Jetzt heißt es auch: Pucher gegen Klikovits. Beide Beschuldigte zeigen sich geständig, belasten einander aber auch. Die Anwälte stellen sich auf längere Verfahren ein.

Von Wolfgang Millendorfer und Richard Vogler. Erstellt am 27. August 2020 (06:01)
Duo in der Commerzialbank. Martin Pucher und Vorständin Franziska Klikovits bei der Präsentation des Mattersburger „Impulszentrums“ im Jahr 2017. Beide gaben nun jahrelange Manipulationen zu.
BVZ-Archiv

Knapp eineinhalb Monate nach Auffliegen der Bilanzfälschungen der Commerzialbank Mattersburg wurden nun die Vernehmungsprotokolle von Bank-Gründer Martin Pucher und Ex-Vorständin Franziska Klikovits öffentlich. Sie zeigen im Detail, wie das „System Commerzialbank“ funktionierte: In der Einvernahme zeigten sich Pucher und Klikovits geständig und erklärten, wie die fingierten Kredite abgewickelt wurden.

Pucher, der unter anderem von Geld-Übergaben an einzelne Firmenchefs berichtete, belastete in seinen Aussagen auch Ex-Vorständin Klikovits: Sie müsse während seines Krankenstandes nach zwei Schlaganfällen die „Verschleierungshandlungen“ fortgeführt haben. Klikovits wiederum hielt fest, die Manipulationen nach den Vorgaben Puchers technisch umgesetzt zu haben.

Zuletzt wurde auch die Zeugenbefragung des dritten Bank-Vorstandes bekannt, der darlegte, „von nichts gewusst“ zu haben. Beim SV Mattersburg war der Bank-Vorstand ebenfalls tätig, er habe aber keinen Verdacht gehegt, dass die Sponsorgelder aus strafbaren Handlungen stammen könnten.

Klikovits-Anwalt Johann Pauer: „Das Geschehene tut meiner Mandantin unendlich leid.“
Privat

Erstmals nahm nun auch Klikovits-Anwalt Johann Pauer zur Causa Stellung. Auf die Frage der BVZ, wie seine Mandantin heute zu den Machenschaften stehe, meinte er: „Als sie erstmals Ende der 80er-, Anfang der 90er Jahre damit konfrontiert wurde, hatte sie sich aufgrund ihres jungen Alters nicht viel dabei gedacht. In weiterer Folge wurde ihr bewusst, dass es sich um Malversationen handelte, jedoch hatte sie dann die Entscheidung zu treffen: Entweder sie deckt die unrichtigen Bilanzdarstellungen auf – was unweigerlich zu einem Schaden für sämtliche damals bestehende Bank-Kunden geführt hätte – oder sie hilft bei der Verschleierung, in der Hoffnung das Bilanzdelta wieder ins Gleichgewicht zu bringen.“

Dies war ebenso die Hoffnung Puchers, der auf Patente bei Umwelt- und Energieprojekten setzte, die nicht zustande kamen. Persönlich bereichert habe er sich nicht, sagte Pucher, gab aber zu, dass rund 40 Millionen Euro in den SV Mattersburg geflossen seien.

„Sie kann nur inständig um Verzeihung bitten“

So wie Pucher zeigt sich auch Klikovits geknickt: „Das Geschehene tut ihr unendlich leid und sie kann nur inständig um Verzeihung bitten. Sie würde alles dafür geben, es wieder rückgängig machen zu können. Das nunmehr eingetretene Szenario wollte sie mit aller Kraft verhindern“, so Anwalt Johann Pauer.

Auf die Frage, wie er sich erkläre, dass die Bilanzfälschungen über einen so langen Zeitraum unentdeckt blieben, meint Pauer: „Entweder es wurden bei den OeNB- und den jährlichen Wirtschaftsprüfungen Fehler gemacht, oder aber man muss die gesamte Bankenaufsicht in Österreich auf völlig neue Beine stellen.“

Ein bis zwei Jahre bis zur Anklage Puchers

Die BVZ erreichte auch den Rechtsvertreter von Martin Pucher, Norbert Wess, am Telefon. Geht es nach Wess, so wird es noch einige Zeit dauern, bis es zu einer Anklage von Pucher kommt. „Erfahrungsgemäß dauert die Aufarbeitung eines derart lange in die Vergangenheit zurückreichenden Sachverhaltes zumindest ein bis zwei Jahre, da sich natürlich sowohl die Staatsanwaltschaft, der Sachverständige, der Regierungskommissär als auch der Masseverwalter ein umfassendes Bild der Geschehnisse der letzten Jahre machen müssen. In diesem Fall verschiebt sich das Ganze regelmäßig nach hinten“, so Wess. Vor zwei Wochen wurde ein Sachverständiger mit einem Gutachten beauftragt. „Ich denke, dass dies rund eineinhalb Jahre dauern wird“, so Wess.

Pucher-Anwalt Norbert Wess: „Er hat gehofft, dass der Schaden wieder ausgeglichen werden kann.“
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Publik wurde bereits, dass es für langjährige Kunden der Bank und bei runden Geburtstagen in der Vergangenheit Geschenke in Form von Gold- oder Silberplättchen gegeben hat. Laut Wess gab es diese Praxis bereits zu Zeiten, als die Bank noch im Raiffeisenkonzern eingebettet war.

Bei den Spielen des SV Mattersburg war das VIP-Zelt ein beliebter Treffpunkt für Gönner des Vereins. Auch in diesem Fall dürfte nicht alles „rein“ über die Bühne gegangen sein. „Herr Pucher hat die Staatsanwaltschaft bereits darüber in Kenntnis gesetzt, dass aus Mitteln der Bank vor Spielen des SVM VIP-Karten erworben und zum Teil an Sponsoren oder Kunden der Commerzialbank weitergegeben wurden. Wer konkret diese erhalten und/oder in Anspruch genommen hat, kann ad hoc nicht beantwortet werden“, so Wess. Ab welchem Zeitpunkt Pucher bewusst war, dass seine Handlungen kriminell sind? „Das Bewusstsein hat Herr Pucher schon von Anfang an in sich getragen. Über viele Jahre hinweg hat er aber noch gehofft, dass sich mit zukünftigen, besseren wirtschaftlichen Entwicklungen und Regularien für die Bank die Situation wieder bessern und der Schaden wieder ausgeglichen werden kann. Die letzten Jahre war das aber dann schon – leider – keine realistische Vorstellung mehr, auch nicht für ihn.“