„Ich werde das Amt mit sehr viel Demut angehen“

Designierter Bürgermeister Martin Giefing

Nach drei Jahrzehnten an der Spitze der Marktgemeinde Neudörfl wird Dieter Posch bei der Bürgermeisterwahl im Herbst 2027 nicht antreten. Martin Giefing wird sein Amt im Frühjahr 2027 übernehmen. Er will die positive Entwicklung der Gemeinde fortsetzen.

Von Christian Artner

Martin Giefing wird der siebente Bürgermeister der Marktgemeinde Neudörfl seit 1945 werden. Für Dieter Posch fiel die Entscheidung, bei der Bürgermeisterwahl 2027 nicht mehr anzutreten bereits 2022.

Martin Giefing wird der siebente Bürgermeister der Marktgemeinde Neudörfl seit 1945 werden. Für Dieter Posch fiel die Entscheidung, bei der Bürgermeisterwahl 2027 nicht mehr anzutreten bereits 2022.

© zVg

Für viele kam die Nachricht überraschend, für Dieter Posch selbst stand sie hingegen schon seit Jahren fest. „Am 2. Oktober 2022 habe ich gesagt, ‚morgen beginnt der Wettbewerb um meine Nachfolge‘“, erinnert sich der Bürgermeister. Damals, unmittelbar nach der Gemeinderatswahl, habe er diese Ankündigung in seiner Dankesrede vor seinen Mitstreitern und Funktionären gemacht. Eine siebente Kandidatur sei daher nie sein Plan gewesen. Nur wenn sich niemand für die Nachfolge gefunden hätte, wäre er nochmals angetreten. „Im Stich gelassen hätte ich meine Gemeinde sicherlich nicht. Aber die Strategie war von vornherein klar“, betont er.

Die Nachfolge ist mittlerweile geregelt. Gemeindevorstand Martin Giefing wurde am Sonntag vor dem Nationalfeiertag zunächst einstimmig vom SPÖ-Klub nominiert und in der anschließenden Parteivorstandssitzung ebenfalls einstimmig bestätigt. Giefing hat sich aus einem Pool mehrerer potenzieller – und auch in Dorfgesprächen kolportierter – Nachfolger letztlich als einziger Kandidat herauskristallisiert.

Vizebürgermeister Michael Sgarz: Bürgermeisteramt schwer mit Beruf vereinbar

Auch Vizebürgermeister Michael Sgarz wäre als Bürgermeisteranwärter konsequent gewesen. "Die Frage der Bürgermeisternachfolge haben wir im Rahmen einer Klausur auf Augenhöhe diskutiert und letzten Endes einstimmig beschlossen. Als Parteivorsitzender habe ich in den vergangenen Perioden, wie ich meine, gute Arbeit geleistet und möchte diese auch weiterhin fortsetzen", sagt Sgarz. Das Bürgermeisteramt in einer großen Gemeinde wie Neudörfl lasse sich nur schwer mit seinen beruflichen Aufgaben vereinbaren. "Daher werde ich meine ganze Energie auf die Parteiarbeit konzentrieren. Für die kommende Periode stehe ich selbstverständlich gerne als Vizebürgermeister zur Verfügung, die Entscheidung darüber hängt jedoch vom Wahlergebnis ab und fällt erst nach der Wahl im Gemeinderat."

Vorausschauendes Denken prägte Dieter Poschs Handeln

Auf seine fast 30-jährige Amtszeit blickt Posch mit dem Anspruch zurück, Entscheidungen getroffen zu haben, deren Nutzen sich gegebenenfalls erst langfristig zeigten oder zeigen werden. Ein persönliches Denkmal zu Amtszeiten habe er nie angestrebt. Vielmehr sei es ihm wichtig gewesen, Entwicklungen rechtzeitig vorauszudenken. Als Beispiel nennt er die kontinuierliche Ertüchtigung der Infrastruktur, die bereits zu Zeiten erfolgt sei, als das Thema noch kaum öffentliche Aufmerksamkeit bekommen hat. Dadurch stehe die Gemeinde heute trotz angespannter Budgetsituation nicht vor einem großen Sanierungsrückstand.

