Primar Nikolaus Steinhoff: „Musik verbindet Gehirnzentren“

Erstellt am 18. August 2022 | 05:48
Lesezeit: 5 Min
Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff.
Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff.
Foto: BVZ
Der Ärztliche Direktor des Rehabilitationszentrums Kittsee Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff spricht über neurologische Erkrankungen, Long-Covid und deren Behandlungsmethoden.
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Nikolaus Steinhoff ist Facharzt für Neurologie und seit 2014 Ärztlicher Leiter des OptimaMed Neurologischen Rehabilitationszentrums in Kittsee. Mit der BVZ spricht er über seine Tätigkeit in der medizinischen Einrichtung, das Coronavirus sowie dessen Auswirkungen auf unser Nervensystem.

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Ärztlicher Direktor Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff (links) und Verwaltungsdirektor Anton Saurer (2.v.l.) mit dem Team der OptimaMed Neuroreha Kittsee.
Foto: BVZ

Wer und was wird in dem Neurologischen Rehabilitationszentrum in Kittsee behandelt?

Nikolaus Steinhoff: Unser Team aus Fachärztinnen und Fachärzten für Neurologie, Psychiatrie, Innere Medizin sowie Allgemeinmedizinern und -medizinerinnen zusammen mit den extrem geskillten Therapeutinnen und -therapeuten sowie dem Pflegepersonal begleitet unsere Patientinnen und Patienten von der Erstaufnahme bis hin zur Entlassung. Wir behandeln alle Erkrankungen des Nervensystems, sei es ein Schlaganfall, ein Schädel-Hirn-Trauma, Parkinson oder Kopfschmerzen. Auch schwerstbetroffene Patientinnen und Patienten können bei uns in zwei dafür gewidmeten B-Betten neurologisch rehabilitiert werden. Dazu kommt noch die Möglichkeit der neurologischen Abklärung in zwei zusätzlich gewidmeten Betten.
Bei all dem erfolgt keine festgesetzte Therapie nach einheitlichem Schema, sondern der Rehabilitationsplan wird wirkungsorientiert an die individuellen Bedürfnisse angepasst.

Als Sonderkrankenanstalt war das Neurologische Rehabilitationszentrum Kittsee während der gesamten Corona-Pandemie geöffnet. Welche Auswirkungen hat das Virus auf unser Nervensystem?

Zuerst möchte ich die enge Kooperation mit dem Land Burgenland herausstreichen. Da bei einer Corona-Erkrankung häufig auch das Nervensystem mehr oder weniger mitbetroffen ist, nimmt die Neurologie bei Post- oder Long-Covid eine wichtige Rolle ein. Denn: Die Viren befallen Gefäße, die die Nerven versorgen - teilweise auch direkt die Nervenzellen. Entzündungen in den Gefäßen und auch die direkte Reaktion der Nervenzellen selbst auf das SARS-CoV-2 führen zu Verletzungen der Nerven, wodurch es zu entsprechenden Funktionsausfällen kommt. Diese können sowohl das Gehirn als auch die peripheren Nervenzellen betreffen. Wir haben erkannt, dass es Regionen gibt, die gerne befallen werden, wie zum Beispiel das Limbische System. (Anm. d. Red.: unter anderem Steuerung von Affekt- und Triebverhalten, Atmung, Schlaf-Wach-Rhythmus und Motivation sowie Koordination der sensorischen Informationen)

„Die Symptome reichen von Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Depressionen, Ängstlichkeit bis hin zu Sprach-, Gefühls- und Bewegungsstörungen.“ Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff, Ärztlicher Leiter des Neurologischen Rehabilitationszentrums in Kittsee

Was bedeutet Long-Covid und seit wann wird es in Kittsee behandelt?

Long-Covid ist eine Verletzung des Gehirns und/oder des peripheren Nervensystems, die wiederum zu Ausfällen führt. Man darf darum aber keine allzu große Aufregung entstehen lassen, denn die Situation ist bei anderen Erkrankungen die gleiche. Der Vorteil von Covid, so wie auch bei einem Schädel-Hirn-Trauma durch einen Unfall, so paradox dies auch klingen mag, ist aus heutiger Sicht die einmalige Verletzung. Das Nervensystem ist im Stande, im Zuge der Rehabilitation jene Ausfälle wieder zu kompensieren. Bei Schlaganfällen und Parkinson ist das anders. Den ersten Patienten, welcher durch Corona neurologische Ausfälle erlitt, behandelten wir vor circa zwei Jahren, Mitte 2020. Seither entwickelte unser multidisziplinäres Team große Routine und Kompetenz in der Long-Covid-Behandlung. Wir können auch schon auf wirklich gute Erfolge zurückblicken.

Mit welchen Symptomen kommen die Patienten in die Rehaklinik? Können Sie Beispiele typischer Beschwerden nennen?

Es kommt ganz darauf an, welche Areale beziehungsweise in welchem Ausmaß diese betroffen sind. Die Symptome reichen von Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Erinnerungs- und Schlafstörungen, Depressionen, Ängstlichkeit bis hin zu Sprach-, Gefühls- und Bewegungsstörungen. Auch ein Kribbeln in den Fingern - bei Befall des peripheren Nervensystems - kann ein Symptom sein. Was hier vielleicht noch wichtig zu betonen ist: Ich spreche hierbei natürlich nur von neurologischen Symptomen, andere Beschwerden kommen unter Umständen noch hinzu.

Sie haben anfangs bereits erwähnt, dass jede Therapie an die individuellen Bedürfnisse angepasst wird. Mithilfe welcher Methoden wird in Kittsee Long-Covid behandelt?

Die Methoden können ganz unterschiedlich aussehen, sie werden auf jeden einzelnen Patienten, auf jede einzelne Patientin individuell abgestimmt. Oft ist eine neurologische Erkrankung mit viel Angst und Verunsicherung verbunden. Einerseits ist, wie vorhin schon erwähnt, die Angst ein Symptom, andererseits ist man auch dadurch wieder verunsichert. Da beißt sich sprichwörtlich also die Katze in den Schwanz. Das bedeutet, unsere Patientinnen und Patienten werden auch psychologisch intensiv begleitet und behandelt. Es gibt grundsätzlich drei Säulen, worauf unsere Methoden, unsere Behandlungen basieren: körperliches Training, neuro-psychologisches Training und psychologische Unterstützung. Genauer bedeutet das zum Beispiel Ausdauer- und Konzentrationstraining, um die Muskulatur wieder zu stimulieren, Physio-, Ergo-, Logo- und ganz wichtig Musiktherapie. Denn Musik verbindet unsere Gehirnzentren miteinander.

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre der Corona-Pandemie zurückblicken, was konnten Sie daraus mitnehmen?

Wir konnten uns in diesem Bereich eine umfangreiche Expertise aufbauen, die nun den Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Ausprägungen von Long-Covid-Symptomen zugutekommt. Unser Ziel ist es, Patientinnen und Patienten, die nach einer Corona-Erkrankung genesen sind, aber noch an den Nachwirkungen leiden, wieder zu besserer Lebensqualität zu verhelfen, damit sie ihren Alltag besser bewältigen können.