„Daham“: Ein Musical übers Burgenland und seine Menschen

Interview

Das Künstlerkollektiv Butz & Reineke rund um die Burgenländer Paul Csitkovics und Ryta Tale geht ab 15. Oktober mit seinem neuen Stück „DAHAM - Das Musical“ auf Tour. Im BVZ-Gespräch erzählt Csitkovics, wie er das Stück geschrieben und komponiert hat und wieso er unbedingt etwas übers Burgenland und die Burgenländer:innen machen wollte.

author Von Michaela Grabner

Ryta Tale, Paul Csitkovics, Fin Holzwart, Marina Petkov und Ilvy Schultschik vom Künstlerkollektiv Butz & Reineke gehen auf „Burgenland-Tournee“. Parallel dazu erschien eine CD mit 15 Songs und 7 Musikvideos.

Ryta Tale, Paul Csitkovics, Fin Holzwart, Marina Petkov und Ilvy Schultschik vom Künstlerkollektiv Butz & Reineke gehen auf „Burgenland-Tournee“. Parallel dazu erschien eine CD mit 15 Songs und 7 Musikvideos.

© Butz & Reineke

Wie ist die Idee zu Ihrem Musical über das Burgenland entstanden?

Paul Csitkovics: Die Idee hat wohl schon länger in mir geschlummert. Grundsätzlich merke ich schon seit Jahren, dass mich meine Herkunft und meine daraus resultierenden Erfahrungen etwas von anderen Kolleg:innen im Business unterscheiden, obwohl man, egal in welcher Branche, in ganz Österreich überall Burgenländer:innen trifft, die sehr erfolgreich sind. Der Fleiß, die „Wiffheit“ und der kühle Kopf in stressigen Situationen sind schon etwas, das ich bei allen Burgenländer:innen in der Arbeitswelt stetig beobachte. Umso eigenartiger, dass außerhalb vom Burgenland leider wenige etwas übers Burgenland und dessen Leute wissen und noch schlimmer - dass für Burgenländer:innen selbst recht wenig über ihr eigenes Leben auf den Bühnen des Landes zu sehen ist.

Das Burgenland ist ein unfassbar kulturaffines und musikverbundenes Bundesland, vor allem wenn man sich die vielen Theaterstätten im Vergleich zur Einwohnerzahl ansieht. Nur leider finde ich, dass die Geschichten, die einen jeden von uns im Burgenland beschäftigen, auf eben diesen Bühnen ein wenig unterrepräsentiert sind. Deswegen wollte ich unbedingt etwas schreiben über Leute die ich kenne, von Geschichten, die ich miterlebt habe und das vor Leuten aufführen, die verstehen. Und nicht nur die Geschichten verstehen, sondern auch den Dialekt, die verschiedenen Sprachen und den Schmäh.

Ein Abend in fünfzehn Songs

Worum geht es in dem Musical konkret?

Csitkovics: In "Daham - Das Musical" geht es um fünf junge Menschen und die Frage: Wo bin ich daheim? Auf ihrer Reise treffen sie auf Dorfkinder, die sich nach dem Stadtleben sehnen und Stadtkinder, die ihr Glück auf dem Land suchen. Es ist ein Abend verpackt in 15 neuen Songs - ganz im Zeichen der Sprachenvielfalt mit viel Witz und Lokalkolorit aus dem Burgenland. Gesungen wird im burgenländischen Dialekt, auf Ungarisch, Burgenlandkroatisch, Bulgarisch und im norddeutschen Schnack.

