Ist Behindertenlift zu laut?. Ein Purbacher, der wegen eines Schlaganfalls und Multipler Sklerose nicht gehen kann, hat nun Streit mit seinen Nachbarn: Sein Personenlift sei unzumutbar laut.

Von Lisa-Marie Zehetbauer und Peter Wagentristl. Erstellt am 27. Dezember 2019 (06:53)
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Das Genossenschafts-Wohnhaus der EBSG in Purbach, in dem sich einige Bewohner über den angeblich zu lauten Lift eines schwerkranken Bewohners beschweren.
zVg

Die Krankheit mit dem Namen Multiple Sklerose sowie ein Schlaganfall bestimmen aktuell das Leben des 49-jährigen Ewald S. Mehrere Auseinandersetzungen und Konfrontationen mit seinen Nachbarn und der zuständigen Genossenschaft erschweren ihm den Alltag noch zusätzlich. Nun wendete sich Ewald S. an die BVZ, um endlich gehört zu werden und erzählte seine Geschichte.

Das Jahr 2010 veränderte das Leben von Ewald S. für immer. Völlig überraschend wurde ihm gesagt, dass er unter der Krankheit Multiple Sklerose leide. Sieben Jahre später erlitt der mittlerweile 49-Jährige dann auch noch einen Schlaganfall. Zuvor bereits an den Rollstuhl gefesselt, ist es ihm seit dem Schlaganfall nicht mehr möglich seine rechte Hand zu benutzen. Auch das Sprechen fällt ihm seitdem viel schwerer. Ewald S. ist seit diesen Vorkommnissen komplett auf Pflege angewiesen.

Im Jahr 2015 nahm sich Ewald S. eine behindertengerechte Genossenschaftswohnung. Vor rund sechs Monaten entschied er sich dazu, sich einen Hebelift zu kaufen, um sich selbst und seinen Pflegerinnen den Alltag zu erleichtern. Der Hebelift wird nie außerhalb der gesetzlichen Ruhezeiten benutzt. Lediglich zwei Mal täglich, jeweils zwischen acht und neun Uhr morgens sowie zwischen 19 und 20 Uhr abends wird der Hebelift für etwa drei Minuten in Betrieb genommen.

Nachbarn beschweren sich über lauten Lift

Nichtsdestotrotz bringen zwei Nachbarn kein Verständnis für seine Lage auf: Sie beschweren sich regelmäßig über den „Lärm“, den Herr S. verursacht. Einer dieser Nachbarn ging sogar von Wohnungstür zu Wohnungstür um Unterschriften zu sammeln, mit dem Ziel den Hebelift zu entfernen. Dem nicht genug, fand die Pflegerin vor der Wohnungstür einen Brief, in dem die Beschwerde über den Hebelift nochmals schriftlich festgehalten wurde. Zur Regelmäßigkeit wurde auch, dass die Nachbarin oberhalb, mit dem Besen auf den Boden klopft, um so zu verstehen zu geben, dass der Hebe-lift zu laut ist.

Als Konsequenz hat Ewald S. die Genossenschaft nun aufgetragen, eine Liste zu führen, wann und wie oft genau der Hebelift benutzt wird. Ewald S. befürchtet nun, dass er den Hebelift schlimmstenfalls wieder abbauen muss, wenn die Auseinandersetzungen mit den Nachbarn kein Ende nehmen.

Wohnung nur teilweise behindertengerecht?

Im Verlauf des Gesprächs erzählte Ewald S., dass die Wohnung doch nicht so behindertengerecht wäre, wie es im ersten Moment erscheint. Das Waschbecken im Badezimmer sollte eigentlich höhenverstellbar sein. Außerdem bat er die Genossenschaft bereits mehrere Male einen elektronischen Türöffner bei der Eingangstür anzubringen. So wäre es ihm möglich, mit seinem Rollstuhl die Wohnung eigenständig zu verlassen und wieder hineinzukommen, um kleinere Einkäufe zu erledigen oder spazieren zu fahren. Dieses Ersuchen lehnte die EBSG Genossenschaft allerdings mehrfach mit der Begründung ab, dass, wenn sie dieser Bitte nachkommen, auch regelmäßig der ein oder andere Mieter kommen und etwas wollen würde.

Genossenschaft will Fall nicht kommentieren

Die zuständige EBSG Genossenschaft mit Sitz in Steinbrunn ist mit dem Fall bereits bestens vertraut. Ein offizielles Statement zu Ewald S. Situation wollte die EBSG allerdings nicht abgeben und verwies gegenüber der BVZ auf den Datenschutz — obwohl Herr S. sich selbst an die BVZ gewandt hat und mit seinem Fall an die Öffentlichkeit gehen möchte. Ob man wirklich nur die Persönlichkeitsrechte eines Schwerkranken wahren möchte oder den rechtlich mehr als fragwürdigen Fall einfach nicht öffentlich diskutieren will, bleibt ungeklärt.

Herr S. hofft jedenfalls, weiterhin seinen Personenlift verwenden zu können — und auf Einsicht bei Nachbarn und Genossenschaft. Vor Gericht hätte der Purbacher wohl gute Chancen, sein Recht auf behindertengerechtes Wohnen einzuklagen.