Auch Investitionen in Bildung waren ihm stets ein besonderes Anliegen. „Bildung ist für eine Gesellschaft und ihr Fortkommen das Allerwichtigste.“ Bei politischen Entscheidungen habe er zudem immer auf Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg gesetzt. Trotz absoluter Mehrheit der SPÖ sei es ihm wichtig gewesen, auch kleinere Fraktionen einzubinden und ihnen eigene Aufgabenbereiche in den Ausschüssen zu übertragen. „Absolute Mehrheit heißt zugleich auch absolute Verantwortung.“ Der Umgang auf Augenhöhe habe dazu beigetragen, dass in Neudörfl ein Großteil der Abstimmungen im Gemeinderat einstimmig ausfiel.

Ob er Entscheidungen jetzt, mit etwas zeitlichem Abstand betrachtet, anders getroffen hätte? „Mir fällt unmittelbar nichts ein, was ein kompletter Schwachsinn gewesen wäre.“ Fest steht für Posch: „Die schlechtesten Entscheidungen sind auf jeden Fall jene, die nicht getroffen werden. Fehlentscheidungen hingegen kann man nötigenfalls korrigieren.“

Bürgermeister hat seine Überzeugungen stets beibehalten

Zu den schönsten Erfahrungen während seiner Amtszeit zählt Posch die Rettung von Arbeitsplätzen vor rund 15 Jahren: „Tatsächlich mit aktivem Zutun auch meiner Person in wochenlangen, oft gar monatelangen Verhandlungen. Umso ernüchternder ist es jetzt, ohnmächtig mit ansehen zu müssen, wie Unternehmen Arbeitsplätze abbauen, weil die Weltwirtschaftslage nichts anderes hergibt oder – noch schlimmer – einfach von Eigentümern spekuliert wurde.“

Dieter Posch in etwas jüngeren Jahren am Dorffest unter anderem mit seinem Vorgänger als Bürgermeister, Ernst Götz (Amtszeit 1985 bis 1997).

Dieter Posch in etwas jüngeren Jahren am Dorffest unter anderem mit seinem Vorgänger als Bürgermeister, Ernst Götz (Amtszeit 1985 bis 1997).

© Gemeinde Neudörfl

Besonders stolz ist Posch auch auf seine Nahbarkeit. Seit 30 Jahren kommen Menschen mit ihren Anliegen in seine wöchentlichen Sprechstunden. Auch während seiner Tätigkeit im Burgenländischen Landtag hat er den Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern nicht vernachlässigt. Seine Überzeugungen in politischen Auseinandersetzungen habe er ebenfalls nie aufgegeben. „Ich verliere lieber ein paar Stimmen als mein Gesicht“, erinnerte er an seine Aussage bei einem früheren Ö1-Interview. Rückblickend steht für ihn fest, dass Authentizität und Glaubwürdigkeit honoriert wurden und werden. Immerhin habe er wegen – oder trotz seiner Einstellung sechs Wahlen überstanden.

Das war wahrscheinlich einer der bewegendsten Momente meiner Amtszeit

Emotional sehr bewegt hat ihn die Reaktion der Gäste beim Nationalfeiertag, als er am Ende seiner Festansprache seinen Abschied aus der Politik verkündet hatte. Plötzlich wurde es still im vollbesetzten Saal. Dann erhoben sich die Anwesenden und spendeten langanhaltenden Applaus. „Der Nationalfeiertag ist keine Erste-Mai-Veranstaltung, wo nur Rote sind. Dieses Zeichen parteiübergreifender Anerkennung war wahrscheinlich einer der bewegendsten Momente meiner Amtszeit“, sagt Posch mit dankbarem Lächeln.

Verborgenes Talent als Tischler

Eine Übernahme von öffentlichen Funktionen strebe er nach seinem Rückzug im Frühjahr kommenden Jahres nicht an. Er werde zwar weiterhin ein politischer Mensch sein und seiner sozialdemokratischen Gesinnung treu bleiben: „Danach trete ich aber nur mehr als Privatperson in Erscheinung.“ Stattdessen möchte Posch künftig Versäumtes nachholen. Seine Tischlerwerkstatt ist in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen, außerdem warten zahlreiche ungelesene Bücher. Vor allem aber möchte er mehr Zeit mit seiner Familie und seinen Enkelkindern verbringen: „Ich habe einmal versprochen, dass es den Opa irgendwann ganz geben wird und nicht nur nach Terminkalender“, erzählt er.

