80 Jahre Boris Bukowski: Der Doktor, der lieber rockte

Portrait

Boris Bukowski betritt den Raum und sofort ist klar: Hier steht einer, der weiß, wer er ist. Jung im Denken, schelmisch im Blick, voller Lust auf das, was kommt. Musiker, Spitzbub, Ikone. Am 5. Februar wird er 80 Jahre alt, kaum zu glauben, wenn man ihm gegenübersitzt. Gefeiert wird der Geburtstag und sein 65-jähriges Bühnenjubiläum am 15. August mit einem großen Austropop-Fest in Wiesen im Burgenland – gemeinsam mit Weggefährten, Freunden und Fans. Nina Mayer traf den Künstler zu einem Interview für die BVZ in Wien.

Von Nina Mayer

Nina Mayer traf Boris Bukowski in Wien. Nicht nur zu seinem 80. Geburtstag durfte sie ihm gratulieren, sondern auch zu seinem 65. Bühnenjubiläum.

Nina Mayer traf Boris Bukowski in Wien. Nicht nur zu seinem 80. Geburtstag durfte sie ihm gratulieren, sondern auch zu seinem 65. Bühnenjubiläum.

© Nina Mayer

Geboren 1946 als Fritz Bukowski wuchs der Musiker in Ilz in der Oststeiermark auf. Seine Welt gestaltete sich zunächst überschaubar. Der Vater Rechtsanwalt, die Mutter Lehrerin, das Geld knapp, der Alltag streng. Nachkriegsösterreich, geprägt von Ländlichkeit.

Die lebensverändernde Initialzündung kam mit 14 Jahren bei einem Kroatienurlaub mit seinen Eltern. Eine Band spielte, irgendwo zwischen Sonne, Meer und Tavernen. Ein Schlagzeuger trommelte, Bukowski stand davor – fünf Stunden lang. Jeden Ton und jede Bewegung sog er auf, bis der Drummer schließlich Nachsicht zeigte, ihm Rumba-Kugeln in die Hand drückte und sagte: „Spiel mit!“

Rhythmus. Schweiß. Freiheit. Bukowski war infiziert. Von der Musik. Vom Schlagzeug. Von einer Welt, die anders war, als die, in der er bis jetzt lebte.

Trotzdem ging er zunächst den vernünftigen Weg. Er absolvierte das Gymnasium, studierte in Graz Jus, promovierte 1974 zum Dr. jur. - sein Plan B, falls die Musik doch nur ein schöner Irrtum gewesen sein sollte.

Doch bereits während des Studiums stand er auf der Bühne. Erst als Schlagzeuger, später als Sänger bei den Bands „Music Machine“ und „Magic“. Mit „Magic“ spielte er sich rasch nach oben. Und dann kam dieser Anruf seines Agenten: „Boris, du bist auf Platz eins!“

Einer dieser Momente, die man nie vergisst. Noch heute spricht Bukowski darüber mit Demut. Vielleicht, weil er weiß, wie selten es ist, Songs zu schreiben, die mehr als vier Jahrzehnte überleben und noch immer im Radio laufen, als wären sie gerade erst entstanden.

Nach drei Alben löste sich „Magic“ auf. Für Boris war es ein Neuanfang. Gemeinsam mit Andi Beit gründete er das „Magic Sound Studio“ – einen Schmelztiegel der österreichischen Popgeschichte. Bands wie „STS“ und die „Erste Allgemeine Verunsicherung“ nahmen dort ihre ersten Hits auf. Boris Bukowski machte es Spaß. Er war Produzent, Musiker, Ermöglicher.

Mitte der 1980er trat er dann selbst nach vorne. Solo.

1988 wurde „Kokain“ zu einem seiner größten Erfolge. Eigentlich schrieb er das Lied schon 1977, doch wegen des Titels traute es sich kein Radiosender zu spielen. Erst Jahre später dachte sich der Moderator Eberhard Forcher: „Der Song ist so toll, den spiele ich jetzt auf Ö3!“ Der Durchbruch.

„Kokain“ ist keine Verherrlichung, sondern eine Metapher für Abhängigkeit und Begehren. Für die Illusion, dass etwas Äußeres innere Leere füllen könnte. Bukowski hat nie verschwiegen, dass er das Rauschgift selbst konsumiert hat. Auch nicht, dass es enttäuschend war. „Es tritt nie ein, was man sich davon verspricht“, sagt er heute. Ehrlich. Ohne moralischen Zeigefinger.

Und ja, es gab diese Liebesbeziehungen. Menschen, die sich anfühlten wie Rauschgift. Ohne die man verrückt zu werden drohte. Mit denen man Höhen erreichte, die jenseits jeder Vernunft lagen. Himmel und Hölle.

