Drei Wochen ohne Handy: So erging es den Schulen im Neusiedler Bezirk

Das Handyexperiment

Drei Schulen aus dem Bezirk Neusiedl am See beteiligten sich am österreichweiten Handyexperiment, das von 4. bis 24. März stattfand. Ausgangspunkt war die ORF-Dokumentation „Dok1 – Drei Wochen ohne Handy“. In der Fortsetzung des Experiments nahmen nun insgesamt 72.000 Schülerinnen und Schüler teil. Ziel war es, den eigenen Umgang mit Smartphones bewusst zu hinterfragen. Die Rückmeldungen aus den Schulen zeigen klare Veränderungen im Alltag der Jugendlichen.

Von Von Birgit Böhm-Ritter

Drei Wochen ohne Handy: So erging es den Schulen im Neusiedler Bezirk

© Gymnasium Neusiedl

Was in der Theorie plausibel klingt, bestätigt sich in der Praxis: Weniger Bildschirmzeit verändert den Alltag spürbar. Die Erfahrungen aus den Schulen in Neusiedl am See, Gols und Andau verlaufen in zentralen Punkten ähnlich.

Schülerinnen und Schüler berichten von besserer Konzentration im Unterricht, mehr Ruhe im Schulalltag und bewusster gestalteter Freizeit. Auch der Schlaf verbessert sich laut mehreren Rückmeldungen. Damit zeigen sich Effekte, die sonst oft nur in Studien beschrieben werden, nun im direkten Schulalltag.

Der Weg dorthin ist jedoch kein geradliniger. Die ersten Tage empfinden viele als herausfordernd. Gewohnheiten greifen ins Leere, Routinen fehlen. Erst mit der Zeit stellt sich ein neuer Rhythmus ein. Der Verzicht wirkt dann wie ein Filter: Ablenkungen treten in den Hintergrund, der Blick richtet sich stärker auf das unmittelbare Umfeld.

Parallel dazu verändert sich das soziale Gefüge. Gespräche werden unmittelbarer, das Klassenklima ruhiger. Konflikte nehmen ab, das Miteinander wirkt strukturierter. Viele Jugendliche ziehen daraus persönliche Konsequenzen und kündigen an, ihr Nutzungsverhalten dauerhaft zu überdenken.

Wie sich diese Entwicklung konkret auswirkt, zeigt das Gymnasium in Neusiedl am See. Dort meldeten sich 230 Schülerinnen und Schüler der 3., 4. und 5. Klassen freiwillig zum Experiment an. 220 hielten die drei Wochen vollständig durch. Der gemeinsame Neustart der Smartphones am 25. März markiert einen sichtbaren Schlusspunkt – und zugleich einen Moment der Reflexion.

Der Abschluss fand im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung in der Aula statt: Die Geräte wurden nach einem gemeinsamen Countdown wieder eingeschaltet. Die Stimmung war dabei spürbar gelöst und emotional: Während viele die Rückkehr zum Smartphone mit Freude erwarteten, gab es auch Schülerinnen und Schüler, die das Ende des Experiments mit gemischten Gefühlen sahen.

Direktorin Tanja Bayer-Felzmann ordnet die Erfahrungen klar ein: Rückmeldungen und Studien würden übereinstimmend zeigen, dass weniger Smartphone-Nutzung zu mehr Konzentration, weniger Stress und höherem Wohlbefinden führt. Der Projektleiter der Schule, Bernhard Kaintz, ergänzt, dass viele Jugendliche den fehlenden Druck durch soziale Medien als entlastend erlebt hätten und sich stärker auf ihren Alltag konzentrieren konnten.

Die Stimmen aus der Schülerschaft machen diese Entwicklung greifbar:

  • Emma Döltl (4G): „Ich schlafe viel besser und bin auch produktiver geworden.“
  • Ela Jaurova (4D): „Man merkt erst, wie viele Stunden man eigentlich mit Scrollen verbringt.“
  • Nela Narjasova (4D): „Das Lernen ohne Handy ist zunächst schwieriger gewesen, dafür habe ich aber im Unterricht aufmerksamer gearbeitet.“
  • Svenja Lang (3E): „Ich habe ein neues Hobby angefangen.“
  • Mia Krist (3E): „Ich habe während des Experiments deutlich mehr Zeit mit meiner Familie verbrachte.“

In der Mittelschule in Gols entschied man sich in einer Projektwoche zur Gesundheitsförderung zur Teilnahme an dem Experiment. Die Klasse 4c verabschiedete sich in einer feierlichen Zeremonie bewusst von ihren Geräten. Mit gemischten Gefühlen wurden die Handys gemeinschaftlich abgeschaltet.

Die anfängliche Skepsis wich im Verlauf einer spürbaren Veränderung. Direktorin Petra Beck beschreibt die Rückmeldungen als eindeutig positiv: Die Schülerinnen und Schüler berichten von besserer Konzentration und einer aktiveren Freizeitgestaltung. Viele wollen ihr Verhalten auch über das Projekt hinaus anpassen. Klassenvorständin Andrea Rommer beobachtet, dass die Klasse ruhiger geworden ist und sich insgesamt sehr positiv entwickelt hat.

