SVM-Athletikcoach: „Arbeiten auf kein Enddatum hin“. SVM-Athletikcoach Gerald Linshalm gibt derzeit den Trainingstakt für die Aktivitäten der Profis vor. Die Schwierigkeit ist dabei die Ungewissheit, wann es wieder losgeht.

Von Bernhard Fenz. Erstellt am 05. April 2020 (06:22)

Die Corona-Krise zwingt auch die Fußball-Bundesliga bis auf weiteres in die Knie. Mit Anfang Mai steht zwar noch das aktuelle Haltedatum für die Wiederaufnahme des Betriebs, daran glauben aber aufgrund der jüngsten Entwicklungen nur die wenigsten. Seit Mittwoch besteht Maskenpflicht in Supermärkten. Parallel sollte es in rund einem Monat wieder losgehen? „Weder bin ich Virologe noch Mathematiker. Aber ich schätze, vor Anfang Juni wird sich nicht viel abspielen“, ist auch Gerald Linshalm skeptisch.

Zeit zum Grübeln hat der 39-Jährige aber ohnehin nicht im Überfluss. „Linsi“, wie er überall genannt wird, ist als Athletiktrainer der Mattersburger Profiabteilung seit geraumer Zeit in einer „großen Challenge“, wie er beim Telefongespräch mit der BVZ berichtet. Schließlich gibt er während der Phase der Heimarbeit den Trainingstakt für die Profis vor. Jeder Kicker hat ein individuell abgestimmtes Programm erhalten. Dabei geht es um ein unterschiedliches Volumen an Läufen, um die richtige Dosierung der Intensität, einfach um die nötige Balance. Und um die Fähigkeit für alle, bereit zu sein und bereit zu bleiben für die Rückkehr zum Mannschaftstraining und dann für die Rückkehr in den Bundesliga-Alltag. Der Haken an der vermeintlich einfach klingenden Sache: Die beiden letzten Punkte sind nach wie vor höchst ungewiss. „Wir arbeiten hier auf kein Enddatum hin, das ist auch die große Schwierigkeit. Bei einem Marathonläufer ist das Ziel definiert, im Fußball können wir die Arbeit und die Steuerung normal periodisieren, das fällt jetzt weg. Alles ist ein Mix aus Spekulation, Fitnesserhalt und dem Nützen der vorhandenen Möglichkeiten.“

Die besagten Möglichkeiten sind durchaus vielschichtig, kommen aber natürlich nicht einmal im Ansatz einem fußballspezifischen Mannschaftstraining nahe. Zwar haben die Kicker sogar ein Ballprogramm zu absolvieren, bei dem privat und isoliert auch die Kugel rollen kann, die Hauptaufgaben sind aber jetzt andere: Mobilitätstraining, Laufeinheiten, Stabilisationseinheiten, Kräftigungsübungen. All das soll dem durchaus pragmatischen Anforderungsprofil dienen, nicht viel an Leistungsfähigkeit zu verlieren. Linshalm ist aber in diesem Zusammenhang auch ein Zusatz wichtig: „Was die Ausdauerkapazitäten betrifft, können wir unseren Level sicher halten. Ich sehe das schon auch als Chance, uns in dem einen oder anderen Bereich zu verbessern.“

Täglicher Datentransfer zur Dokumentation

Um in der heutigen Zeit im professionellen Fußballgeschehen einen Überblick zu haben, gibt es natürlich entsprechende Daten zur Dokumentation. „Wir haben eine App, bei der alle Spieler auch Feedback geben müssen und jede Einheit bewerten, auch was die Intensität betrifft. Außerdem schicken sie Fotos ihrer Pulsuhr, es gibt einen Testlauf und regelmäßige Telefonate. Das alles wird berücksichtigt.“

Wie auch der soziale und psychische Stress, dem die Spieler laut Linshalm ausgeliefert sind. „Die aktuelle Zeit ist für niemand entspannend. Da müssen wir auch aufpassen, dass die Kicker nicht komplett leer werden, und sie entsprechend motivieren. Letztlich ist es aber trotzdem auch eine Frage der Eigenverantwortung jedes Einzelnen, schließlich geht es ja auch um Jobs.“

Sämtliche Faktoren zu einem maßgeschneiderten großen Ganzen für jeden einzelnen Profi zu basteln kostet freilich Zeit, um dann einen ausgewogenen Plan für die nächsten Wochen zu erstellen. „Es müssen schon viele Stunden an Recherche und Planung aufgebracht werden, dazu kommt die ständige Auswertung.“ Alles erfolgt im Fall von Gerald Linshalm derzeit natürlich daheim in seiner Wohnung in Wiener Neustadt. Das viel zitierte „Home Office“ erledigt der Familienvater so wie seine Frau Sulei von zu Hause aus, die beiden Kinder Elias (3) und Leonie (5) machen das intensive Gesamtpaket im Eigenheim perfekt.

