Schattendorf/Bezirk Mattersburg: Kritik am neuen Pflegemodell

Erstellt am 16. September 2022 | 05:41
Lesezeit: 9 Min
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Nicht jeder ist mit der geplanten Pflegereform im Burgenland zufrieden. Bestehende Trägerorganisationen würden dadurch aus dem Markt gedrängt werden, kritisiert eine mobile Pflegekraft aus dem Bezirk.
Foto: Shutterstock-Dieter Hawlan
Die Pflege im Burgenland wird neu formiert. Bis 2024 sollen 28 Regionen je einen Stützpunkt und insgesamt 70 Subregionen bekommen, die sich um die Mobile Hauskrankenpflege, Tagesheimstätten und betreutes Wohnen kümmern. Nicht überall wird das goutiert. Eine mobile Pflegekraft sowie eine Klientin, die anonym bleiben möchten, sehen darin mehr Nach- als Vorteile.
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Auch wenn man derzeit mit Kriegsmetaphern besonders bewusst umgehen sollte, eine mobile Pflegekraft (Name und Trägerorganisation bekannt), spricht deutlich aus, was sie von der Umstrukturierung des burgenländischen Pflegeangebots hält: „Ich komme mir vor, als ob unser Herr Landeshauptmann über die Pflege wie mit einem Panzer drüberrollt. Es wird gesagt, dass sie das Pflegeangebot verbessern wollen, letztendlich radieren sie aber andere Trägerorganisationen einfach aus.“

Vor Kurzem wurde bekannt gegeben, dass im Herbst in Schattendorf der erste Pflegestützpunkt des neuen burgenländischen Pflegemodells seinen Betrieb aufnehmen wird. Der Standort dient dabei als Pilotprojekt für das Modell, das mit Jänner 2024 im gesamten Burgenland ausgerollt werden soll. Dabei werden die Gemeinden Schattendorf, Draßburg, Baumgarten, Loipersbach, Marz und Rohrbach zu einer Region zusammengefasst. Betreiber des Pilotprojekts ist die „Soziale Dienste Burgenland GmbH.“

Die Neuregelung garantiert, dass alle pflegebedürftigen Burgenländerinnen und Burgenländern die Hilfe bekommen, die sie brauchen. “
Leonhard Schneemann Soziallandesrat

Frau H. (Initial zufällig gewählt) kritisiert, dass durch dieses Pilotprojekt schon jetzt ihrer Trägerorganisation die Klienten weggenommen werden: „Ohne uns im Vorfeld in den Planungsprozess miteinbezogen zu haben und obwohl wir mit unseren Klienten Verträge haben. Ab Oktober werden wir in diesen sechs Gemeinden überhaupt keine Klienten mehr betreuen dürfen.“

Frau H. sagt, dass dadurch für sie als mobile Pflegekraft über kurz oder lang nur zwei Möglichkeiten infrage kämen: „Entweder ich wechsle zu den Sozialen Diensten oder ich werde in den nächsten ein bis zwei Jahren arbeitslos werden.“ Ein Wechsel komme für sie allerdings nicht infrage, sagt sie, sie ist bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber sehr zufrieden. Auch aus ihrem Kolleginnenkreis hört sie Ähnliches. „Ich möchte von meiner Trägerorganisation nicht weggehen, de facto werde ich aber dazu gezwungen.“

Bei den Sozialen Diensten würde sie lediglich den Mindestlohn erhalten, sagt sie: „Ich befürchte, dass dort die Pflegekräfte für weniger Geld noch mehr arbeiten müssen. Wir sind jetzt schon unterbezahlt für die Arbeit, die wir leisten. Dadurch wird die Pflege noch unmenschlicher.“

„Zuerst war es die Pandemie, man hatte Angst vor dem Virus, dann kam die Impfung, die ebenfalls viele Fragen mit sich brachte und jetzt werden mit der Pflegereform schon wieder neue Unsicherheiten erzeugt.“
Frau H.

Auch ihre Klienten seien von der Umstellung nicht sonderlich überzeugt, berichtet sie: „Wir haben Menschen, die wir zum Teil schon über zehn Jahre betreuen, eine Klientin ist zum Beispiel schon seit 17 Jahren bei uns. Für sie sind wir wie eine Familie. Und dann sagt man ihr, ab Oktober kommen nicht mehr ihre vertrauten Pflegerinnen, jetzt kommt jemand ganz anderes.“ Dadurch werde viel Unsicherheit erzeugt: „Zuerst war es die Pandemie, man hatte Angst vor dem Virus, dann kam die Impfung, die ebenfalls viele Fragen mit sich brachte und jetzt werden mit der Pflegereform schon wieder neue Unsicherheiten erzeugt.“

