Das zweite Programm der „Grenzgänger“ begeisterte bei der Premiere im Wimpassinger Gasthof Schmalzl mit Wortwitz und klassischen Wienerliedern am vergangenen Wochenende.
Andrea Kdolsky: „Hoffnung muss stärker sein als Angst“
Maggie's Centre
Dr. Andrea Kdolsky ist Ärztin, ehemalige Gesundheitsministerin und Gesundheitspolitikerin. Sie kennt das Gesundheitssystem als Ärztin und als Patientin. Ihre eigene Krebserkrankung hat vieles verändert und ihr gezeigt, welche Fragen des Lebens auch fundiertes medizinisches Wissen nicht beantworten kann. Das ist der Grund, warum ihr ein Projekt besonders am Herzen liegt: In Oberwart entsteht Österreichs erstes „Maggie’s Centre“: ein Ort für Menschen mit Krebs und für deren Angehörige. Kein Krankenhaus, sondern ein Platz zum Zuhören und Kraftschöpfen, dem Andrea Kdolsky vorstehen wird.
Dr. Andrea Kdolsky freut sich auf die Eröffnung des neuen „Maggie's Centre“ in Oberwart, dem sie als Leiterin vorstehen wird.
© Nina Mayer
Was braucht ein Mensch, wenn plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist?
Andrea Kdolsky: Das Wichtigste ist Schmerzfreiheit. Das Zweitwichtigste sind Menschen, die einen annehmen, wie man ist, und eine Schulter zum Anlehnen bieten. Das gilt für Betroffene wie Angehörige. Durch meine Psychotherapieausbildung nach Viktor Frankl bin ich überzeugt, dass die Sinnfrage entscheidend ist. Für mich ist Sinn einer der wichtigsten Gründe, dass man in einer schwierigen Krankheitssituation nicht aufgibt.
Sie bauen ein Zentrum für Menschen, die einen der verletzlichsten Momente ihres Lebens erleben. Was soll ein Mensch spüren, wenn er zum ersten Mal durch die Tür von Maggie’s Centre geht?
Andrea Kdolsky: Wärme, Zuneigung und die Möglichkeit, alles zu fragen.
Was haben Sie als Patientin über das Gesundheitssystem gelernt, das man als Ärztin niemals lernen kann?
Andrea Kdolsky:Wie wichtig es ist, einen betreuenden Arzt zu haben, der erreichbar ist, Fragen beantwortet und sich Zeit nimmt. Das ist derzeit schwierig. Aber dafür darf man keinesfalls auf Ärztinnen und Ärzte losgehen – sie arbeiten ohnehin so viel sie können.
Wir haben derzeit rund 400.000 Krebspatienten. Die Prognosen für 2050 sind erschreckend: Jeder zweite Österreicher könnte dann an Krebs erkranken. Das sind 4,5 Millionen Menschen. Gleichzeitig werden viele heilbar sein. Umso wichtiger ist es, das Tabu rund um Krebs zu brechen. Die Menschen müssen lernen, damit umzugehen. Das war auch mein Beweggrund, mein Buch zu schreiben.
Sie sagen, Menschen brauchen mehr als medizinische Behandlung. Was fehlt einem Menschen mit Krebs am meisten?
Andrea Kdolsky: Psychologie, weil die Diagnose primär eine Schocksituation auslöst, die richtig verarbeitet gehört. Das bedarf geschulten Personals.
Glauben Sie, kann Maggie’s Center auch ein Ort der Freude sein, an dem man gemeinsam lacht, an dem man über ganz normale Dinge redet, vielleicht sogar Geburtstag feiert?
Andrea Kdolsky: Das ist das Ziel. Jeder kann zu uns kommen, wir werfen im Burgenland auch keine Gastpatienten hinaus. Wir wünschen uns eine offene, großzügige Struktur mit einem großen Gemeinschaftsraum, mit Sitzgarnituren, einer Couch und einer Kaffeemaschine. Selbstverständlich wird es für persönliche Gespräche ein oder zwei Rückzugsräume geben.
Jeder soll sagen können, was er braucht. Sei es ein Gespräch, eine Befunderklärung, Fachexpertenmeinungen aus den Bereichen Ernährung, Psychotherapie, Physiotherapie...
Was soll dort niemals passieren?
Andrea Kdolsky: Was ich nicht möchte, sind Tragödien, bei denen einer dem anderen Horrorszenarien erzählt. Ich möchte, dass dort Hoffnung verbreitet wird, die wir auch durch die Farbgestaltung unterstreichen wollen.
Hat Ihre Krankheit Sie eigentlich zu einer „anderen“ Ärztin gemacht?
Andrea Kdolsky:Zu einem anderen Menschen und damit auch zu einer anderen Ärztin. Ich bin toleranter geworden, glaube mehr und höre meinen Patientinnen und Patienten besser zu. Diese Krankheit hat mich als Mensch geprägt.
Gibt es etwas, wovor Sie heute weniger Angst haben als früher?
Andrea Kdolsky: Ich war früher jemand, der viel Wert auf die Meinung anderer gelegt hat. Das ist mir heute vollkommen egal.