Von wo aus sich Linshalm beruflich eben vor allem um die Anliegen der Spieler kümmert. Hier in die Akteure hineinzudenken fällt dem Sportwissenschaftler auch deshalb leicht, weil er als ehemaliger Aktiver „sehr gut einschätzen kann“, wie es einem Fußballer geht. „Ich sehe mich vor allem als Fußball-Athletiktrainer, weil ich mich schon früh in diese Richtung spezialisiert habe.“

Und weil er im Betreuerstab des SV Mattersburg auch jene Kompetenzen erfährt, die ihn gleich nah an die Mannschaft bringen wie seine Kollegen. „Mir taugt es extrem mit diesem Trainerteam, weil ich voll integriert bin und mich komplett einbringen kann. Vom Aufwärmen bis zur Aufstellung wird meine Meinung eingeholt, das ist natürlich auch eine entsprechende Wertschätzung. Generell ist meine Motivation nach wie vor gleich hoch wie am ersten Arbeitstag beim SV Mattersburg. Und die Ideen gehen mir auch sicher nicht aus.“

„Ich habe ihn ja nicht umsonst zu uns geholt“

Das alles weiß auch Cheftrainer Franz Ponweiser zu schätzen, der Linshalm noch in seiner Zeit als Fußballakademie-Leiter in die burgenländische Talenteschmiede lotste, später ereilte beide der Ruf der SVM-Profis. „Ich habe ihn ja damals nicht umsonst geholt, kenne ihn schon lange. Er hat Forchtensteiner Wurzeln, war selbst auch im BNZ Burgenland und hat sich später beruflich unglaublich weiterentwickelt. Bei uns hat er sich super eingearbeitet und passt perfekt rein.“ Eben diese Tugenden in Bereichen von Trainingssteuerung und Co. soll der Athletikcoach nun in außergewöhnlichen Zeiten besonders gut einbringen.

Was Gerald Linshalm vor allem bleibt, ist neben der Heimtätigkeit für die SVM-Profis die Hoffnung, dass „früher oder später wieder die normalen Alltagsgewohnheiten eintreten. Aber es wird sicher noch einige Zeit dauern.“ Solange wird er auch nicht am Platz stehen können oder die Spieler bei den Bundesliga-Partien auf ihren Einsatz vorbereiten. Und solange haben auch seine beiden größten Fans Zwangspause: Linshalms Eltern Maria und Manfred. Sie versäumten seit seiner Kindheit kein Pflichtspiel ihres Sprösslings, begleiteten den SV Mattersburg mit „Linsi“ als Athletiktrainer natürlich zu jeder Partie – selbstverständlich auch nach Altach oder Innsbruck. „Sie sind wirklich ein Wahnsinn und unterstützen mich hier in jeder Hinsicht. Von Tunesien bis Amsterdam waren sie während meiner Jugendzeit dabei, sie haben schon Urlaube wegen Freundschaftsspielen abgebrochen.“

Diese Leidenschaft wird nun ebenfalls noch eine Zeit ausgesetzt bleiben. Gezwungenermaßen. Bis dahin hat sich auch in der Familie Linshalm ein kurzfristig neuer Alltag eingerichtet. Gerald geht jetzt für seine Eltern einkaufen, um sie so in Zeiten der Corona-Krise zu unterstützen und das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Schließlich sollen auch beim nächsten Bundesliga-Spiel dann wieder langjährige Alltagsgewohnheiten regieren, wenn alle die Krise gut überstanden haben, denn: „Mein erster Blick, wenn ich mit der Mannschaft zum Aufwärmen rausgehe, ist zu schauen, wo meine Eltern sitzen. Das ist so wie früher und hat sich im Lauf der Jahre nicht geändert.“