Was Frau H. ebenfalls stört: Dass ihrer Ansicht nach zu wenig mit den bisherigen Trägern gesprochen wurde: „Sie haben uns bei nichts mit eingebunden. Wenn ich nicht vor ein paar Wochen bei einer Infoveranstaltung gewesen wäre, wüsste ich bis heute nicht, wie sie das eigentlich alles machen wollen.“ Sie meint, man hätte gemeinsam darüber reden und gemeinsam eine Reform starten können. „Aber so geht das meiner Meinung nach nicht.“

„Ich bin immer noch fassungslos über diese Kaltschnäuzigkeit und Kaltherzigkeit der handelnden Politiker.“

Die erwähnte Klientin (Name bekannt), die 17 Jahre lang von derselben Trägerorganisation gepflegt wird, berichtet: „Ich bin immer noch fassungslos über diese Kaltschnäuzigkeit und Kaltherzigkeit der handelnden Politiker.“ Auch sie fühlt sich nicht gut informiert über die Änderungen, die auf sie zukommen werden. „Ich habe weder ein Schreiben bekommen noch irgendeine andere Information. Ab 1. Oktober sollen aber schon die neuen Pflegerinnen kommen. Ich weiß überhaupt nicht, wer das eigentlich sein wird, die mich dann pflegen.“

Ich will kein „Versuchskaninchen“ sein

Auch sie sagt: „Wenn ich nicht bei dieser Veranstaltung gewesen wäre, wüsste ich bis heute gar nichts.“ Pflege sei für sie etwas, was ganz wesentlich auf Vertrauen beruht. Dieses Vertrauen vermisst sie momentan: „Pflege ist etwas Intimes, Körperliches. Ich bin jetzt schon so lange bei derselben Trägerorganisation. Alle Pflegerinnen dort wissen, welche Bedürfnisse ich habe, bei was sie mir helfen müssen und was ich selbstständig erledigen kann.“ Über die lange Zeit hinweg seien die Pflegerinnen zu vertrauten Personen für sie geworden: „Ich freue mich immer schon, wenn sie zu mir kommen. Mit ihnen kann ich auch über private Sachen reden, weil als Mensch mit Behinderung ist man vom gesellschaftlichen Leben ja fast ausgeschlossen. Und jetzt sollen plötzlich völlig fremde Leute zu mir kommen.“ Das mache ihr Angst, sagt sie, „und das bedrückt mich sehr.“

Sie wünscht sich eine Wahlfreiheit: „Ich will selbst entscheiden, ob ich zu den Sozialen Diensten wechseln möchte oder bei meiner gewohnten Trägerorganisation bleibe. Ich will nicht gezwungen werden, weil was passiert, wenn ich sage, ich will dort nicht hingehen? Dann habe ich keine Pflege.“ Als Alternative, hätte man ihr zu verstehen gegeben, könne man sich auch eine private Pflegekraft nehmen. „Das kann ich mir aber nicht leisten.“ Sie sieht sich als „Versuchskaninchen“ für ein Pilotprojekt. „Das möchte ich aber nicht sein.“

Kritik kam auch von der Sozialstation Neudörfl

Eine Wahlmöglichkeit haben: Das wird also sowohl von der mobilen Pflegekraft sowie der Klientin gewünscht. Auch Hilfswerk-Chef und Landtagsabgeordneter der ÖVP, Thomas Steiner, meldete sich kürzlich in einem BVZ-Interview mit einer ähnlichen Aussage zu Wort: „Hier werden aus meiner Sicht funktionierende Strukturen zerschlagen. Das Ziel ist scheinbar, alles zu monopolisieren.“ Dabei sei die Vielfalt und die Wahlfreiheit bei der Pflege für ihn „ein Menschenrecht“.

Anfang Juni fühlte sich schon die langjährige Obfrau der Neudörfler Sozialstation und SPÖ-Gemeindevorständin, Edith Kern-Riegler, überrumpelt von den Plänen. Die Sozialstation mit 35 Jahren Erfahrung in der Hauskrankenpflege stellte daraufhin den Betrieb ein. „Die Burgenländische Landesregierung entschied sich für ein Modell der Hauskrankenpflege, in dem kleine und sehr wirtschaftlich geführte Vereine wie die Sozialstation Neudörfl keinen Platz mehr haben“, sagte Kern-Riegler damals.

Für Frau H., der mobilen Pflegekraft, bleiben kurz vor dem Start des Pilotprojekts in Schattendorf noch einige Fragen offen, die sie von den zuständigen Politikern beantwortet wissen möchte: „Warum wurden die Trägerorganisationen nicht mit eingebunden? Und wo bleibt die Menschlichkeit und das Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Klienten und den Pflegekräften?“

Auch die Klientin fragt sich, wie es nach 17 Jahre Pflege für sie ab Oktober weiter gehen wird und ob im neuen Pflegemodell all ihren Bedürfnisse, die sie als zu pflegende Person hat, nachgekommen wird.

