WG „Fühl Dich Wohl“ als alternatives Zuhause

Monika und Gerald Herowitsch-Trinkl leiten die von ihnen gegründete sozialpädagogische Wohngemeinschaft nun schon 21 Jahre lang gemeinsam.

Nina Herowitsch Erstellt am 21. August 2021 | 06:52

Sozialpädagogische Wohngemeinschaften, umgangssprachlich auch WGs genannt, bieten Kindern, die aus verschiedensten Gründen nicht in ihrer Herkunftsfamilie bleiben können, ein neues Zuhause. Diese Gründe reichen von Krankheit, Suchtmittelmissbrauch und Kriminalität der Eltern, über körperliche, seelische oder sexuelle Misshandlung bis zu Verwahrlosung und Vernachlässigung der Kinder. SozialpädagogInnen sorgen durch gelebte dauerhafte Beziehung, Zuneigung und eine möglichst normale, familiäre Struktur dafür, dass diese Kinder die Chance auf eine lebenswerte Zukunft haben.

Die Idee des Ehepaares Herowitsch-Trinkl, eine sozialpädagogische Wohngemeinschaft für Kinder zu gründen und zu führen, bestand vor der Umsetzung im Jahre 2000 schon längere Zeit. Gerald Herowitsch-Trinkl ist ausgebildeter Sozialpädagoge, seine Frau Monika Diplomsozialarbeiterin u. Mediatorin, beide verfügen bereits über eine mehr als 30-jährige Berufspraxis im pädagogischen, sozialen Bereich. Gerald Herowitsch-Trinkl ist seit 2009 auch Obmann des Dachverbandes Österreichischer Kinder & Jugendeinrichtungen, welche als Ansprechpartner und Kommunikationsstelle für Kinder und Jugendliche aus Einrichtungen zur Verfügung stehen. Außerdem Gründer des gemeinnützigen Verein „Pflaster“ und Obmann der IGSWG Burgenland, eine Interessensgemeinschaft der sozialpädagogischen Wohngemeinschaften im Burgenland.

„Eine Abnahme aus der eigenen Familie ist nie die Schuld des Kindes und wir können diese Familie auch nie ersetzen, aber wir unterstützen sie am Weg zum Erwachsenwerden.“ Monika Herowitsch

Konkret wurde die Idee zur Gründung im Sommer 1999 als sich in Marz, dem Heimatort des Ehepaares, ein für die Kinderwohngemeinschaft geeignetes Haus zum Verkauf anbot. Fast ein Jahr arbeitete das Ehepaar neben seinen Vollzeitberufen als Sozialpädagoge und Sozialarbeiterin, in seiner gesamten Freizeit unter Einsatz enormer Arbeitsleistung und persönlichem Engagement sowie großer finanzieller Aufwendungen und Belastungen intensiv an der Projektplanung und Projektverwirklichung bis sie im Juni 2000 nach dem Abschluss des behördlichen Bewilligungsverfahrens die ersten Kinder in ihre Obhut übernehmen konnten, bald fanden elf Kinder hier einen sicheren Ort zum Leben.

Die damals jungen Kinder sind mittlerweile zu eigenständigen Erwachsenen herangewachsen und haben sich ein sicheres Leben nach absolviertem Studium oder Lehre aufgebaut. Aufgenommen werden Kinder ab dem zweiten Lebensjahr. Bleiben können die Jugendlichen nur bis zu ihrem 18. Lebensjahr, bevor sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen, im Gegensatz zu jungen Erwachsenen aus funktionierenden Familienhäusern. „Diese können durchschnittlich bis zu ihrem 27. Lebensjahr zu Hause wohnen oder werden wenigstens finanziell unterstützt, also wieso nicht unsere Kinder?“, so Monika Herowitsch. Die Wohngemeinschaft „Fühl dich Wohl“ unterstützt die sogenannten „Care Leaver“, ins Deutsche übersetzt „Führsorgeverlasser“, mit einer Wohnung in Mattersburg, die als Übergangslösung zur Verfügung gestellt wird. Um die Bedingungen für junge Erwachsene aus Wohngemeinschaften zu verbessern, kämpfen die Care Leaver Petra und Julia Gabler, die Gründer des Selbstvertretungsvereins „Care Leaver Österreich“, schon seit Jahren gegen die momentanen Gesetze an.

„Um diese Kinder und Jugendlichen zu selbstständigen Erwachsenen heranzuziehen, ist ein 14-köpfiges Team, darunter zehn sozialpädagogisch ausgebildete Fachkräfte und vier Hausbetreuuer, angestellt“, so Leiter Gerald Herowitsch-Trinkl. Die Arbeitsmethoden der WG Fühl dich Wohl basierten auf der Beziehungsarbeit. Durch die emotionale Beziehung zum Kind, erfährt dieses Geborgenheit, Sicherheit und Annahme. Beziehung als therapeutischer Faktor wird vorallem bei Defiziten der Kinder im Selbstwert, Selbstbild, in der Vertrauens-, Beziehungs- und Bindungsfähigkeit tragend. Das wertvolle Angebot einer dauerhaften, verlässlichen und tragfähigen, emotionalen Beziehung, von der WG-Aufnahme bis zum Betreuungsende, bietet das Leiterpaar. Die langjährige Firmenzugehörigkeit der MitarbeiterInnen und ein Bezugserziehersystem unterstützen das Angebot.

Um die Aufarbeitung von Trauma sicherstellen zu können, befasst sich Monika Herowitsch mit Biographiearbeit als zentralem Aspekt ihrer Arbeit. Aus dem Wunsch heraus den Kindern ein Medium zu bieten, in dem sie sich und ihre Geschichte wiederfinden, entstand die Idee für ein Kinderbuch, das zusammen mit Autorin und Künstlerin Erika Kronabitter umgesetzt wurde. Das Buch „Sarah und die Wolke“ handelt von einem Mädchen aus einer schweren Familiensituation, das in eine WG übersiedelt. Das Buch wurde 2011, unter 266 eingereichten österreichischen und internationalen Sozialprojekten, mit dem 3. Hauptpreis der Sozialmarie, einem internationalen Preis für soziale Innovation, ausgezeichnet.