„Bin mit erfrischender Art und deutlichem Mundwerk aufgefallen“

INTERVIEW MIT LUDWIG KOCSIS

Der Lackenbacher Ludwig Kocsis kennt den burgenländischen Kegelsport wie kaum ein anderer. Aktuell schreibt der langährige burgenländische und spätere Präsident des Weltkegelverbands WNBA an einem Buch, in dem auch der Kegelsport ein wichtiges Kapitel sein wird.

author Von Michaela Grabner

Im Rahmen eines Vortrags unter dem Titel „Vom Dorfkegeln zur Weltmeisterschaft“ präsentierte Ludwig Kocsis (2.v.r.) Auszüge aus dem Recherchematerial für sein Buch. Unter den Zuhörern befanden sich auch die ehemaligen Kegelverbandfunktionäre Stefan Trenovatz, Stefan Kulman und Theodor Prior.

Im Rahmen eines Vortrags unter dem Titel „Vom Dorfkegeln zur Weltmeisterschaft“ präsentierte Ludwig Kocsis (2.v.r.) Auszüge aus dem Recherchematerial für sein Buch. Unter den Zuhörern befanden sich auch die ehemaligen Kegelverbandfunktionäre Stefan Trenovatz, Stefan Kulman und Theodor Prior.

© Michaela Grabner

Sie schreiben an einem Buch mit dem Titel „Die Bilanz meines Lebens“, das sich auch dem Kegelsport widmen wird. Wie ist die Idee entstanden ?

Ludwig Kocsis: In der Pension habe ich überraschend die Liebe zum Schreiben entdeckt. Ich habe begonnen, vieles, was ich erlebt, bewegt und erreicht habe, noch einmal Revue passieren zu lassen. Daraus ist der Gedanke entstanden, meine persönliche Lebensbilanz in Buchform festzuhalten. Nicht als klassische Autobiografie, sondern als Rückblick auf wichtige Stationen, Erfahrungen, Erfolge, aber auch Fehler und Entwicklungen, die mein Leben geprägt haben. Das Buch soll mehrere Bereiche umfassen: Sport, Beruf, Politik sowie Familie und Persönliches. Das Kapitel „Vom Dorfkegeln zur Weltmeisterschaft“ beschreibt dabei einen ganz besonderen Teil meines Lebens – meinen Weg vom Kegeln in Lackenbach bis an die Spitze des österreichischen und schließlich des internationalen Kegelsports. Vielleicht interessiert das auch den einen oder anderen, der diesen Weg selbst miterlebt hat.

Wie betrachten Sie die Entwicklung des burgenländischen Kegelsports seit Gründung des Landesverbandes 1965?

Kocsis: Wir dürfen wir mit Fug und Recht sagen: Der burgenländische Kegelsport hat sich in mehr als sechs Jahrzehnten zu einer bedeutenden und anerkannten Größe im österreichischen Kegelsport entwickelt. Was 1965 mit einigen wenigen Vereinen und einer Handvoll Idealisten begonnen hat, führte zu zahlreichen Landesmeistertiteln, österreichischen Meisterschaften und Staatsmeisterschaften und schließlich auch zu großartigen internationalen Erfolgen bis hin zu Weltmeistertiteln. Dabei sollte man die Größe eines Verbandes nicht ausschließlich an seiner Mitgliederzahl messen. Entscheidend ist auch die Qualität seiner Sportlerinnen und Sportler, das Engagement seiner Funktionäre, der Zusammenhalt und natürlich die Erfolge, die daraus entstehen. Ein ganz besonderer Höhepunkt war zweifellos der Weltmeistertitel 2023 in Varaždin. Mit Martin Janits und Roman Gerdenitsch standen auch zwei Burgenländer in dieser Weltmeistermannschaft. Damit wurde ein Traum Wirklichkeit, den sich viele von uns in den Anfangsjahren des burgenländischen Kegelsports wohl kaum vorstellen konnten.

90er-Jahre: Blütezeit des burgenländischen Kegelsports

Wieso bezeichnen Sie die 90er-Jahre als Blütezeit des burgenländischen Kegelsports?

Kocsis: Allein bei den Landesmeisterschaften der Allgemeinen Klasse der Herren nahmen zeitweise bis zu 126 Sportler teil, über alle Altersklassen hinweg mehr als 250 Starterinnen und Starter. Im Landesverband waren zeitweise bis zu 626 Sportlerinnen und Sportler gemeldet. Auch der Meisterschaftsbetrieb hatte eine Dimension, von der wir heute nur noch träumen können. Bei den Herren gab es eine Landesliga, eine 2. Liga, eine 1. Klasse und zwei 2. Klassen. Dazu kam eine starke Landesliga bei den Damen. Es gab viele Vereine, viele aktive Sportler und vor allem eine breite Basis. Genau diese war letztlich auch die Voraussetzung für die späteren sportlichen Erfolge.

Worauf führen Sie den Mitglieder- und Vereinsschwund im burgenländischen Kegelsport zurück?

