Mattersburg

Erstellt am 12. September 2018, 06:10

von Bernhard Fenz

Klaus Schmidt: „Trainer zu sein ist wie eine Sucht“. Der Neo-SVM-Chefcoach spricht über seine große Leidenschaft, seine Pläne und die Hoffnung, gelandet zu sein.

Klaus Schmidt hat bei den SVM-Profis seit Ende August nicht nur das Pfeiferl, sondern als Chefcoach das Zepter in der Hand.  Foto: B. Fenz  |  Bernhard Fenz

Sie sind hauptberuflich Trainer, aber auch Sportwissenschaftler und ausgebildeter Physiotherapeut. Warum haben Sie sich im Zuge Ihrer Karriere (Anm.: siehe Infobox rechts) letztlich dauerhaft für das riskante Trainergeschäft entschieden?

Klaus Schmidt: Trainer zu sein ist wie eine Sucht. Wenn ich draußen am Platz stehe, bereue ich diese Entscheidung auch keine Sekunde.

Sie hätten es aber jedenfalls einfacher haben können.

Klaus Schmidt. Foto: B. Fenz  |  Bernhard Fenz

Wäre ich um die Zeit 2004/2005, als ich mich beim GAK entscheiden musste, hauptberuflicher Physiotherapeut statt Co-Trainer geworden, würde ich heute wahrscheinlich mit einem Range Rover durch die Gegend fahren, hätte fünf Angestellte und keine Sorgen mehr im Leben. Ich habe diese Sicherheit damals aufgegeben.

Dafür können Sie nun auf eine bisher bewegte berufliche Laufbahn zurückblicken.

Es wäre ein ganz anderes Leben geworden. Ich hatte Erlebnisse, die in einem Alltagsjob nie möglich wären.

Und Sie sind zudem weit gereist. Mit Josef Hickersberger waren Sie von 2009 bis 2011 sogar als Co-Trainer in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Warum hat er Sie damals kontaktiert?

Sein Anruf kam überraschend. Ich wurde ihm empfohlen, wir haben uns gar nicht gekannt. Zuerst habe ich gedacht, der Callboy ruft mich an, wie er sich gemeldet hat.

Kapfenberg, Wacker Innsbruck, Blau Weiß Linz, jetzt Mattersburg: Sie haben einige Male Klubs übernommen, bei denen es sportlich nicht sehr gut gelaufen ist.

Mir ist es immer wieder gelungen mit Mannschaften, die schwer angezählt waren, den Turnaround zu schaffen. Das scheint in fußballkundigen Kreisen Anerkennung zu finden.

Sie waren von 1999 bis 2007 acht Jahre lang beim GAK engagiert. Wie groß ist der Wunsch, wieder langfristig bei einem Klub tätig sein zu können?

Sehr groß. Mein Traum ist es – und es wäre schön, könnte ich das in Mattersburg erleben – einen Verein zu finden, bei dem ich wieder daheim bin. Ich bin gar nicht so ein Typ, der immer irgendwo anders hin will, sondern jemand, der sich wo daheim fühlen möchte. Dann bin ich richtig gut. Deswegen hoffe ich, dass das gerade hier in diesem Umfeld funktionieren könnte.

Wie ist das Umfeld hier in der Fußballakademie?

Was mir extrem gut gefällt, ist die Mischung aus jungen Spielern, die auch schon im Nachwuchs hier arbeiten. Es ist richtig familiär und auch ganz besonders. Woanders sind Profis und Nachwuchs eher getrennt. Hier frühstückt man einmal mit einem Internatsleiter, einem Tormanntrainer der Akademie oder wem auch immer – so kann man sich austauschen.

Sie könnten somit als Cheftrainer der Profis einen integrativen Auftrag erfüllen.

Absolut. Das lebt man einfach. Wenn man ein familiärer Typ ist wie ich, dann ist das eine Wohltat, wenn man hier in die Akademie reingeht.

Optimal wäre freilich, wenn die personelle Durchlässigkeit von der Akademie über die Amateure zu den Profis laufend gegeben ist. Gleichzeitig arbeiten Sie, um auch für den Moment erfolgreich zu sein. Verträgt sich das?

Ich muss jetzt kurzfristig versuchen, die Mannschaft aus einer schwierigen Situation herauszuführen, zu stabilisieren und Spiele zu gewinnen – auch wenn die Auslosung nicht einfach ist. Wenn man die Zusammenarbeit zu einem langfristigen Projekt werden lässt, bin ich der Erste, der jungen, ehrgeizigen Spielern den Weg ebnet.

Was spricht gegen eine längere Zusammenarbeit?

Die Situation hier braucht nur noch fußballerischen Erfolg. Dann glaube ich, dass ich gelandet bin.

Das Fußballgeschäft ist überall sehr schnelllebig. In aller Regel bekommen Trainer in Mattersburg auch die nötige Zeit.

Klaus Schmidt hat bei den SVM-Profis seit Ende August nicht nur das Pfeiferl, sondern als Chefcoach das Zepter in der Hand. Foto: B. Fenz  |  Bernhard Fenz

Wir haben jetzt einmal gerade gut zwei Wochen und der Fußball schreibt stets seine eigenen Geschichten. Ich will in keine Euphorie ausbrechen, aber einfach nur sagen, dass es mir hier gut geht.

Ihr Wohnort Aflenz (Anm.: Nähe Kapfenberg) ist von Mattersburg aus weit einfacher zu erreichen, als etwa noch bei Altach. Nutzen Sie diesen Vorteil aus?

Ja. Ich fahre jeden zweiten oder dritten Tag nach Hause – für mich und meine Familie ist das purer Luxus.

In der Länderspielpause war für die Spieler Samstag und Sonntag frei. Können auch Sie abschalten?

Extrem schwierig. Wenn ich als Trainer tätig bin, ändert sich mein Schlafrhythmus, die Spannung. Das eine oder andere Mal muss ich dann raus – beim Mountainbiken oder im Winter beim Skitouren- Gehen. Richtig weg komme ich aber nicht. Ich habe das vor einigen Jahren schon gesagt: Wenn man in so einem Job einsteigt, ist es das Gleiche, wie wenn man mit den Fingern in die Steckdose reinfährt.

Wie sehen Sie sich selbst als Trainer: Sind Sie ein Kumpel?

Ich bin weit davon entfernt, der beste Freund der Spieler zu sein, möchte aber einen persönlichen Draht zu jedem Spieler haben. Es darf schon einmal eine kleine Umarmung, ein gemeinsames Lachen oder ein Weinen in der Kabine sein.

Wäre ein autoritärer Führungsstil überhaupt zeitgemäß?

Die Generation der Spieler hat sich in den letzten 20 Jahren massiv geändert. In sie muss man sich hineinversetzen. Das Einfachste wäre natürlich, wenn ich jedem drüberfahre und in die Schranken weise. Aber in Krisensituationen bist du dann alleine auf der Welt.

Ist es wichtig, ob ein Spieler zu Ihnen Du oder Sie sagt?

Für mich nicht. Manche sagen Du, manche sagen Sie – je nachdem, wie sich der Spieler mir gegenüber fühlt. Das ist eine Sache, die ich ihnen nicht auferlege.

Am Sonntag geht es in der Bundesliga gegen den LASK weiter.

Wir haben zuletzt bei der Austria gut agiert, aber nichts gewonnen. Was geblieben ist, ist die Zuversicht. LASK ist sehr schwer zu bespielen, lässt kaum Gegentore zu, aber wir wollen die drei Punkte.

Interview: Bernhard Fenz