Wegen Mega-Bau: Rote Liste der UNESCO wird konkreter. Nach langem Drängen von Naturschützern stellt die UNESCO nun Ungarn die Rute ins Fenster und droht mit der„Roten Liste“, sollte der Mega-Bau am Neusiedler See nicht gestoppt werden.

Von Markus Kaiser, Daniel Hahofer und Peter Wagentristl. Erstellt am 10. Juni 2021 (05:12)

Nachdem sich Umweltorganisationen wie „Alliance for Nature“ seit geraumer Zeit gegen die Verbauung des Neusiedler Sees, sowohl auf ungarischer als auch auf österreichischer Seite, stark machten, kommen nun die ersten Steine ins Rollen. Die UNESCO schaltete sich ein und wandte sich an die ungarische Botschaft.

In einem offiziellen Schreiben spricht sich das UNESCO-Welterbe-Zentrum gegen den aktuell geplanten Mega-Bau in Fertörakos aus. Das Bauprojekt würde „in seiner Größe und Form der Authentizität und Integrität der Kulturlandschaft ‚Fertö/Neusiedler See‘ schaden“ sowie „den außergewöhnlichen, universellen Wert des Gebietes beeinträchtigen“. Des Weiteren verweist die Mitteilung auf einen Bericht von ICOMOS International (der BVZ liegt der Bericht vor), der die Kritikpunkte des Bauvorhabens erläutert und zu einem Stopp der Bauarbeiten am ungarischen Seeufer rät. Sollte dies nicht passieren, droht die Eintragung des Gebietes auf die „Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten“.

„Sollte kein Stopp erfolgen, muss der Neusiedler See auf die ‚rote Liste‘ gesetzt werden.“Christian Schuhböck, Alliance for Nature.

Christian Schuhböck von der „Alliance for Nature“ stuft die Intervention der UNESCO als „wichtigen Teilerfolg“ ein: „Wir versuchen seit zwei Jahren die UNESCO über die Problematik zu informieren. Die jetzige Übermittlung seitens der Direktorin an den ungarischen Botschafter ist daher ein äußerst bedeutsamer Schritt.“

Die UNESCO plant nun im Zuge einer Sitzung im Juli über die Eintragung der Kulturlandschaft am Neusiedler See auf die „Rote Liste“ zu diskutieren. Entscheidend sei allerdings die Reaktion Ungarns auf die Forderungen der UNESCO. „Sollte kein Stopp erfolgen, muss der See auf die ‚Rote Liste‘“, fasst Schuhböck zusammen.

Wer ohne Bausünde ist, werfe den ersten Stein

Von den 1.092 Stätten auf der Welterbeliste befinden sich derzeit 54 in Gefahr, darunter etwa alle sechs Welterbestätten in Syrien und seit 2017 auch Wien wegen des umstrittenen Heumarkt-Projektes. Für den Neusiedler See als Tourismusregion wäre der Eintrag in die „rote Liste“ jedenfalls keine Werbung.

Aber nicht nur in Ungarn entstehen am Seeufer bedenkliche Projekte. Die Vorwurf der Umweltschützer: das Burgenland solle auch vor der eigenen Tür kehren. Die „Alliance for Nature“ kritisiert insbesondere Bauten, die direkt an Schilfgürteln oder auf offenen Wasserflächen errichtet werden. Hierzu zählt er Bauvorhaben in Gemeinden wie Breitenbrunn, Neusiedl und Oggau. „Hier werden Halbinseln aufgeschüttet und Kanäle durch Schilfgürtel geschlagen, um Appartements oder Bungalows platzieren zu können“, bekrittelt Schuhböck. „Dies beeinträchtigt nicht bloß die Flora und Fauna, sondern auch das Landschaftsbild. Diese neu errichteten Gebäude haben mit der traditionellen, ländlichen Kultur und Architektur nichts mehr zu tun.“

Die Kritik an den Bauprojekten teilen auch die ungarischen „Fertő tó barátai“ (Freunde des Neusiedler Sees). Die Kritik am Mega-Bau in Fertörakos sei auf ungarischer Seite häufig mit dem Vorwurf gekontert worden, die Kritik sei von der burgenländischen Tourismus-Konkurrenz gesteuert. Die Seefreunde weisen freilich zurück, dass „wir österreichische Geschäftsinteressen vertreten. Leider wurden diese Argumente von Kommunalpolitikern und dem Projektleiter vorgebracht“, so Obmann Gyula Major.

Ein weiteres Problem stellt eine angedachte Grenzöffnung zwischen Mörbisch und Fertörakos dar: „Dadurch würde es zu motorisiertem Verkehr in der Nähe der Seeufer kommen. Dieses erhöhte Verkehrsaufkommen würde den Nationalpark sowie das Welterbe-Gebiet weiter beeinträchtigen.“

Die burgenländischen Grünen forderten die Landesregierung dazu auf, die Seeufer zu schützen. Alle Großprojekte auf der österreichischen Seite sollten, ebenso wie jenes in Fertörakos, vorläufig gestoppt und die UNESCO eingebunden werden, betonte Klubobfrau Regina Petrik in einer Aussendung. Einen entsprechenden Antrag der Grünen im Landtag habe die SPÖ im Vorjahr abgelehnt.

Grüne Kritik stößt auf Widerspruch

Das Engagement der Grünen betrachtet Schuhböck allerdings kritisch, diese würden sich „mit fremden Federn schmücken.“ Zudem falle eine grenzübergreifende Umweltverträglichkeitsprüfung in die Kompetenz von Umweltministerin Leonore Gewessler — „sie sollten lieber ihre Parteifreundin animieren, die Hebel in Bewegung zu setzen.“

Ähnlich argumentiert Naturschtzreferentin und Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Eisenkopf: „Beim Projekt Fertörakos handelt es sich um ein Bauverfahren nach ungarischem Recht. Das Land Burgenland hat keine rechtlichen Möglichkeiten dagegen vorzugehen“, heißt es aus ihrem Büro. Eine grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung, die das Burgenland immer wieder gefordert habe, sei laut Umweltministerium nicht notwendig. Auch das Bundeskanzleramt habe damals keine Gefahr für einen Verlust des Welterbestatus gesehen.