AMS-Chefin Sengstbratl: „Betriebe müssen sich anpreisen“

Erstellt am 05. Jänner 2023 | 05:30
Lesezeit: 4 Min
440_0008_8564444_nsd01bir_petra_beidl_helene_sengstbratl.jpg
Bilanzgespräch. Petra Beidl (Geschäftsstellenleiterin des AMS Neusiedl am See) lässt mit Helene Sengstbratl (Geschäftsführerin AMS Burgenland) das Jahr 2022 Revue passieren. Gemeinsam wagen sie für die BVZ auch einen Ausblick auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes 2023.
Foto: Birgit Böhm-Ritter
Wenig Arbeitslose, viele offene Stellen: Zwei Jahre lang hat Corona den Arbeitsmarkt im Bezirk Neusiedl am See gehörig herausgefordert, bevor seine Entwicklung 2022 „wie eine Rakete“ abging.
Werbung
Anzeige

Die Arbeitslosenquote im Burgenland war seit 40 Jahren nicht so niedrig wie im abgelaufenen Jahr. Dass es am Arbeitsmarkt 2022 so gut laufen würde, konnten selbst Experten nicht voraussagen. „Die positiven Prognosen, die vor einem Jahr aufgestellt worden sind, wollten wir nicht glauben. Im Rückblick gesehen waren sie sogar nicht positiv genug“, sagt Helene Sengstbratl, Chefin des AMS (Arbeitsmarktservices) im Burgenland bei ihrem Besuch in der AMS Geschäftsstelle in Neusiedl am See.

Hier zieht man auch für den Neusiedler Bezirk ein positives Resümee über das abgelaufene Jahr. Es sei gelungen, die Arbeitslosigkeit um 20,4 Prozent gegenüber dem Jahr 2021 zu reduzieren, verdeutlicht Geschäftsstellenleiterin Petra Beidl.

Die Zahl der Arbeitslosen ist gesunken, die Zahl der offenen Stellen aber nicht. Wie ist das zu erklären? Laut Sengstbratl sei ein enormes Wirtschaftswachstum zu spüren gewesen, sozusagen ein „Nachholeffekt“ aus der Zeit der Corona-Pandemie. Außerdem greife nun die Pensionsreform. „Dazu kommt, dass die sogenannten ‚Babyboomer‘ (Jahrgänge 1955-1969) in den kommenden Jahren in Pension gehen und es folgen geburtenschwächere Jahrgänge“, unterstreicht Beidl.

„Betriebe können nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. Jetzt müssen sich Unternehmen bei den Arbeitnehmern anpreisen, nicht umgekehrt“

Die Bevölkerung werde immer älter und es würden weniger Arbeitskräfte nachkommen. Der Arbeitsmarkt im Bezirk präsentiert sich jedenfalls sehr dynamisch. Laufend kommen neue Stellen dazu und viele Stellen werden auch wiederbesetzt. Trotzdem besteht derzeit eine hohe Arbeitskräftenachfrage. „Einerseits aus konjunkturellen Gründen – weil es viel Arbeit gibt. Andererseits aus strukturellen Gründen. Angebot und Nachfrage passen nicht immer zusammen“, betont Beidl.

Was sich bereits 2022 als zentrale Herausforderung dargestellt hat und sich im Jahr 2023 fortsetzen wird, ist der in vielen Betrieben spürbare Arbeitskräfte- und Fachkräftemangel. Quer durch alle Branchen – eine erhöhte Betroffenheit ist im Bezirk allerdings im Handel, Transport, der Beherbergung und Gastronomie sowie im Gesundheits- und Sozialwesen zu erkennen. „Betriebe können nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. Jetzt müssen sich Unternehmen bei den Arbeitnehmern anpreisen, nicht umgekehrt“, erklärt AMS-Chefin Sengstbratl.

Aufgrund des Personalmangels rücken ältere Arbeitslose stärker in den Fokus. Die unselbständige Beschäftigung von Menschen über 50 Jahren hat sich gegenüber dem November 2021 im Bezirk um 3,1 Prozent erhöht, bei den über 60-Jährigen liegt der Zuwachs bei 10,6 Prozent.

Schwerpunkt auf Ausbildung von Fachkräften

Auch bei den Stellen für die Jungen gibt es Bewegung. „Angesichts des Fachkräftemangels bekommt die Lehre – auch bei den Eltern – wieder einen höheren Stellenwert und in den Betrieben gibt es wesentlich mehr offene Lehrstellen“, so Sengstbratl und Beidl unisono. Einen Schwerpunkt legt das AMS deshalb 2023 wieder auf die Lehrlingsausbildung. Am 7. Februar wird es heuer wieder ein Lehrlingscasting in der Polytechnischen Schule in Neusiedl am See geben. Auf dieser Plattform bietet man Betrieben und ausbildungssuchenden Jugendlichen die Möglichkeit, sich kennenzulernen.

Wie bereits in den vergangenen Jahren wird man auch heuer wieder Ausbildungen im Pflegebereich forcieren. Seit 1. Jänner können Ausbildungen zur Pflegeassistenz und Pflegefachassistenz, zur diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegekraft sowie die Ausbildungen in Schulen für Sozialbetreuungsberufe mit einem Pflegestipendium in der Höhe von 1.400 Euro monatlich für AMS-KundInnen gefördert werden.

Werbung