Was hat Ihnen die Krankheit genommen und was hat sie Ihnen vielleicht unerwartet gegeben?
Andrea Kdolsky: Genommen hat mir die Krankheit Kraft und Muskeln. Meine geliebte 160 Kilo schwere Vespa kann ich heute nicht mehr fahren. Als ich die Diagnose bekam, wog ich 114 Kilo, heute sind es 61. Vespafahren war meine größte Leidenschaft. Vor vier Jahren bin ich noch 9.000 Kilometer durch Europa gefahren – das ist nun vorbei. Auch meine täglichen zehn Kilometer um den Wienerwaldsee, die mir so gutgetan haben, schaffe ich nicht mehr.
Die Chemotherapien haben zudem die Übelkeit zu einem ständigen Thema gemacht. Ich war eine leidenschaftliche Köchin, heute wird mir schon beim Gedanken ans Essen schlecht.
Gewonnen habe ich eine bessere, überlegtere Andrea. Ich gehe bewusster mit meiner Zeit um, habe mich von Energieräubern getrennt und davon, in der Society ständig präsent sein zu müssen. Ich nehme mir, was ich möchte, und sage vieles andere ab.
Sie haben sehr offen über Ihre Erkrankung gesprochen. Gab es irgendwann einen Moment, in dem Sie dachten: „Jetzt möchte ich eigentlich gar nicht mehr darüber reden“?
Andrea Kdolsky: Das war jetzt, als ich meinen letzten Befund bekommen habe, der eine deutliche Verschlechterung zeigte. Da würde man lieber in einem Kammerl sitzen und weinen, als in der Öffentlichkeit Mut zu machen. Mittlerweile habe ich mich dank meiner Resilienz wieder gefangen.
Wie verändert es einen Menschen, wenn plötzlich andere Menschen nicht mehr wissen, wie sie ihm begegnen sollen?
Andrea Kdolsky: Es macht einen traurig. Ich habe einen großen Freundeskreis. In dem Moment wo man merkt, dass diese jahrzehntelangen Freunde sich aufgrund der Krankheit distanzieren, tut das weh.
Sie haben selbst Gesundheitspolitik auf Bundesebene gemacht. Was macht Landeshauptmann Doskozil im Burgenland gesundheitspolitisch anders, als Sie es in Wien erlebt haben?
Andrea Kdolsky: Wenn man Gesundheitsversorgung ernst nimmt, kostet das Geld. Wer Doskozils „verprasste Millionen“ kritisiert, hat erstens den Rechnungshofbericht nicht richtig gelesen und muss sich zweitens fragen: Wie soll man es anders machen?
Wenn wir einer wachsenden Zahl von Menschen teure Krebstherapien ermöglichen wollen, muss uns das auch etwas wert sein. Die Entscheidung lautet: Entweder ich gebe ihnen die Möglichkeit einer Therapie nicht oder ich gebe sie ihnen und akzeptiere, dass es Geld kostet.
Mir gefällt in dieser Situation, dass Landeshauptmann Doskozil ein Manager ist. Er überlegt, was notwendig ist, hört auf Experten und setzt es dann um. Wenn er sagt: „Wir machen das“, kann man sich darauf verlassen, dass es trotz Widerstands durchgezogen wird. Das gibt Sicherheit.
Die burgenländische Bevölkerung ist laut Umfragen mit dem Gesundheitswesen sehr zufrieden. Wir haben kaum Wartezeiten, zusätzliche Palliativbetten, Anfang 2029 das von Doskozil stark unterstützte Maggie’s Centre und seit Kurzem auch Österreichs erste Ambulanz für ME/CFS. Und: Wir weisen Patienten aus Nachbarbundesländern nicht ab.
Was muss Politik tun, damit Gesundheit nicht erst dann zum Thema wird, wenn jemand krank ist?
Andrea Kdolsky:Wir müssen die Prävention stärker in den Vordergrund stellen. Gleichzeitig dürfen wir in Österreich stolz auf unsere ausgezeichnete Diagnostik und Therapie sein. Die Fünfjahresüberlebensrate bei Krebs ist phänomenal, wir liegen europaweit auf Platz vier. Das gibt mir die Hoffnung, dass Wissenschaft und Therapie funktionieren.
Ist das Maggie’s Centre ein Beweis dafür, dass Gesundheitspolitik menschlicher werden muss?
Andrea Kdolsky: Schon, weil ich den enormen Bedarf sehe. Allein die Ankündigung des Baus hat zahlreiche Anfragen aus ganz Österreich ausgelöst. Der menschliche Faktor hat in der Medizin immer schon gefehlt. Auch bei der Ausbildung künftiger Ärztinnen und Ärzte an der neuen Universität muss deshalb der Umgang mit Patientinnen und Patienten stärker in den Mittelpunkt rücken.
Wenn dieses Haus in Oberwart 2029 eröffnet wird und Sie zum ersten Mal hineingehen: Was wünschen Sie sich, dass Sie dann dort vorfinden?
Andrea Kdolsky: Eine wunderbare Architektur, Farbe, Freude, Lust am Leben.
Vielen Dank für das Interview und alles erdenklich Gute!