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„Elektronik hat in allen Bereichen des Lebens Einzug gehalten“
15 Jahre Melecs
Zum Firmenjubiläum sprechen die Melecs-Geschäftsführer Ernst Mayrhofer und Bernhard Pulferer über die Firmengründung 2009, ihre Werke und Unternehmenskultur in China und Mexiko sowie die vielen Krisen, die Melecs auf den Weg an die globale Spitze meistern konnte.
Die Melecs-Geschäftsführer Bernhard Pulferer und Ernst Mayrhofer (v.l.) im BVZ-Interview.
© Foto: BVZ/Kaiser
2009 ist ja nicht das einfachste Datum für eine Firmengründung. Wie kam es ein Jahr nach der Bankenkrise zur Loslösung von Siemens über ein Management-Buy-out des Trios Friedrich Pressl, Ernst Mayrhofer und Bernhard Pulferer?
Ernst Mayrhofer: Wir saßen im Management des Produktionsverbundes von Siemens Österreich, von dem sich die Konzernzentrale aus strategischen Gründen in Teilen trennen wollte. Nach erfolgloser Suche nach externen Investoren ist die Idee eines Management Buy Outs gereift. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, der Prozess hat eineinhalb Jahre gedauert. Wir haben dann das Vertrauen des Siemens-Managements bekommen, auch die damalige Siemens-Chefin Brigitte Ederer hat die Idee unterstützt. Entscheidend war auch, dass wir auch eine finanzierende Bank von unseren Plänen überzeugen konnten. Wir sind am Höhepunkt der Finanzkrise, dem 1. April 2009 damit aus dem Konzern hinausgegangen.
Von Siemens übernommen haben wir eine funktionierende Fertigung. Funktionen wie Vertrieb, Entwicklung, Einkauf, IT etc. haben wir als Melecs in der Folge selbst aufgebaut. Wir haben schnell erkannt, dass Elektronik die besten Zukunftsaussichten hat, in diesem Bereich haben wir uns weiter entwickelt. So sind aus fünf Entwicklern 100 geworden, und aus 90 Millionen Euro Jahresumsatz heute 500 Millionen.
Melecs ist in die Branchen-Top12 der Welt aufgestiegen - haben Sie vor 15 Jahren auch nur annähernd mit so einem Erfolg gerechnet?
Bernhard Pulferer: Nein, wir haben zwar Businesspläne gewälzt, aber wenn man die mit der Realität heute vergleicht, hat das nicht mehr viel miteinander zu tun. Die China- und Mexiko-Expansion kam darin gar nicht vor. Hervorheben möchte ich, dass die positive Entwicklung, auch die internationale Expansion dem enormen Einsatz und dem Know-how unserer Mitarbeiter zu verdanken ist.
Wie burgenländisch ist das HQ in Siegendorf noch? Kennen Sie Ihre 500 Mitarbeiter in Siegendorf noch oder ist man dafür schon zu groß?
Pulferer: Das Wachstum hatte den negativen Effekt, dass ich tatsächlich nicht mehr alle Mitarbeiter namentlich kenne, obwohl persönlicher Kontakt und kurze Kommunikationswege Teil unserer Unternehmenskultur sind. Dass das Headquarter in Siegendorf ist, ist uns sogar sehr wichtig! Österreich ist unsere Heimat, wir sehen uns als österreichische Gruppe, sind stolz darauf und kämpfen darum, dass der Standort Österreich weiter zukunftsfähig bleibt.
Was ist dabei die größte Herausforderung?
Pulferer: Unsere Branche ist sehr wettbewerbsorientiert, den globalen Kunden ist egal wo das Produkt produziert wird. Der Preis ist entscheidend. Wir haben in Österreich einen Kostennachteil, der einem als Unternehmer schon weh tut, vor allem jetzt mit der hohen Inflation und den gestiegenen Produktionskosten. Auch wir sind daher gezwungen, gewisse Produktionsprogramme in unser Werk nach Ungarn zu verlagern, weil diese am Standort in Siegendorf wirtschaftlich nicht mehr darstellbar sind. Das wird auch Arbeitsplätze hier am Standort kosten. Aber wir stehen zum Werk in Siegendorf und wollen, dass hier produziert wird. Derzeit finden für unsere Branche KV-Verhandlungen statt, wo wir auf einen moderaten Abschluss hoffen, der Kostendruck ist bereits hart genug, ich hoffe auch die Gewerkschaften erkennen das. Ein Weitergeben steigender Kosten ist im Exportgeschäft, und unsere Produkte gehen zu 90 Prozent in den Export, nicht möglich.