Seinem designierten Nachfolger Martin Giefing wird er keine ungefragten Ratschläge mit auf den Weg geben, denn auch „Ratschläge sind Schläge“, meint Posch dazu. „Ich bin sicher immer erreichbar, aber ich werde keine Fragen beantworten, die mir nicht gestellt werden.” Eine Botschaft lässt er sich dennoch entlocken: Wichtige Voraussetzung für das Bürgermeisteramt sei aus seiner Sicht eine klare und erkennbare Haltung. Man dürfe sich nicht bei jedem Gegenwind verunsichern lassen. Denn eines habe er während seiner Amtszeit gelernt: „Es ist wichtig, auch die vielen Leisen zu hören und nicht nur die wenigen Lauten.“

Dieter hat ein unglaubliches Know-how, von dem ich mir natürlich noch so viel wie möglich aneignen möchte.

Martin Giefing wird die Nachfolge von Dieter Posch als Bürgermeister von Neudörfl im Frühjahr 2027 antreten. Für den Gemeindevorstand der SPÖ ist die Entscheidung, sich dieser Aufgabe zu stellen, eine klare gewesen. „In meinem Gespräch mit Dieter habe ich ihm deutlich gesagt, dass das für mich auf jeden Fall eine Option ist“, sagt Giefing. Beruflich ist Giefing Bundesgeschäftsführer des Sozialdemokratischen Gemeindevertreterverbandes. In dieser Funktion feierte er soeben sein zehnjähriges Dienstjubiläum. In den vergangenen Jahren hat er mit Bürgermeistern und Bürgermeisterinnen aus ganz Österreich zusammengearbeitet, Gemeinden und Projekte kennengelernt und kommunale Vertreter beraten. „Beruflich weiß ich, was auf mich zukommt“, sagt er.

Das Bürgermeisteramt möchte Giefing vorerst neben seiner Arbeit ausüben. Wie es nach der Gemeinderats- und Bürgermeisterwahl im Herbst 2027 weitergehen wird, ist noch offen. Auch seine ehrenamtliche Tätigkeit als Obmann von „Mein Laden“ will er fortsetzen.

Martin Giefing ist sich der großen Verantwortung bewusst

In den kommenden Wochen und Monaten wird sich Martin Giefing einen umfassenden Überblick über die Gemeindetätigkeit verschaffen. Neudörfl sei immerhin die siebentgrößte Gemeinde des Burgenlandes und beschäftige mehr als 70 Mitarbeiter – das bringe eine große Verantwortung mit sich. Besonders wichtig sei ihm daher ab sofort, das Wissen von Dieter Posch aufzunehmen. „Dieter hat ein unglaubliches Know-how, von dem ich mir natürlich noch so viel wie möglich aneignen möchte“, sagt Giefing.

Die Strategie und die personelle Zusammensetzung für die Wahlen im Herbst ist ebenfalls ein Thema, über das in den kommenden Wochen und Monaten gesprochen wird. Genaueres will er noch nicht vorwegnehmen. „Das wird alles zuerst im Gremium besprochen. Die Zusammenarbeit mit dem Team ist mir sehr wichtig.“

Über die zahlreichen Rückmeldungen seit Bekanntwerden seiner Nominierung freue er sich sehr. Sie geben ihm Kraft und Mut: „Ich werde das Amt mit sehr viel Demut angehen“, betont Giefing. Sein Ziel ist es, die positive Entwicklung der Gemeinde fortzusetzen.

Über Martin Giefing
Seine politische Laufbahn begann Martin Giefing in der Sozialistischen Jugend. 2007 gründete er gemeinsam mit anderen eine SJ-Ortsgruppe in Neudörfl. Nach der Matura und dem Zivildienst im Kinderdorf Pöttsching begann er ein Studium der Politikwissenschaften. Bereits nach zwei Monaten erhielt er allerdings das Angebot, Landessekretär der Sozialistischen Jugend Burgenland zu werden. Am 1. Dezember 2009 trat er die Stelle an und stellte das Studium zurück. Nach rund drei Jahren wechselte Giefing im Jänner 2013 in die Arbeiterkammer Burgenland, wo er das Jugendreferat übernahm. Politisch blieb er immer aktiv: 2012 zog er in den Neudörfler Gemeinderat ein, 2015 wurde er Gemeindevorstand. 2016 folgte der Wechsel auf Bundesebene in die SPÖ-Bundesgeschäftsstelle unter Christian Kern. 2018 wurde er Bundesgeschäftsführer des Sozialdemokratischen Gemeindevertreterverbandes (GVV). Berufsbegleitend hat Giefing ein Masterstudium in Führung, Politik und Management abgeschossen.