Toxisch oder allzu menschlich?

Ninas liebes Geflüster

Alle reden von Grenzen. Aber wer redet noch von Nähe?

Von Nina Mayer

Nina Mayer schreibt in ihrer Kolumne "Ninas liebes Geflüster" über die Geschichten hinter den Geschichten.

Nina Mayer schreibt in ihrer Kolumne "Ninas liebes Geflüster" über die Geschichten hinter den Geschichten.

© Nina Mayer

„Setze Grenzen!“ „Schütze deine Energie!“ „Lerne Nein zu sagen!“ „Entferne toxische Menschen aus deinem Leben!“ Wer sich heute durch Ratgeber, soziale Medien und die gut gemeinten Weisheiten unserer Zeit bewegt, könnte meinen, das Wichtigste im menschlichen Miteinander sei vor allem eines: genügend Abstand.

Ja, Grenzen sind wichtig. Vielleicht haben frühere Generationen zu selten solche gezogen. Sie haben geschluckt, ausgehalten, geschwiegen und sich zusammengerissen, weil man das eben so machte. Dass wir heute gelernt haben, Nein zu sagen, wenn wir Nein meinen, ist ein Fortschritt.

Trotzdem frage ich mich: Wann ist aus Selbstfürsorge eigentlich Selbstabschottung geworden? Wann wurde jeder Mensch, der einem widersprach, „toxisch“? Jeder Streit ein Grund, eine Beziehung infrage zu stellen? Und wann haben wir angefangen zu glauben, dass ein anderer Mensch unsere Grenzen niemals berühren darf?

Menschen tun das nämlich. Sie sagen manchmal das Falsche. Sie kommen zu spät. Sie enttäuschen uns. Sie brauchen uns ausgerechnet dann, wenn es uns gerade überhaupt nicht passt. Sie haben schlechte Tage und auch Eigenschaften, die man nicht wirklich als liebenswert bezeichnen kann.

Vielleicht haben wir bei all den klugen Ratschlägen über Selbstfürsorge etwas vergessen: Nähe ist nicht immer bequem. Wer einen Menschen wirklich nahe an sich heranlässt, gibt ein Stück Kontrolle auf. Er kann verletzt werden, er muss manchmal nachgeben, obwohl er recht hat. Er muss zuhören, obwohl er gerade lieber reden würde.

Natürlich soll Freundschaft kein Freibrief für Respektlosigkeit sein. Natürlich soll Liebe niemanden zur Selbstaufgabe verpflichten. Und natürlich muss man Menschen nicht in seinem Leben behalten, die einem dauerhaft schaden.

Aber zwischen Selbstaufgabe und Selbstschutz liegt ein ziemlich großer Raum. Früher nannte man ihn einfach Miteinander. Sich entschuldigen, verzeihen, noch einmal anrufen, nachfragen, bevor man urteilt. Zwischen all den Grenzen Türen lassen, die man öffnen kann. Für Menschen, die nicht perfekt sind, für Gespräche, die unangenehm werden könnten, für Gefühle, die uns verletzlich machen.

Wer Mauern baut, ist irgendwann vollkommen geschützt, aber dann kommt auch niemand mehr hindurch.

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