Am Anfang des Stücks könnte es für den jungen Installateur Peter - gespielt von mir - nicht besser laufen: Er liebt sein Leben in Oberpullendorf, liebt seinen Beruf und liebt seine Freundin Anna gespielt von Ilvy Schultschik. Aber als Anna ihm eröffnet, dass sie fürs Studium nach Wien ziehen und die Beziehung mit Peter beenden möchte, bricht für ihn seine Welt zusammen und er muss sich der Frage stellen, ob er alleine im Burgenland bleibt, oder zusammen mit ihr nach Wien zieht. Weiters nimmt der norddeutsche Millionen-Erbe Sören (Fin Holzwart) vor seinem ersten Arbeitstag in der Investment-Firma seines Vaters reißaus und strandet in Österreich, wo er auf Nanni (Ryta Tale) trifft -eine gebürtige Südburgenländerin, die ihr eigenes Nagel- und Lebensberatungsstudio beitreibt und ein kunterbuntes Dating-Leben lebt. Komplett macht das Quintett die Wienerin Penka (Marina Petkov), die versucht, den Vorstellungen ihrer bulgarischen Mutter gerecht zu werden und endlich einen Mann zu finden. Alsbald merken die fünf, dass es gar nicht so leicht ist, das Familienleben im Burgenland mit der Arbeitsrealität in Wien unter einen Hut zu bringen.

Wie schreibt man ein Musical?

Csitkovics: Ich glaube, das Allerwichtigste bei kreativen Schaffensprozessen ist neben einer guten Idee sich tatsächlich zu sagen: „So. Ich setz’ mich jetzt hin und schreibe das.“ (lacht). Am Anfang ist die Gefahr einer Lähmung durch Überforderung natürlich groß. Aber wenn man sich einfach hinsetzt und irgendetwas zu Papier bringt, ist das Schwierigste schon geschafft. Und was man heute schreibt, muss nicht gut sein. Verbessern kann man es morgen und die Tage danach immer noch. Aber etwas überhaupt in den Zustand der Existenz zu versetzen, ist das Schwierigste. Die leere weiße Seite zu Beginn ist das Furchtbarste überhaupt. Da darf man dann wirklich nicht vor Angst erstarren.

Für Daham konkret stand aber am Anfang tatsächlich ein Song, den ich geschrieben habe. Ich setze mich manchmal ans Klavier, spiele drauf los und improvisiere Gesang dazu. Oft auch nur in einer Phantasie-Sprache oder vernuscheltem Pseudo-Deutsch. Aber plötzlich war da diese Hook, der „Ohrwurmteil“ eines Songs, ganz klar ausformuliert mit Text und Melodie und die ging „I tua ois fia di, i ziag sogoa in die Stodt fia di“. Und zu meiner allergrößten Überraschung war der in meinem burgenländischen Heimatdialekt und nicht auf Hochdeutsch. Der Song schrieb sich dann innerhalb von zehn Minuten relativ schnell wie von selbst und plötzlich gab es auch schon ganz klar zwei Figuren vom Stück - Anna und Peter aus Oberpullendorf. Schnell danach schrieb ich für die restlichen drei Personen aus unserem Kollektiv auch noch Figuren ins Stück. Ryta Tale als gebürtige Süd-Burgenländerin Nanni war natürlich aufgelegt und die Figur der Penka, die mit den gesellschaftlichen Erwartungen an eine Frau ab 30 zu kämpfen hat und der Norddeutsche Sören, der von seiner entfremdeten, leistungsorientierten Familie flieht, schrieben sich irgendwie auch von selbst.

Musikalisch liebe ich das Spiel mit den Genres. Ob orchestrale Arrangements mit pompösen Fanfaren, Latin-Percussions, Deutsch-Pop-Beats bis hin zum Wienerlied. Es ist wirkich alles dabei.

Grundsätzlich arbeite ich gerne mit Leitmotiven. Einerseits hat jede Figur im Stück ein musikalisches Hauptthema, das entsprechend der Situation der Geschichte anders arrangiert wieder aufgegriffen wird. So kann es schon mal vorkommen, dass eine Melodie am Anfang des Stücks, die voller Freude, Aufbruchstimmung und Heiterkeit war, im späteren Verlauf nochmals in Moll und anders arrangiert wiederkehrt, wenn sich die Figur einer schwierigen Entscheidung stellen muss. Und oberste Prämisse für mich in jedem Song, egal welchen Genres: Es muss etwas davon Hängenbleiben. Ohne Ohrwurm geht bei mir nichts (Haha).