© Foto: BVZ/Kaiser
Wie werden diese Kürzungen im Detail aussehen?
Pulferer: Aktuell arbeiten mehr Menschen am Standort Siegendorf als je zuvor. Wir haben aktuell auch eine große Anzahl von Leihkräften, weil wir in Teilen der Produktion einen „24/7“-Betrieb fahren mussten. Die besonders kostspieligen Wochenendschichten werden wir zurückfahren, wodurch die Leihkräfte reduziert werden, und es gibt auch natürliche Abgänge. Kürzlich neu gewonnene Produktionsprogramme unterstützen die Beschäftigung. Uns ist wichtig: Die Stammmannschaft soll von den Reduktionen so wenig wie möglich betroffen sein. Ein hoher KV Abschluss würde diesbezüglich aber den Druck erhöhen.
Es gab ja nicht wenige Krisen in den vergangenen 15 Jahren - was waren die größten?
Mayrhofer: Ein großes Thema waren Naturereignisse, wie der Tsunami in Fukushima im Jahr 2012. Unsere Bauteile werden zu einem großen Teil aus Asien importiert. Wenn Lieferketten gestört werden, haben wir ein Problem. Kaum passiert etwas wie ein Erdbeben oder der „Stau“ im Suez-Kanal, merken wir das unmittelbar bei uns. Besonders getroffen haben uns auch die Halbleiterengpässe in den letzten drei Jahren. Aktuell spüren wir auch den Ukraine-Krieg, der die Energiekosten explodieren hat lassen, mit der Konsequenz hoher Inflation und hoher Zinsen. Und dann war da natürlich auch noch Corona.
Pulferer (lacht): Also, dass wir krisenerprobt sind, dürfen wir sicherlich von uns behaupten.
Wie kam es zur Werksgründung in China?
Pulferer: Ich kenne China seit den 90ern, damals war es wirklich noch eine exotische Kultur, man ist auch als Europäer sofort aufgefallen. Das hat sich seither massiv geändert. 2014/15 sind wir nach China gegangen, damals waren schon einige westliche Unternehmen aktiv, es war also kein Pionierabenteuer, aber für ein mittelständisches Unternehmen doch eine Herausforderung. Wir produzieren in Wuxi für unsere internationalen Kunden deren Asien Bedarfe. Die chinesischen Mitarbeiter haben wir auch hier in Siegendorf ausgebildet. Heute beschäftigen wir dort 200 Mitarbeiter.
Mayrhofer: Wir haben nur sehr gute Erfahrungen mit chinesischen Mitarbeitern gemacht, die sind sehr erfolgshungrig, wollen etwas erreichen und bei erfolgreichen Unternehmen arbeiten.

© zVg Melecs
Was können wir von China lernen?
Pulferer: China fährt eine extrem zielgerichtete Industriepolitik. Was sie für zukunftsträchtig halten, wird mit aller Kraft und viel Geld gefördert, da werden Universitäten eingebunden, es werden Kooperationen mit ausländischen Know-How-Gebern angestrebt, es wird ein richtig zielgerichtetes Ecosystem aufgebaut und zur Autarkie geführt.
Der chinesische Automobil Markt ist ein gutes Beispiel. Die Elektromobilität samt Batterietechnologie ist in China extrem gepusht worden, man hat einen enormen technologischen Sprung gemacht. Bei Elektrofahrzeugen ist BYD der Marktführer, außer Tesla finden sich in China auch nur chinesische Fahrzeuge unter den Top-Marken bezüglich Verkaufszahlen. Bereits jedes dritte neue Auto in China ist ein E-Fahrzeug. Als nächster Schritt ist geplant, dass chinesische Marken in den Export gehen, das wird dann für die etablierten europäischen oder amerikanischen Autobauer noch herausfordernder.