Kocsis: Rückblickend müssen wir auch selbstkritisch sein. Der Weg vieler Spitzenvereine war über Jahre sehr stark auf den sportlichen Erfolg ausgerichtet. Zahlreiche nationale und internationale Spitzenkräfte prägten das Niveau der Mannschaften. Gleichzeitig wurde die Nachwuchsarbeit teilweise vernachlässigt. Wenn erfolgreiche Spieler ihre Karriere beendeten oder einen Verein verließen, fehlte vielfach der eigene Nachwuchs, der diese Lücke schließen konnte. Ohne nachhaltige Nachwuchsarbeit gibt es keine langfristige Zukunft.

Was soll/kann man dagegen unternehmen?

Kocsis: Die wichtigste Aufgabe der kommenden Jahre muss sein, wieder mehr Menschen für diesen Sport zu gewinnen und insbesondere Kinder und Jugendliche dafür zu begeistern. Ich habe während meiner Funktionärszeit immer wieder einen Satz gebetsmühlenartig wiederholt: „Ohne Jugend gibt es keine Zukunft!“ Heute muss ich leider feststellen, dass diese Erkenntnis nicht von allen Vereinen und Funktionären konsequent genug umgesetzt wurde. Nachwuchsarbeit bedeutet nämlich nicht, einmal im Jahr einen Nachwuchscup zu veranstalten und ein paar Kinder für das Kegeln zu begeistern. Nachwuchsarbeit bedeutet kontinuierliche Betreuung, qualifizierte Trainer, Geduld, Motivation und vor allem Menschen, die bereit sind, dafür Zeit zu investieren. Die Verantwortung dafür liegt nicht ausschließlich beim Landesverband.

Der Kegelsport beginnt an der Basis – bei den Vereinen, Funktionären, Trainern und letztlich bei jedem Einzelnen. Aber umgekehrt darf sich auch ein Landesverband nicht aus dieser Verantwortung nehmen.Wir müssen außerdem akzeptieren, dass sich unsere Gesellschaft verändert hat. Kinder und Jugendliche haben heute eine enorme Auswahl an Freizeitangeboten. Deshalb können wir nicht darauf warten, dass junge Menschen von selbst zu uns kommen. Wir müssen zu ihnen gehen und ihnen zeigen, dass Kegeln auch heute attraktiv, spannend und leistungsorientiert sein kann. Dafür braucht es neue Ideen, moderne Formen der Ansprache und vor allem eine professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Das 60-jährige Verbandsjubiläum 2025 wäre aus meiner Sicht eine hervorragende Gelegenheit gewesen, die Leistungen der vielen Sportlerinnen und Sportler sowie Funktionärinnen und Funktionäre entsprechend zu würdigen und den Kegelsport wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Diese Chance wurde leider nicht im gewünschten Ausmaß genutzt.

Sie sind 2007 zum Präsidenten des Weltkegelverbands gewählt worden – wie sind Sie an dessen Spitze gelandet?

Kocsis: Als ich 2003 die Spitze des österreichischen Verbandes übernommen hatte, kam natürlich auch die internationale Vertretung Österreichs dazu. Ich bin offenbar mit meiner etwas erfrischenden Art, meinen Konzepten und Ideen, aber auch mit meinem manchmal recht deutlichen Mundwerk aufgefallen. Das hat manchen internationalen Vertretern imponiert. Bei einer internationalen Konferenz in Kroatien wurde ich schließlich gefragt, ob ich nicht für die Präsidentschaft der WNBA kandidieren möchte. Ich war immer offen für neue Herausforderungen. Also habe ich gesagt: Ja, machen wir es. Am 27. November 2007 wurde ich schließlich in Hannover fast einstimmig zum Präsidenten des Weltverbandes gewählt. Wenn man mir gesagt hätte, dass mein Weg vom Dorfkegeln in Lackenbach einmal bis an die Spitze des Weltkegelsports führen würde, hätte ich das wahrscheinlich selbst nicht geglaubt.

Als Weltkegelpräsident traf Ludwig Kocsis mit vielen bekannten Persönlichkeiten zusammen wie dem siebenfachen australischen Olympiasieger Ian Thorpe.

Als Weltkegelpräsident traf Ludwig Kocsis mit vielen bekannten Persönlichkeiten zusammen wie dem siebenfachen australischen Olympiasieger Ian Thorpe.

© Privat

Worauf sind Sie besonders stolz, was Sie für den Kegelsport im Burgenland erreicht haben?

Kocsis: Besonders stolz bin ich auf die Entwicklung der Sportanlagen und auf das Bundesleistungszentrum in Ritzing. Damit wurden wichtige Voraussetzungen für den Leistungs- und Spitzensport geschaffen. Auch die internationalen Veranstaltungen in Ritzing waren besondere Höhepunkte: der Weltpokal 2008, die Einzel-Weltmeisterschaft 2010 und der NBC-Pokal 2015. Wenn ich heute zurückblicke, empfinde vor allem Dankbarkeit, dass ich diesen wunderbaren Sport nicht nur selbst ausüben, sondern seine Entwicklung über viele Jahrzehnte aktiv mitgestalten durfte.

