Vor ein paar Jahren wurde eine moderne Mehrzweckhalle in Neutal eröffnet. Nun braucht es eine Adaptierung für den in der Halle befindlichen Tennisverein.
„Rote Erde, heiße Sonne“ – Kenias viele Facetten
interview
Für sein neues Buch war Gerhard Blaboll vier Monate in Kenia unterwegs – und hat dabei auch Kühe gehütet und gemolken.
Gerhard Blaboll mit seinem neuen Buch „Rote Erde, heiße Sonne“. Das Coverbild ist eines von zwei Bildern, die Blaboll in Kenia von einem lokalen Künstler erworben hat.
© Elisabeth Tritremmel
BVZ: Wie kam es dazu, dass Sie dieses Buch in Kenia verfasst haben?
Gerhard Blaboll: Ich war als Artist in Residence nach Kenia eingeladen und hatte die Möglichkeit, dort vier Monate zu leben und zu arbeiten. Diese Zeit habe ich vor allem für Recherche genutzt: Ich wollte Geschichten suchen und finden, Menschen kennenlernen, mit ihnen sprechen und die Situation vor Ort möglichst unmittelbar verstehen. Mir war wichtig, Kenia nicht nur aus der Perspektive eines Besuchers oder Touristen kennenzulernen, sondern mich wirklich auf das Land und seine Menschen einzulassen.
Deshalb habe ich versucht, möglichst unterschiedliche Lebenswelten kennenzulernen und auch dorthin zu gehen, wo man als Tourist ziemlich sicher nicht hinkommt. Aus diesen vielen Begegnungen, Gesprächen und Beobachtungen ist das Buch nach und nach entstanden. Eigentlich hat das Land selbst den Stoff geliefert – ich musste vor allem zuhören und aufmerksam sein.
BVZ: Wie war der Schreibprozess für dieses Buch?
Blaboll: Der Schreibprozess war zunächst vor allem ein Prozess des Kennenlernens. Ich habe sehr viele unterschiedliche Menschen getroffen: Menschen aus der Universität, aus der Politik und Diplomatie, auch im Umfeld des UNO-Sitzes in Nairobi, Geschäftsleute, Postkolonialisten und Beamte.
Die Mehrzahl meiner Gesprächspartner kam aber aus anderen gesellschaftlichen Schichten und Bevölkerungsgruppen, denn mir waren gerade die Begegnungen mit den sogenannten kleinen Leuten besonders wichtig – mit traditionell lebenden Völkern, Nomaden, Tagelöhnern, Arbeitslosen und Menschen, die unter sehr schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen leben. Ich wollte möglichst viele Perspektiven kennenlernen und mich nicht auf eine bestimmte gesellschaftliche Schicht beschränken. Ich war auch mit verschiedenen Stämmen zusammen und habe den größten Teil meiner Zeit im Zelt geschlafen. Dadurch war ich dem Land und dem Alltag der Menschen sehr unmittelbar ausgesetzt.
Vieles, was später im Buch seinen Platz gefunden hat, begann deshalb nicht am Schreibtisch, sondern in Gesprächen, unterwegs, beim gemeinsamen Rinderhüten und Melken, beim Hüttenbau oder einfach im täglichen Zusammenleben. Erst aus diesen Erfahrungen heraus habe ich geschrieben. Der Schreibprozess und die Recherche waren also eigentlich kaum voneinander zu trennen.
Dieses 400 Jahre alte Horn wird dafür verwendet, um Versammlungen einzuberufen. Es darf nur vom Dorfältesten und seinem Stellvertreter berührt werden – dass es Gerhard Blaboll halten durfte, stellte eine besondere Ehre dar.
© zVg
BVZ: Was fasziniert Sie besonders an Kenia?
Blaboll: Mich fasziniert zunächst die Verbindung von Natur, Tieren, Menschen und Geschichte. Kenia ist landschaftlich und biologisch unglaublich vielfältig, aber ebenso faszinierend ist seine gesellschaftliche Geschichte. Die koloniale Vergangenheit, die politischen Entwicklungen und die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen prägen das Land bis heute.
Was mich während meines Aufenthalts aber auch sehr beschäftigt hat, ist der Widerspruch zu dem Afrika-Bild, das wir in Europa vielfach noch immer haben.
BVZ: Inwiefern sehen Sie hier einen Widerspruch?
Blaboll: Kenia ist keineswegs nur ein armes, rückständiges Land, das auf Hilfe von außen angewiesen ist. Gerade in den Städten, insbesondere in Nairobi, erlebt man ein in vielen Bereichen ausgesprochen modernes und technologisch fortschrittliches Land. Es gibt eine dynamische Wirtschaft, eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung – das ist allerdings auf bestimmte Bevölkerungsschichten beschränkt – und eine bemerkenswerte technologische Entwicklung. Nairobi ist in manchen Bereichen geradezu ein afrikanisches Innovationszentrum.