Welche technologien gibt es in China, die es bei uns noch nicht gibt, die aber vielleicht bald zu uns kommen?
Pulferer: Es gibt ein immenses Ausmaß an Digitalisierung. Was es aber auch gibt, ist eine permanente Überwachung, man wird in öffentlichen Räumen gefilmt und fotografiert, ohne die Chance zu haben, das zu umgehen. Ich hoffe nicht, dass es das auch einmal bei uns geben wird. Das Praktische an der Gesichtserkennung ist aber: Ausgedruckte Tickets gibt es nicht mehr, das Gesicht ist die Eintrittskarte, die Kameras erkennen dich.
Können Sie uns die unterschiedlichen Firmenkulturen ihrer weltweit verstreuten Filialen beschreiben?
Mayrhofer: Die verschiedenen Unternehmenskulturen sind oft gar nicht so einfach unter ein Dach zu bringen, aber das ist schon in Ungarn so, da muss man nicht erst nach China oder Mexiko schauen. Ich habe zwei Jahre in Budapest gearbeitet, die Planwirtschaftskultur merkt man schon noch, es wird sehr viel verwaltet und bürokratisiert.
Pulferer: In China läuft es sehr hierarchisch, da spricht nur der Chef. Wenn vom General Manager eine Richtlinie vorgegeben wird, wird die ohne Wenn und Aber ausgeführt. Das ist in Mexiko anders.
Mayrhofer: In Mexiko muss man Dinge schon genauer kontrollieren, damit die auch so passieren wie ausgegeben. Das hat beides seine Vor- und Nachteile: In China werden Vorgaben kritiklos umgesetzt, in Mexiko werden Vorgaben häufiger konstruktiv diskutiert.
Was war oder ist Ihre schwierigste Aufgabe als Geschäftsführer?
Pulferer: Hin und wieder muss man auch unpopuläre, aber notwendige, Entscheidungen treffen. Da geht es um Menschen, das ist oft nicht spaßig, gerade in mittelständischen Unternehmen. Generell ist es wichtig, stets langfristig zu denken und einen umfassenden Blick zu behalten.
Mayrhofer: Entscheidend ist auch das Vertrauen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihnen auch genügend Freiheit zu geben, um neuen Ideen freien Lauf zu lassen.
Worüber werden wir uns beim 30-jährigen Firmenjubiläum unterhalten?
Pulferer: Das ist nicht absehbar, die Gesellschaft und spezifisch die Elektronik-Branche sind viel zu dynamisch, um für solch einen langen Zeitraum Prognosen machen zu können. Aber eines ist sicher: Das Unternehmen wird nicht so aussehen wie heute, es wird sich weiterentwickeln. Das Schöne ist, dass Elektronik in allen Lebensbereichen Einzug gehalten hat, die Arbeit wird uns also nicht ausgehen. Wir werden das Wachstum mit Augenmaß betreiben und es nachhaltig gestalten.
Mayrhofer: Was sicher vermehrt eingesetzt wird, ist Robotik und Künstliche Intelligenz.
Pulferer: Zum Beispiel in der Logistik: In unseren Werken werden mehrere Milliarden Bauteile jährlich angeliefert und zu Millionen von Produkten verarbeitet, daher ist Logistik entscheidend. Die KI wird zukünftig eine große Rolle in der Logistik, bei Bedarfsabschätzungen, und bei Planungen spielen. Und auch die Arbeitsweise wird sich ändern, Home Office und virtuelle Konferenzen waren vor drei Jahren in dem Ausmaß nicht denkbar, heute ist das normal. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringen wird. Wir von Melecs werden versuchen, sie positiv mitzugestalten.
Die Firmengründer, Geschäftsführer und Shareholder Ernst Mayrhofer aus Horitschon und Bernhard Pulferer aus NÖ gründeten 2009 durch ein Management Buyout von der Firma Siemens gemeinsam mit Friedrich Pressl das Unternehmen Melecs. Heute hat die Firma 1.900 Mitarbeiter in Siegendorf, Wien, Lenzing, Györ, Wuxi/China, Querétaro/Mexico sowie in Michigan/USA.