Ach ja, vor zwei Jahren lud ihn „Wanda“ ein, den Song gemeinsam beim Donauinselfest vor 100.000 Menschen zu spielen. Ein unvergessliches Erlebnis.

1989 folgten „Trag meine Liebe wie einen Mantel“ und „Fandango“. Lieder, die sich ins kollektive Gefühl schrieben. Wer hat in den 90ern nicht davon geträumt „fandango“ geliebt zu werden? Man wusste nicht genau, was es bedeutete, aber man wollte es um jeden Preis. Mehr als alles andere.

Bukowski schrieb keine Erklärungen, die man unreflektiert aufnahm und schluckte. Er schrieb Gefühle, die im Hörer erst fertig werden mussten. Jeden Tag ein bisschen anders, abhängig von der eigenen Gefühlslage.

Natürlich ist seine Stimme unverkennbar. Seine besondere Stärke liegt aber darin, Dinge cool auf den zu Punkt bringen. Seine Texte fordern. Sie wollen geistige Reflexion und schenken dafür Nähe.

Diese Nähe sucht er auch auf der Bühne. Seit einigen Jahren tritt er immer wieder auch im Duo auf kleinen Bühnen auf. Nur sein Gitarrist und er, zwei E-Gitarren, seine Hits und Anekdoten zum Lachen. Ganz nah am Menschen. Eines stellt Boris Bukowski aber schon schmunzelnd klar: Eigentlich sei er ein Bühnentier. Und jedes Tier brauche artgerechte Haltung und Freilauf. Am liebsten Open Air.

Doch Boris Bukowski erzählt nicht nur in Songs. Er ist auch Autor. In seinem 2013 erschienenen Buch „Unter bunten Hunden“vereint er biografisch gefärbte Anekdoten – keine Selbstbeweihräucherung, sondern ein kurzweiliger, oft selbstironischer Streifzug durch ein ebenso wildes wie waches Leben.

Bukowski beobachtet, erinnert, lässt Szenen sprechen. Etwa jene, in der seine Mutter mit 92 Jahren noch eines seiner Konzerte in Fürstenfeld besuchte. Bukowski wollte es ihr ausreden, aber „zu laut“ und „zu spät“ zählten nicht als Argumente für sie. Berührend war es schon für ihn, seine Mama immer wieder im Publikum aufblitzen zu sehen, wenn sich die Scheinwerfer auf sie richteten – in der einen Hand ihre geliebte Eve-Zigarette, in der anderen ein Achterl Weißwein.

Risiko gehört für ihn zum Leben. Ohne Risiko, sagt er, gibt es kein echtes Dasein. Seit 25 Jahren macht er fast täglich Sport. Er sprang mit 70 aus einem Flugzeug, kopfüber, Tandem. Nahm an einem Trabrennen teil, ohne reiten zu können. 2021 tanzte er bei „Dancing Stars“ als ältester Teilnehmer aller Zeiten und stellte konditionell viele Jüngere in den Schatten.

2022 erhielt er den „Amadeus Award“ für sein Lebenswerk. Der Laudator Thomas Spitzer meinte bei der Verleihung trocken: „Wenn man so einen Preis spät bekommt, fragt man sich: Wissen die schon mehr als mein Hausarzt?“ Bukowski lacht. Dann hält er inne.

Kurz nach der makaberen Aussage des Festredners kam die Diagnose: Lymphdrüsenkrebs. Kein Lachen. Eine harte Zeit. Aber auch die überstand er – mit Disziplin, Medizin, Humor und der Energie seiner Fans.

Nach der Genesung stürzte der Musiker sich wieder in Arbeit. Er schreibt, spielt, lebt. An ein Leben nach dem Tod glaubt er noch immer nicht. Umso mehr aber an eines davor. Bis zum letzten Atemzug. Und wenn ihn irgendwann der Blitz trifft, irgendwo zwischen Bühne und Leben, dann will er sagen können: „Danke. Schön war’s! Bussi. Baba.“

Wer den Künstler live erleben will: Am 15. August wird in Wiesen unter dem Motto „Legenden des Austropop“ der 80. Geburtstag von Boris Bukowski gefeiert. An seiner Seite auf der Bühne: Weggefährten wie Reinhold Bilgeri, „Minisex“ und die „Schick Sisters“ mit Opus-Mastermind Ewald Pfleger.

Nähere Infos finden Sie auf der Homepage des Künstlers: www.bukowski.at.

Lieber Boris Bukowski: Alles erdenklich Gute zum Geburtstag und „Thank you for the Music!“ In diesem Sinne: Fandango!

Und schlussendlich lüften wir das Geheimnis des mysteriösen Wortes „fandango“. In der ersten Zeile des Songs „A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum heißt es: „We skipped the light fandango“. Das war die Inspiration, wobei hier das Wort „Fandango“ einen spanischen Tanz für zwei bedeutet.