Ein Jahr im Amt: Elisabeth Böhm im Gespräch. Neusiedls Bürgermeisterin spricht mit der BVZ über ihr erstes Jahr an der Spitze der Stadt und zieht Bilanz über abwechslungsreiche Monate. Lesen Sie hier das ungekürzte Interview.

Von Birgit Böhm-Ritter. Erstellt am 21. November 2018 (10:45)
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
Bürgermeisterin Elisabeth Böhm
zVg

Es war am 29. Oktober 2017, als Elisabeth Böhm (SPÖ) bei der Gemeinderatswahl in einer Stichwahl zur Nachfolgerin von Langzeit-Bürgermeister Kurt Lentsch (ÖVP) und damit zur ersten Ortschefin von Neusiedl am See gewählt wurde. Erstmals ging der Bürgermeistersessel damit in der Stadt an die SPÖ. Am 8. November 2017 wurde Böhm als Bürgermeisterin angelobt.

Wie ihre Bilanz nach einjähriger Amtszeit ausfällt, verrät Sie im BVZ-Interview.

BVZ: Wie würden Sie ihr erstes Jahr im Amt mit drei Schlagworten charakterisieren?
Elisabeth Böhm:
Zielstrebige Teamplayerin, fleißig, erfolgreich

BVZ: Welche Überraschungen hat dieses Amt mit sich gebracht?
Böhm:
Ich freue mich sehr über die positive Rückmeldung und Bestätigung meiner Arbeit für die Stadt von den Neusiedlerinnen und Neusiedlern.  Ich arbeite mit einem super Team rund um mich, sowohl meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch im Kreis der Gemeinderäte. Ich habe sehr viel Freude an der Arbeit,  da viele Projekte bereits nach einem Jahr erledigt wurden.

BVZ: Wie gehen Ihr Mann und Ihre Kinder mit Ihrer neuen Rolle um? Wie hat sich der Familienalltag verändert?
Böhm:
Ich arbeite seit jeher Vollzeit, dies ist für berufstätige Eltern immer eine Herausforderung. Natürlich nimmt meine neue Tätigkeit sehr vielmehr Zeit in Anspruch, aber für jeden der arbeitet ist ein gutes Zeitmanagement notwendig. Meine Kinder (23 Jahre und 21 Jahre) sind ja schon erwachsen und wir sehen uns so oft es geht. Das ist jetzt wesentlich leichter als vor 15 Jahren, da hatte ich Glück mit meinen Eltern, mit meiner Tante und meinem Mann, die mich immer unterstützten. Ohne Netzwerk und ohne Betreuungsmöglichkeit der Kinder ist es sehr schwierig politisch tätig zu sein. Wichtig ist auch ein Partner, der einen unterstützt. Da habe ich großes Glück, dass mein Mann mich immer unterstützt hat und darüber bin ich sehr froh. Wir kennen uns seit 33 Jahren und sind bereits 28 Jahre verheiratet. Er ist mein Lebensmensch. Wir versuchen so viel Zeit wie möglich miteinander zu verbringen und das ist in jeder Beziehung das Wichtigste. Gemeinsame Familientreffen sind für die ganze "Großfamilie" schön!

BVZ: Wie sehen Sie die Zusammenarbeit im Gemeinderat mit den anderen Fraktionen? Funktioniert diese aus Ihrer Sicht, oder gibt es Verbesserungspotential?
Böhm:
Die Zusammenarbeit ist die meiste Zeit sehr gut. Ich lade laufend alle Fraktionen zum "Runden Tisch" ein. Wir wollen für unsere Stadt Positives bewirken und vergangene Fehlentscheidungen so gut es noch möglich ist, korrigieren. Es ärgert mich dann schon, wenn nach einem konstruktiven "Runden Tisch" mit guten Lösungen eine einzige Partei nach drei Tagen einen Flugzettel aussendet und sich darstellt als wäre es die eigene Idee gewesen. Da fehlt eindeutig die Handschlagqualität. Das macht man nicht! Ich bin froh, dass die Parteien aber im Großen und Ganzen gemeinsame Ziele festsetzen und miteinander arbeiten.

BVZ: Worauf sind Sie stolz, wenn Sie auf Ihr erstes Jahr als Bürgermeisterin zurückblicken? Was ist Ihnen besonders gut gelungen?
Böhm:
Ich habe mich sehr gefreut, dass es mir gelungen ist, unser Seegrundstück, auf welchem ein 14 Meter hohes Hotelprojekt entstehen hätte sollen, zurück zu bekommen. Wir haben das Baurecht zurück gekauft und können wieder frei verfügen. Das war für alle Neusiedlerinnen und Neusiedler eine große Erleichterung! Die 22 zweigeschossigen Appartements direkt in den See hineingebaut, wurden leider von meinem Vorgänger genehmigt und waren nicht mehr zu verhindern. Die Baubewilligung wurde von ihm erteilt.
Die Bürgermeisterwahl im Oktober 2017 war für mich eines meiner schönsten Ereignisse in meinem Leben. Der enorm große Zuspruch der Bevölkerung hat mich überwältigt und noch heute bin froh und demütig über das entgegengebrachte Vertrauen.

