, dass Neusiedl diesen Schritt setzen wird. Trotzdem will ich das Beispiel Stegersbach nennen, wo zunächst das Ziel Aufstieg ausgegeben wurde und dieser dann auf einmal kein Thema mehr war. Da hätte ich auch konsequent sein können und sagen können: Leute, ich habe meine Ziele und Visionen, beenden wir das. Ich habe mich aber loyal verhalten und verlängert. Ähnlich ist das in Neusiedl. Der Verein weiß aber über meine Ziele Bescheid.

Wie ist der SC Neusiedl/See grundsätzlich aufgestellt?

Was hier für helfende Hände mitwirken, ist fantastisch – vor allem wenn man die Funktionärskrise, die es ja bei vielen Klubs gibt, berücksichtigt. Es gibt eine 1b-Mannschaft mit einem engagierten Trainer Thomas Achs, zahlreiche Nachwuchsteams und eine Frauenmannschaft, wo jetzt 20 Spielerinnen trainieren, wenn andere Vereine noch in der Winterpause sind. Das ist schon einem Lukas Stranz, einem Günter Gabriel und Walter Eisler zu verdanken. Neusiedl ist eben ein Verein ohne Mäzen oder Großsponsor und trotzdem auf einem guten Niveau.

Nach Ihrer Zeit in Stegersbach waren Sie im Mai und Juni ohne Trainertätigkeit. Wie schwer ist es als Trainer, der „steht“?

Sehr schwer, denn es ist einfach ganz wichtig, dass man im Karussell dabei ist. Das Netzwerk wird dadurch deutlich größer.

Und Netzwerken ist eben auch im Fußball sehr wichtig.

Es kostet unglaublich viel Energie. Und daran sind schon viele gescheitert. Du hast eine Familie, du hast einen Beruf und den Trainerjob. Bei mir kommt noch die Herzensangelegenheit Fox Soccer Academy hinzu. Das muss alles harmonieren. Da bin ich schon stolz, dass mir dies im Moment auch gut gelingt.

Der familiäre Rückhalt wird dann schon sehr wichtig sein.

Ja. Wenn meine Frau und ich die Rollen tauschen würden, würde ich das nie akzeptieren. Im Amateurbereich kommt man vom Training heim, wenn die Kinder schlafen, die Wochenenden sind sowieso verplant. In Österreich das Pferd auf den Fußball zu setzen, ist ein schmaler Grat. Ob das die richtige Entscheidung ist, muss man sich immer wieder fragen. Man macht es aber, weil man dafür lebt und alles reinwirft.