Neusiedler Wirtschaft im Fokus
Befragt
Neusiedl am See wächst rasant und bleibt als Wohnort besonders gefragt. Zugleich stehen viele Betriebe vor wirtschaftlichen Herausforderungen. Unternehmerinnen und Unternehmer reagieren mit Anpassung, Regionalität und Innovation, um die Zukunftsfähigkeit des Standorts zu sichern.
Neusiedl am See ist das wirtschaftliche Zentrum des Bezirks.
© BVZ
Neusiedl am See zieht nicht nur neue Bewohnerinnen und Bewohner an, sondern bildet das wirtschaftliche und soziale Herz der Region. Jährlich entscheiden sich rund 200 Menschen für einen Hauptwohnsitz in der Stadt, die vor zwei Jahren erstmals die 9.000 Einwohner-Marke überschritt. Hinzu kommen rund 1.850 Nebenwohnsitze.
Die zentrale Lage am Neusiedler See, ein breites Freizeitangebot, zahlreiche Schulen und die hohe Lebensqualität machen die Stadt besonders attraktiv. Entlang der Hauptstraße treffen Handel, Gastronomie, Gesundheitsangebote, Ämter, Behörden, Parteizentralen und das Arbeitsmarktservice (AMS) aufeinander. Dieses Zusammenspiel macht das Zentrum zu einem lebendigen Treffpunkt, an dem Bildung, Freizeit und Kommunikation miteinander verschmelzen.
Wirtschaftliche Herausforderungen
ür viele österreichische Unternehmerinnen und Unternehmer war 2025 allerdings eine schwierige Zeit – auch Betriebe in der Stadt kämpfen mit Inflation, steigenden Energiekosten, höheren Wareneinsätzen und Lohnnebenkosten, die den Alltag spürbar belasten. Die BVZ wollte wissen, wie Neusiedls Unternehmerinnen und Unternehmer mit diesen Herausforderungen umgehen. Exemplarischen Einblick gaben Martina Wende vom Traditionsbetrieb Hotel Wende, Erich Ermler vom bekannten Autohaus in Neusiedl/Weiden und Bianca Hartmann-Waba, Bezirksvorsitzende von „Frau in der Wirtschaft“ und Besitzerin der Bar „Largo“ auf der Oberen Hauptstraße .
Martina Wende beschreibt die Situation für die Hotellerie als „sehr schwierig, da viele Rahmenbedingungen nicht passen“. Auch Erich Ermler vom Autohaus betont: „Die Automobilbranche steht vor großen Veränderungen. Für ein regionales Autohaus bedeutet das, flexibel zu bleiben und sich ständig weiterzuentwickeln.“

© Maria Hollunger
Neben den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verändert sich auch immer mehr das Konsum- und Ausgehverhalten, was vor allem in der Gastronomie für rückläufige Umsätze sorgt. Bianca Hartmann-Waba von der Bar „Largo“ berichtet: „Früher kamen die Leute regelmäßig, junge Gäste trafen sich hier, es war lebendig. Heute gehen immer weniger weg, meine Gäste werden älter, uns fehlen die jungen Leute.“ Für die Gastronomie bedeutet dies ein sinkendes Publikumsaufkommen.
Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven
Veränderungen in ihrer Gästestruktur hat nicht nur die Barbetreiberin bemerkt, sondern auch Martina Wende. Ihr Hotel wird etwa seltener als früher von Busreisegruppen angefahren. Stattdessen setzt das seit 1970 bestehende Hotel noch stärker auf Ganzjahresangebote und Seminare.

© zVg/Hartmann-Waba
Besonderen Wert legt Martina Wende auf Nachhaltigkeit: „Nachhaltigkeit im Tourismus ist für uns enorm wichtig. Damit setzt man ein wichtiges Signal für die Gäste.“ Gleichzeitig sieht sie die Stadt gefordert, um die Wirtschaft langfristig zu stärken: „Für eine positive wirtschaftliche Entwicklung wünsche ich mir einen attraktiven Stadtkern, touristische Innovationen und ein Konzept für das Strandbad.“
Mit ganz anderen Herausforderungen ist die Automobilbranche derzeit beschäftigt. Sie steht vor großen Veränderungen: „Der Fahrzeugverkauf bleibt grundsätzlich wichtig, aber die Konkurrenz und Anforderungen steigen – vor allem durch Elektromobilität, Digitalisierung und verändertes Konsumverhalten“, erklärt Erich Ermler. Ein regionales Autohaus müsse sich daher ständig weiterentwickeln. Und genau das macht das Familienunternehmen, das bereits in dritter Generation geführt wird.
„Digitalisierung und Nachhaltigkeit bieten große Chancen, wenn man sich rechtzeitig darauf einstellt“, so Ermler. Für das Autohaus bedeutet dies die Integration von Elektromobilität (man vertreibt mit BYD eine neue Marke), digitalen Buchungs- und Serviceangeboten und man setzt auf die Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

© Ermler
Wünsche an Stadt und Politik
Die Unternehmerinnen und Unternehmer wenden sich zudem mit klaren Wünschen an die Stadt und die Politik. Martina Wende fordert von der Stadtgemeinde Initiativen für den Tourismus und warnt vor zusätzlichen Belastungen durch Steuererhöhungen. Sie spricht damit die vom Land Burgenland kolportierte Erhöhung der Ortstaxe von 80 Prozent an.
Hartmann plädiert für lebendige Innenstadtbereiche, um das Ausgehverhalten positiv zu beeinflussen. Ermler unterstreicht die Bedeutung einer Ausbildungsoffensive und gezielter Förderung regionaler Betriebe: „Ohne engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist langfristige Wettbewerbsfähigkeit kaum möglich.“
Die Stimmen der Betriebe verdeutlichen: Attraktive Geschäftsstraßen, gut ausgebaute Dienstleistungen und enge Kooperation zwischen Politik und Wirtschaft sind entscheidend, um Neusiedl am See als Wirtschaftsstandort nachhaltig zu stabilisieren.
Strategien für die Zukunft
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen entwickeln die Unternehmen Strategien, um sich anzupassen. Wende setzt etwa auf Ganzjahrestourismus, Seminargeschäft und Wellnessangebote. Ermler reagiert auf veränderte Kundenwünsche. Vermehrt setzen Autofahrerinnen und Autofahrer auf umweltfreundliche elektrische Fahrzeuge und erwarten eine Gesamtbetreuung.