Die Songs handeln alle vom Burgenland und dessen Bewohner:innen. Welche Themenbereiche werden dabei angesprochen?

Csitkovics: Einerseits wird die Entstehungsgeschichte des Burgenlandes im Song „Burgenländer“ aufbereitet und warum im Burgenland überhaupt so viele verschiedene Sprachen gesprochen werden. Weiters werden Themen wie Leistungsdruck oder unterschiedliche Vorstellungen vom Lebensmittelpunkt (Stadt versus Land) innerhalb einer Beziehung aufgegriffen, die Problematik in Wien zu arbeiten und im Burgenland die Familie und gefühlt weder für den Job noch für die Familie genug Zeit zu haben und hauptsächlich im Bus auf der S31 Baustelle zu sitzen (haha). Es gibt einige Generationenthemen, die behandelt werden. Wenn man Fotos des Burgenlands von vor 60 Jahren mit jetzt vergleicht, kann man vielleicht verstehen, warum manche Personen, die in dieser Zeit Kinder waren, die Probleme der jetzt Jungen nicht immer ganz nachvollziehen können und vice versa. Und natürlich ist es auch eine Geschichte über das Erwachsenwerden und, dass das Leben nicht immer so einfach ist, wie man sich das mit 18 vorstellt.

„Im Burgenland haltet man halt zam“

Die Musikvideos sind auch allesamt im Burgenland gedreht worden - wo genau?

Csitkovics: Grundsätzlich wurden alle unsere Studio-Einstellungen für unsere sieben Musikvideos im Festsaal des Rathauses Oberpullendorf gedreht. Wir sind der Stadtgemeinde Oberpullendorf unfassbar dankbar, dass sie uns das ermöglicht hat. Hätten wir ein Studio in Wien nehmen müssen, wäre das Projekt schlichtweg nicht finanzierbar gewesen. Zusätzlich gibt es noch diverse Außenaufnahmen in Oberpullendorf, im Steinbruch Oberpullendorf, dem Beauty-Salon Liliette, der kurzerhand zu Nanni’s Nagelstudio wurde, in diversen privaten Indoor-Locations von Freunden und Familie, am Neusiedlersee, und und und.

Ausschlaggebend für uns war immer, ob die Location unabkömmlich für die Geschichte ist, die wir erzählen wollen. Und als zweites natürlich, ob die Eigentümer:innen uns dort drehen lassen. Es klingt im ersten Moment immer nach ganz wenig Aufwand. Aber wir waren dann doch immer bei den Drehs ein Team von 8 bis 10 Leuten, mehrere Lichtstative und Scheinwerfer, das ganze Kameraequipment und die Steadycam und dann auch noch die Nebelmaschine - das sieht dann schnell mal einschüchternd aus (hahaha). Deswegen sind wir umso dankbarer, dass das alles so ein harmonischer und unkomplizierter Prozess war. Im Burgenland haltet man halt zam.

Welches Burgenland wollen Sie dem Publikum vermitteln?

Csitkovics: Ich hoffe, dass wir es schaffen, ein Bild vom Burgenland zu vermitteln, das die Vielseitigkeit des Bundeslandes widerspiegelt. Dass wir mit Klischees gebrochen und Altbekanntes neu interpretiert haben - mit enormem Respekt und ganz viel Liebe den Bewohner:innen und ihrem Leben gegenüber.

Was macht für Sie einen typischen Burgenländer/eine typische Burgenländerin aus? Gibt es das überhaupt?