Ich hatte das große Glück, unzähligen Menschen zu begegnen, die mit Leidenschaft, Idealismus und oft völlig uneigennützig ihre Freizeit dem Kegelsport gewidmet haben. Gemeinsam haben wir Erfolge gefeiert, Niederlagen verarbeitet, schwierige Entscheidungen getroffen und viele Herausforderungen gemeistert. Das ist für mich vielleicht die wichtigste Bilanz.

Was war als aktiver Sportler Ihr persönlich größter Erfolg?

Kocsis: Ich habe am 28. März 1981 in der burgenländischen Landesauswahl debütiert. Bei diesem Einsatz erzielte ich auf einer sehr schweren Bahn in Hagelsberg (Oberösterreich) 831 Kegel und damit die drittbeste Leistung unserer Mannschaft. Dazu kommen ein ewiger Bahnrekord in Schlaining, ein zweiter Platz bei der Jugend und viele Spitzenplätze mit der Lackenbacher Mannschaft in der Landesliga. Ich hatte sicher einiges an Talent. Das haben offenbar auch meine beiden Kinder geerbt – und sie waren wesentlich erfolgreicher als ich. Aber ich war mit meiner eigenen sportlichen Laufbahn zufrieden. Ich habe aus meinen Möglichkeiten das Beste gemacht und vor allem sehr viel Freude an diesem Sport gehabt.

„Kegelsport hat meinem Leben eine Richtung gegeben“

Was bedeutet der Kegelsport heute für Sie?

Kocsis: Der Kegelsport bedeutet mir – wenn auch mit etwas Abstand – noch immer sehr viel. Wenn man in Pension geht, merkt man manchmal erstaunlich schnell, wie sich das Leben verändert. Man wird nicht mehr eingeladen, nicht mehr gefragt und plötzlich scheint auch die Erfahrung, die man über Jahrzehnte gesammelt hat, nicht mehr besonders gefragt zu sein. Das kann einem schon zu denken geben. Aber ich möchte deshalb nicht verbittert zurückblicken. Im Gegenteil: Der burgenländische Kegelsport hat meinem Leben eine Richtung gegeben. Er hat mir Freundschaften, Erfahrungen, Erfolge, Herausforderungen und unzählige Begegnungen mit Menschen geschenkt. Wenn ich heute noch einmal am Anfang stehen würde, würde ich diesen Weg wahrscheinlich genauso wieder gehen – mit fast denselben Menschen, mit derselben Leidenschaft und mit derselben Überzeugung.

Wie würden Sie jemanden davon überzeugen, den Kegelsport auszuüben sollte?

Kocsis: Der besondere Reiz des Kegelsports liegt für mich zunächst darin, dass er nahezu wetterunabhängig ausgeübt werden kann. Und es ist eine Sportart, die man von etwa sechs Jahren bis weit über 80 ausüben kann. Ein weiterer Vorteil ist, dass Frauen und Männer grundsätzlich mit der gleichen Wurfanzahl spielen. Dadurch sind Leistungen unmittelbar vergleichbar. Und natürlich gibt es noch einen ganz persönlichen Reiz: Welche Frau würde nicht gerne einmal einen Mann im direkten Spiel besiegen? Das sollte eigentlich Motivation genug sein.

Im Buch, das 2028 zu Ihrem 70er erscheinen soll, werden auch Anekdoten drinnen sein.

Kocsis: Eine meiner liebsten betrifft meine Wahl zum Präsidenten des Weltverbandes. Ich wusste damals zunächst überhaupt nicht, wie ich meiner Frau diese zusätzliche Funktion erklären sollte – schließlich hatte ich ja schon genug. Also habe ich mir gedacht: Am besten erfährt sie es aus der Zeitung. Das war vielleicht nicht unbedingt die diplomatischste Lösung – aber immerhin eine, die funktioniert hat.

Eine zweite Geschichte stammt aus dem Jahr 1986. Damals ging es um den Bau der neuen Kegelbahn in Oberpullendorf. Der damalige Präsident Anton Faymann griff ins „eigene Börsel“, damit die neue Kegelbahn fristgerecht fertiggestellt werden konnte. Solche Geschichten zeigen auch, mit welchem persönlichen Einsatz und Idealismus damals gearbeitet wurde.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Kegelsports im Burgenland?

Kocsis: Wenn es damals möglich war, mit Idealismus, Mut, Zusammenhalt und enormem persönlichen Einsatz etwas Großes aufzubauen, dann sollte es auch heute möglich sein, den burgenländischen Kegelsport wieder auf einen erfolgreichen Weg zu bringen. Sport lebt nicht von Gebäuden und Pokalen. Sport lebt von Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, Zeit zu investieren, Rückschläge auszuhalten und gemeinsam etwas zu bewegen. Und wenn ich nach all den Jahren einen Wunsch frei hätte, dann wäre es genau dieser: Dass wieder mehr Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und für die Zukunft des Kegelsports zu kämpfen.