Das hat auch meine Sicht auf die klassische Entwicklungshilfe verändert. Ich habe mich zunehmend gefragt, ob unsere Art, Entwicklungshilfe zu leisten, nicht häufig an den tatsächlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten der afrikanischen Staaten vorbeigeht. Wenn wir Afrika ständig in erster Linie als hilfsbedürftigen Kontinent betrachten, übersehen wir leicht die vorhandenen Kompetenzen, die Eigeninitiative und die wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen, die längst aus den Ländern selbst heraus entstehen. Ich glaube, dass wir viel stärker darüber nachdenken müssen, wie Unterstützung aussehen kann, ohne Abhängigkeiten zu schaffen oder den Menschen vor Ort ständig das Gefühl zu vermitteln, sie müssten von außen entwickelt werden. Entwicklung kann man nicht einfach exportieren. Viele afrikanische Gesellschaften wissen sehr genau, was sie brauchen und wohin sie sich entwickeln wollen.
Wir sollten ihnen dabei eher zuhören und Rahmenbedingungen schaffen, als ihnen vorzuschreiben, wie Entwicklung auszusehen hat.
BVZ: Was hat Sie in Kenia am meisten beeindruckt?
Blaboll: Am meisten beeindruckt hat mich die Entschlossenheit vieler Menschen. Viele wissen sehr genau, wie schwierig ihre wirtschaftliche und politische Situation ist. Und trotzdem versuchen sie, ihr Leben in die Hand zu nehmen und etwas zu verändern. Besonders berührt hat mich, dass Menschen trotz Armut und Krankheit lachen können und sich eine gewisse Lebensfreude bewahren. Das ist keine romantische Verklärung von Armut – im Gegenteil.
Die Not und die Ungleichheit sind sehr real und teilweise brutal. Aber gleichzeitig gibt es eine erstaunliche menschliche Kraft, damit umzugehen. Beeindruckt haben mich auch die allerorten zu erlebende Gastfreundschaft und der Kampf gegen innerafrikanischen Rassismus, für Demokratie und der Hunger nach Bildung. Gerade dort, wo die Voraussetzungen schwierig sind, habe ich Menschen getroffen, die sehr entschlossen für Veränderungen eintreten.
Und letztlich muss ich sagen: die Offenheit, mit der mir die Menschen von ihrem Leben erzählt haben, insbesondere die Frauen. Da wurden Themen angesprochen, über die innerhalb Kenias oft mit niemandem gesprochen werden kann, weil sie tabu sind: Beschneidung etwa, Sexualität, Gewalt in der Ehe, Missbrauch, aber auch die Schwierigkeiten, mit denen viele – überwiegend alleinerziehende – Frauen zu kämpfen haben. Dass mir Menschen, die mich kaum kannten, solche sehr persönlichen Geschichten anvertraut haben, hat mich tief beeindruckt und auch in eine besondere Verantwortung als Autor gebracht.
Eine typische „Boma“ – ein eingezäuntes Dorf – in Kenia, umgeben und gebaut auf der ebenfalls für Kenia typischen roten, eisenreichen Erde.
© zVg
BVZ: War es immer so geplant, dass Sie die Figuren durch die Jahrzehnte begleiten?
Blaboll: Nein, das war ursprünglich überhaupt nicht so geplant. Diese Idee hat sich erst während der Gespräche und der Recherche entwickelt.
Je mehr Menschen ich kennengelernt und je mehr Geschichten ich gehört habe, desto stärker wurde mir bewusst, wie sehr sich Kenia im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.
Mir wurde irgendwann klar, dass man diese Veränderungen besonders gut anhand einzelner Lebensgeschichten erzählen kann. Politische und gesellschaftliche Entwicklungen bleiben oft abstrakt, wenn man sie nur als historische Ereignisse beschreibt. Wenn man dagegen einen Menschen über längere Zeit begleitet, werden diese Veränderungen plötzlich konkret und nachvollziehbar. So ist die Idee entstanden, die Figuren durch verschiedene Jahrzehnte zu begleiten.
Das war also kein vorher festgelegtes literarisches Konzept, sondern etwas, das sich unmittelbar aus meinen Begegnungen und aus dem Material entwickelt hat. Die persönlichen Geschichten wurden für mich gewissermaßen zu einem Zugang zur Geschichte des ganzen Landes.
BVZ: Wie sehen Ihre nächsten Pläne aus?
Blaboll: Möglicherweise wird mein nächstes Buch von meinen Erfahrungen als Gastprofessor in Belgrad ausgehen. Dort haben mich vor allem die Defizite in der zeithistorischen Bildung und im demokratischen Bewusstsein beschäftigt. Ich habe erlebt, wie Geschichte politisch genutzt und teilweise bewusst beeinflusst wird.
Gerade der Umgang mit der jüngeren Vergangenheit scheint mir entscheidend dafür zu sein, wie eine Gesellschaft ihre Gegenwart und ihre Zukunft versteht. Wenn historische Zusammenhänge nicht vermittelt, verdrängt oder politisch umgedeutet werden, hat das natürlich auch Konsequenzen für das demokratische Verständnis einer Gesellschaft.
Mich beschäftigt die Frage, was passiert, wenn Politik versucht, Erinnerung und Geschichtsbild zu steuern – und welche Folgen das für die nächste Generation haben kann. Ob daraus tatsächlich ein Buch entsteht, weiß ich noch nicht. Wenn, dann wird es wohl ein Thriller werden.
Aber die Erfahrungen in Belgrad haben bei mir viele Fragen aufgeworfen, die mich länger beschäftigen werden.