Csitkovics: Ob es den typischen Burgenländer gibt, weiß ich nicht. Was ich jedenfalls bei allen sehe, ist der Fleiß und die Gewissenhaftigkeit, mit der sie alles tun. Sei es jetzt die Arbeit oder auch nur die Organisation des Kaffee-Klatschs mit Freunden und anschließendem Glaserl - alles hat immer Hand und Fuß. Und das Miteinander. Mir fiele keine Gelegenheit in meinem Leben ein, in der ich im Burgenland nicht Unterstützung bekommen hätte, wenn ich etwas auf die Beine stellen wollte. Vielleicht auch noch das Bewusstsein, dass die Sprachenvielfalt etwas unfassbar Wertvolles und Schützenwertes ist. Was vielleicht auch gar nicht immer so war. Wenn ich an die Eltern meines Großvaters denke, die Ungarisch als Muttersprache hatten, aber Lesen und Schreiben ausschließlich auf Deutsch in der Schule gelernt haben. Ich finde, dass man da heute allgemein weiter ist und es ein Bestreben gibt, diese Pluralität zu erhalten und sogar zu zelebrieren. Das finde ich großartig.

Sie singen ja auch Lieder in den Volksgruppensprachen. Wieso war Ihnen das wichtig? Und war es schwierig die Texte in der Fremdsprache zu erlernen?

Csitkovics: Weil es für mich einfach enorm wichtiger Teil des Burgenlandes ist. Und selbst wenn man keiner der Volksgruppen im Burgenland angehört, weiß ein jeder, dass es sie gibt und dass sie genau so zum Burgenland dazugehören wie der Wein und der Neusiedlersee. Für mich war es wirklich schön, mich wieder mit der ungarischen Sprache zu beschäftigen. Ich habe Ungarisch mehrere Jahre lang in der Schule gelernt und war seither sehr traurig, dass mir im Laufe der Zeit wieder Vieles abhanden gekommen ist. Weil leider mein Großvater mit meinem Vater nie Ungarisch gesprochen hat. Es schickte sich damals einfach nicht. Es wurde zu verstehen gegeben, dass man in der Schule Deutsch zu lernen hat, um später Karriere zu machen. Was alle Beteiligten im Nachhinein extrem bereut haben. Zudem hat sich die liebe Ilvy Schultschik aus unserem Kollektiv dazu bereit erklärt, die korrekte Aussprache des Burgenland-Kroatischen fleißig zu üben und hat gemeinsam mit Justine Hipsság daran gearbeitet. Eine Herausforderung war es aber allemal.

Sie sind gebürtiger Burgenländer. Welchen Bezug haben Ihre Kolleg:innen zum Burgenland?

Csitkovics: Neben mir als Burgenländer gibt es noch Ryta Tale, die im Bezirk Oberwart aufgewachsen ist und nach wie vor mit ihrer Familie in engem Kontakt steht. Und da mein Freund Fin mittlerweile schon seit sieben Jahren immer mit mir bei meiner Familie in Oberpullendorf zu Besuch ist, habe ich das Gefühl, dass ihn das Mittelburgenland adoptiert hat und er hier mittlerweile manchmal schon mehr Leute kennt, als ich selbst - und das als Norddeutscher! Ist das nicht herrlich (hahahha).

Das Musical trägt den Titel „Daham“. Was bedeutet für Sie persönlich Daham?

Csitkovics: Die letzten Jahre über durfte ich beruflich viel von der Welt sehen und war auch für längere Zeit gar nicht daheim. Ich glaube sehr wohl, dass Daham etwas ist, das man im besten Fall in jungen Jahren gestellt bekommt. Aber im Laufe des Erwachsenwerdens muss man aktiv etwas tun, um ein Daham zu haben. Ich glaube, dass viel kaputt gehen kann, wenn man davon ausgeht, dass Daham ein Zustand ist, der unumstößlich auf ewig bestehen bleibt. Im Gegenteil. Wenn man nicht aufpasst und keine Zeit und Arbeit investiert, verliert man sein Daham schneller, als einem lieb ist. Ob ich damit jetzt meine, dass man sein Haus regelmäßig streichen und heizen oder die Beziehung zu seinen Liebsten pflegen muss, lasse ich jetzt dahingestellt (haha).