BVZ: Worüber Sind Sie weniger glücklich, wenn Sie zurückschauen? Was ist nicht so aufgegangen, wie Sie es sich gewünscht hätten?
Böhm:
Die ÖVP agiert manchmal eigenartig, da haben scheinbar einige ÖVP Funktionäre vergessen, dass die Stadt seit 96 Jahren von der ÖVP regiert wurde und wer unsere Stadt in ein finanzielles Chaos geführt hat. Die Stadt war zahlungsunfähig und aus diesem Grund war eine Konsolidierung dringend notwendig! Daher ist es unlogisch, dass jene Partei von einer Bürgermeisterin nach nicht einmal einem Jahr Forderungen stellt, die sie bereits vor Jahren hätte umsetzen können und müssen. Ich denke hier an unseren 4. Kindergarten, an die Volksschule, an die Zentralmusikschule, an den notwendigen Straßenbau und an unser Hallenbad. So viele Versäumnisse in den letzten Jahren. Daher sind die Falschmeldungen an die Bürger nicht nachvollziehbar!

BVZ: Welche Projekte haben Sie im vergangen Jahr umgesetzt oder ins Laufen gebracht?
Böhm:
Die Finanzen haben wir momentan sehr gut im Griff, da auch in diesem Jahr gespart wurde und ein weiteres Sparen notwendig ist.  Der Rückkauf des Baurechtes des Seegrundstückes und die Sanierung der Windmühlgasse konnten umgesetzt werden. In den letzten Wochen wurde ein behindertengerechtes WC im Rathaus errichtet, das Dach des Feuerwehrhauses wurde saniert, ebenso das Dach des  Seemuseums. Derzeit werden zwei Denkmäler (Pestsäule am Hauptplatz und im Goldbergpark) saniert. Diese liegen mir besonders am Herzen. Viele Denkmäler wurden nie restauriert und sind in einem sehr schlechten Zustand. Diese sind Teil unserer Stadtgeschichte und die muss bewahrt bleiben.  Der Turul (beim Nyikospark) wurde in den letzten Wochen gemeinsam mit dem Historiker- und Verschönerungsverein saniert. Außerdem wurde für die Zentralmusikschule eine neue elektrische Eingangstür angeschafft.  

BVZ: Welche Schwerpunkte möchten Sie im nächsten Jahr setzen. Was ist Ihnen besonders wichtig?
Böhm:
Ein großes Anliegen ist mir das Projekt „Bildungscampus“. Seit Jahren wird über einen Schulneubau oder Um- und Zubau geredet, der 4. Kindergarten muss endlich errichtet werden und ein neues Gebäude für die Zentralmusikschule muss her. Diese genannten Projekte wurden von allen Parteien als Wichtigste priorisiert. Auch im Straßenbau wurden in den letzten Jahre nichts gemacht, außer eine 1,7 Millionen Euro teure Straße 2016 im Betriebsgebiet errichtet. Mit diesem Geld hätten wir alle Straßen im Ortsgebiet bauen bzw. sanieren können.

BVZ: Im Wahlkampf haben Sie für mehr Transparenz plädiert und sich für den Erhalt des Hallenbades stark gemacht. Wie fällt nach einem Jahr Ihr Fazit aus?
Böhm:
Mir ist es wichtig, dass alle Gemeinderäte den gleichen Wissenstand haben, daher mache ich laufend Treffen mit allen Fraktionen - dem  "Runden Tisch. Wir besprechen konstruktiv Lösungen und Vorstellungen jedes einzelnen. Das ist wichtig, nur wenn wir gut kommunizieren können wir Projekte umsetzen und unser Neusiedl am See noch lebenswerter machen.
Das Hallenbad muss erhalten bleiben, das habe ich immer wieder gesagt. Es ist wichtig, für unsere Kinder schwimmen zu lernen, sportlich aktiv zu bleiben und dadurch gesund und fit zu sein. Die Saunalandschaft wurde modernisiert. Ein Gutachten des Bundesdenkmalamtes (BDA) wurde erstellt. Aufgrund meiner Stellungnahme dazu wird dieses derzeit überarbeitet. Wir warten also wieder auf ein weiteres Gutachten und schlussendlich auf einen Bescheid des BDA. Eine Unterschutzstellung ist unumgänglich, das wurde uns deutlich vermittelt. Wir verhandeln derzeit noch über das Ausmaß der Unterschutzstellung.

BVZ: Die Stadt ist in den letzten Jahren rasant gewachsen? Kann die Stadt noch weiter wachsen?
Böhm:
Neusiedl am See  ist eine so schöne und lebenswerte Stadt direkt am  See. Wir haben das Glück dort zu wohnen wo andere Urlaub machen. Unsere Jugend will natürlich hier wohnen bzw. nach dem Studium in Wien wieder in ihre Heimat zurück.Gesunder Zuzug, also in einem gemäßigten Rahmen ist nicht zu verhindern, da bereits vor Jahrzehnten Grundstücke in Bauland gewidmet wurden. Daher wurden viele Bauflächen geschaffen und es wird weiter einen Zuzug geben. Zuzug ja – aber nicht mehr so rasant wie in den letzten zwei Jahrzehnten.