Soziallandesrat Leonhard Schneemann reagierte in einer schriftlichen Stellungnahme auf die Kritik. Zunächst, sagt er, das sei ihm wichtig, fahre man über nichts und niemanden drüber. Er verstehe aber die Verunsicherung der Trägerorganisationen sowie der MitarbeiterInnen. „Wir wollen und dürfen ihre qualitativ hochwertige Arbeit nicht schmälern. Allerdings kann jedes System weiterentwickelt werden.“ Im Vorfeld wurden die vorhandenen Strukturen im Land durch das Entwicklungs- und Planungsinstitut für Gesundheit (EPIG) wissenschaftlich evaluiert. Auf dieser Basis wurde das Pflegemodell ausgearbeitet.

Anders als behauptet dürften auch weiterhin andere Trägerorganisationen KlientInnen innerhalb der Region betreuen, so der Soziallandesrat. „Pflegebedürftige können selbstverständlich auch in Zukunft den Anbieter selbst wählen, nur müssen sie die Kosten bei einem anderen Träger zur Gänze selbst tragen.“ Förderungen wird es künftig nur noch für eine Trägerorganisation geben.

Jetzige Betreiber sollen bei der Neustrukturierung auch nicht ausgeschlossen werden, im Gegenteil, es werde auf bestehende Strukturen zurückgegriffen. „Wir werden auch Gespräche mit den Trägerorganisationen führen. Im Zuge der Ausschreibung hat jeder Träger die Möglichkeit sich zu bewerben, sollte er die Anforderungskriterien erfüllen“, so Leonhard Schneemann. Es gehe nicht darum, bestehende Strukturen zu zerschlagen oder zu monopolisieren, „sondern sie weiterzuentwickeln, damit Pflege im Burgenland sichergestellt wird und finanzierbar bleibt. „Die Neuregelung garantiert, dass alle pflegebedürftigen BurgenländerInnen die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Bisher gab es immer wieder Schwierigkeiten in gewissen Orten überhaupt irgendeine Form von Betreuung zu gewährleisten. Das darf und soll nicht mehr passieren.“

„Der für die Region zuständige Betreiber muss die Personen einer Region versorgen.“

Das neue Pflegestützpunktmodell biete dabei viele Vorteile, ist der Soziallandesrat überzeugt, sowohl für pflege- und betreuungsbedürftige Menschen als auch für die Pflegekräfte: „Einerseits bündeln wir das gesamte Angebot unter einem Dach, anderseits garantieren wir die regionale Versorgungssicherheit in der mobilen Pflege. Die geringeren Fahrtzeiten bringen mehr Zeit beim Zupflegenden mit sich, aber auch einen Mehrwert für die MitarbeiterInnen sowie einen wirtschaftlichen Nutzen. Prinzipiell kann das Personal dadurch effizienter arbeiten.“ Eine Jobrotation würde eine Erleichterung für die Pflegekräfte bedeuten: „Sie haben die Chance, abwechselnd in den unterschiedlichen Bereichen, ob mobile Dienste oder Seniorentageszentren, tätig zu sein.“ Ein weitere Pluspunkt sei die angesprochene Versorgungspflicht: „Der für die Region zuständige Betreiber muss die Personen einer Region versorgen.“

Zur Gehaltsfrage meint der Soziallandesrat: „Das Pflegepersonal bei den Sozialen Diensten bekommt nicht weniger bezahlt als bei anderen Trägerorganisationen. Es gilt nach wie vor ein Kollektivvertrag der Sozialwirtschaft Österreich, der entsprechende Gehälter je nach Berufsgruppe vorsieht und auch in den Sozialen Diensten herangezogen wird.“

Über den Zeitraum von einem Jahre werde nun das Pilotprojekt in Schattendorf auf „Herz und Nieren geprüft“, so Leonhard Schneemann: „Es wird ständig evaluiert und gibt Aufschluss über die Praxistauglichkeit. So haben wir einen praxisnahen Probelauf, bevor das Modell auf das gesamte Burgenland ausgeweitet wird.“ Im Fokus der Reform, daran lässt der Soziallandesrat keinen Zweifel, stehen die Pflegebedürftigen selbst sowie die Pflegekräfte: „Jede Burgenländerin und jeder Burgenländer soll eine qualitativ hochwertige und ausreichende Pflege und Betreuung erhalten. Und dies möglichst gemeindenah und in die Dorfgesellschaft integriert.“

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