Insolvenz: „Helferlein“ stellen Betrieb ein. Die Wogen im Bezirk Neusiedl gehen hoch: Über hundert Familien sind seit Anfang der Woche schlagartig ohne Betreuung.

Von Saskia Jahn und Birgit Böhm-Ritter. Update am 11. Dezember 2020 (11:48)
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Hauskrankenpflege. Zuletzt betreuten 17 engagierte Mitarbeiter insgesamt 109 Klienten in den zwei nördlichsten Bezirken des Landes - Eisenstadt und Neusiedl am See.
privat/zVg

Seit mehreren Monaten wird die 86-jährige Mutter von Claudia Maryschka vom Verein „Die Helferlein“ betreut. „Drei ganz liebe Damen haben sich sechs Mal in der Woche bei Hausbesuchen am Abend um meine Mutter gekümmert. Es war von Anfang an ein nettes Miteinander. Es hat sich schon ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt.“

Die Besuche seien immer mit viel Spaß verbunden gewesen. Von einem Tag auf den anderen war es damit aber vorbei. Am Montag, 7. Dezember, hat die Familie erfahren, dass dies der letzte Tag sei, an dem die „Helferlein“ ihre mobile Hauskrankenpflege anbieten könnten. Denn der gemeinnützige Verein musste Insolvenz anmelden, die laut der Geschäftsführung unter anderem aus der Förderpolitik des Landes Burgenland resultiert.

Verein prangert Zwei-Klassen-System an

Geschäftsführer Ernst Radlspäck fasst im Gespräch mit der BVZ die letzten 18 Monate, in denen er in Verhandlungen mit dem Land stand, zusammen: „Im Juli 2019 haben wir - damals noch als OG - die Landesregierung erstmalig mit den Missständen bei den Tarifen konfrontiert. Das Zwei-Klassen-System stellten wir infrage. Es ist nämlich so: Die Tarife sind fix vorgegeben. Da gibt es nichts zu rütteln.

Nun gibt es aber hierbei zwei Arten: Während eine sogenannte ARGE - ein Zusammenschluss mehrerer Organisationen - die bis zu 20 Prozent höher geförderten Tarife verrechnen darf, durften wir nur die geringeren Tarife verrechnen.“ Ernst Radlspäck habe ausdrücklich darauf hingewiesen, dass mit diesen Tarifen und der geringeren Förderquote eine Hauskrankenpflege äußerst schwer bis unmöglich zu betreiben sei. Die Landesregierung habe dem gemeinnützigen Verein daraufhin unter anderem geraten, sich der „ARGE Hauskrankenpflege und soziale Dienste“ anzuschließen. „Um, ich zitiere wörtlich, in den Genuss der höher geförderten Tarife zu kommen“, berichtet Radlspäck. Noch im November 2019 stellte der Verein den dementsprechenden Antrag. „Wir haben bis heute keine Rückmeldung erhalten“, zeigt sich Radlspäck empört.

Über ein Jahr ist seither vergangen. Der Verein „Die Helferlein“ habe nichts unversucht gelassen, die Insolvenz möglicherweise doch noch verhindern zu können: Etliche Anfragen des Vereines seien aber ins Leere gelaufen. „Von zwei Landesräten und dem Landeshauptmann selbst wurden wir über Monate hinweg hingehalten. Aus dem Verein eine Landesorganisation zu machen, stand zum Beispiel im Raum. Es wurde aber so lange keine endgültige Entscheidung kommuniziert, bis es dann einfach zu spät war. Es wurden Versprechungen und Zusagen gemacht, die schlichtweg nicht eingehalten wurden“, so Radlspäck, „die Enttäuschung ist groß, war es doch von Anfang an ein Herzensprojekt.“

„Geschäftsführer nicht lösungsorientiert“

Auf Nachfrage der BVZ heißt es aus dem Büro des Landeschefs Hans Peter Doskozil, Landesrat Leonhard Schneemann bemühe sich in Abstimmung mit dem Landeshauptmann intensiv um eine Lösung, die die Interessen der Klienten und der Mitarbeiter sichere. Bei gutem Willen aller Beteiligten sei diese Lösung auch rasch umsetzbar.

Konkreter äußerte sich der für die Causa zuständige Landesrat Leonhard Schneemann selbst: Das Land Burgenland führe bereits seit Wochen Gespräche, die bis dato allesamt aufgrund der nicht gegebenen Lösungsorientierung seitens des Geschäftsführers der ‚Helferlein‘ ergebnislos verlaufen seien. „Als Soziallandesrat hat es für mich höchste Priorität, die Pflegeversorgung sicherzustellen. Mit sofortiger Wirkung würde die KRAGES alle Mitarbeiter übernehmen und so den Dienst vor Ort an den zu betreuenden Personen zu 100 Prozent sicherstellen“, betont Schneemann. Dazu habe es unter anderem bereits Gespräche mit den Mitarbeitern gegeben.

Die Nachricht der Insolvenz hat die Familie Maryschka und über hundert weitere Familien im Nordburgenland hart getroffen. Es werde dauern, bis ein anderer Pflegedienst für die Mutter gefunden sei, befürchtet Claudia Maryschka. „Auch die anderen Pflegedienste sind ausgelastet. Meine Geschwister und ich werden einspringen müssen.“ Keine einfache Situation, ist die Golserin doch selbst nach einem Herzinfarkt gesundheitlich angeschlagen.

Dass das Land Burgenland gerade beim Pflegedienst spart, stieß bei den Angehörigen jedenfalls auf heftige Kritik, welche sie in einem offenen Brief, der auch die BVZ-Redaktion erreichte, formulierten (Auszug in der Infobox auf Seite 52). „Der Bedarf an Pflegediensten ist ja gegeben, auf der Strecke bleiben jetzt die Pflegebedürftigen“, sagt eine Angehörige im Interview.

Einigung erzielt

Am Donnerstagnachmittag meldete Soziallandesrat Dr. Leonhard Schneemann, dass in Zusammenarbeit mit dem Bürgermeister von Zurndorf, Werner Friedl, und der KRAGES in Person von Dr. Johannes Zsifkovits mit den betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vereins eine Einigung erzielt werden konnte. Konkret werde es zu einer Übernahme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Psychosozialen Dienst, einer Tochter der KRAGES GmbH, kommen. Die Betreuung der 109 Klientinnen und Klienten sei von Beginn an oberster Stelle gestanden, zeigte sich Schneemann  zufriedener mit der erzielten Lösung. Um den Neustart für alle Beteiligten möglichst reibungslos zu gestalten, gibt es für Klientinnen und Klienten sowie deren Angehörige das Angebot, sich bei der Pflegeservice Burgenland GmbH unter der Nummer +43 57 600 1000 oder beim Psychosozialen Dienst unter der Nummer +43 57 979 20010 zu melden.

Auf Nachfrage der BVZ bei Erst Radlspäck erläuterte der Geschäftsführer des Vereins „Die Helferlein“, dass ein Teil der Mitarbeiter das Angebot annehme und vom Psychosozialen Dienst übernommen werde. Ein Teil des Teams bleibe dem Verein aber erhalten. „Gemeinsam mit unseren Mitarbeitern arbeiten wir gerade an der Sanierung unseres Konzeptes. Wir werden in Zukunft keine Hauskrankenpflege anbieten, denn sobald man dies macht, ist man vom Land abhängig. Wir wollen im sozialen Bereich tätig bleiben, aber ohne vom Land abhängig zu sein. Wir wollen uns neu orientieren.“