Diese Entwicklung zeigt sich auch in den individuellen Erfahrungen der Jugendlichen:

  • Lillith Maxwald (4c): „Mir ging es insgesamt gut, auch wenn ich viel zu tun hatte. Am Anfang musste ich erst meinen Rhythmus finden, aber danach lief es besser. In der Gruppe fiel es mir deutlich leichter als alleine. Ich mache noch bis Freitag weiter, da ich mich wegen der Schularbeit weniger ablenken möchte.“
  • Lukas Poppa (4c, Kontrollgruppe): „Ich habe gemerkt, dass es mit der Zeit deutlich ruhiger geworden ist und es weniger Beleidigungen gab als zuvor. Insgesamt sind wir alle entspannter und rücksichtsvoller miteinander umgegangen. Dadurch ist ein sehr angenehmes Klassenklima entstanden, das ich persönlich als sehr positiv empfunden habe.“
  • Lukas Marki (4c): „Am Anfang ist es mir nicht so gut gegangen, da ich nicht viel schlafen konnte. Mit der Zeit wurde es jedoch besser, und gegen Ende habe ich mich deutlich wohler gefühlt. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich mein Handy jetzt wahrscheinlich weniger benutze.“
  • Mate Bajtay (4c): „Leider habe ich mir schon am zweiten Tag die Hand gebrochen. Trotzdem wollte ich nicht aufgeben und habe durchgehalten. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, und nehme mir vor, in Zukunft mein Handy bewusster und weniger zu nutzen.“
  • Katharina Schreiner (4c): „Am Anfang war es für mich etwas schwierig, aber insgesamt hatte ich kein großes Problem damit. Ich denke, dass ich mein Handy in Zukunft weniger benutzen werde, da ich gemerkt habe, dass mir das gut tut.“

Auch in der Mittelschule Andau beteiligte man sich am dreiwöchigen Handyexperiment. Die Klasse 2a griff die Impulse der ORF-Dokumentation auf, die sie im Unterricht gesehen hatte, entwickelte ein eigenes Konzept und motivierten weitere Klassen.

Die Schülerinnen und Schüler legten Regeln fest, diskutierten Alternativen und planten gezielt Aktivitäten ohne Smartphone und Strategien gegen Langeweile. Der Ansatz geht damit weit über den Verzicht hinaus: Der Selbstversuch startete unter dem Motto „Handy aus – Leben an“. Er zielte auf eine bewusste Gestaltung des Alltags. Persönliche Begegnungen rückten in den Vordergrund.

Am Programm stand ein Besuche im SeneCura Sozialzentrum in Frauenkirchen mit Eier färben, Stadt-Land-Fluß spielen, basteln, kegeln und gemeinsamen Singen und Mittagessen. Zudem veranstalteten die Jugendlichen in Andau einen „Lesetratsch“ am Dorfplatz. Die Schülerinnen und Schüler lasen den Dorfbewohnern selbst verfasste Geschichten und Gedichte vor.

Die Schülerinnen und Schüler der 2a hatten ihre Smartphone für drei Wochen komplett ausgeschalten, ihre iPads durften sie nur für schulische Zwecke verwenden und wurden in der Schule verwahrt. Zwei Burschen hatten das Experiment vorzeitig abgebrochen: einer aus Langeweile, der andere aus Solidarität zum Freund.

Viele Kinder berichteten allerdings von durchwegs positiven Erfahrungen wie besserem Schlaf und konzentrierterem Lernen. Einige starteten neue Hobbys oder spielten plötzlich mit den Geschwistern.

Eine Schülerin meinte: „Ich gehe der Mama auf die Nerven, die möchte zB lesen und ich quatsche soviel.“
Ein anderer Schüler: „Ich schlafe viel besser, da ich nicht bis Mitternacht am Handy bin. Daher gehe ich auch früher schlafen.“
Eine Schülerin meinte: „An der Bushaltestelle oder bei langen Autofahrten fehlt mir das Handy am meisten.“

Die lokalen Erfahrungen fügen sich in ein größeres Bild ein. Ausgangspunkt ist ein Schulversuch im Jahr 2025 an einem Oberstufengymnasium in Gänserndorf über den in einer ORF-Dokumentaion berichtet wurde. Daraus entstand eine österreichweite Initiative, an der sich von 4. bis 24. März zahlreiche Schulen beteiligten.

Im Zentrum steht die Frage, wie sich der Verzicht auf Smartphones auf den Alltag auswirkt. Wissenschaftlich begleiten das Anton Proksch Institut und die Sigmund Freud Privatuniversität Wien das Projekt. Sie untersuchen unter anderem Schlafqualität, Stresslevel und subjektives Wohlbefinden.

Auch der ORF greift das Thema erneut auf. Eine Ausstrahlung im Rahmen der Sendereihe „Dok1“ ist für Ende Mai 2026 geplant. Ein ORF-Team besuchte auch die Mittelschule in Andau.