Drogen: Jugendlicher konsumierte weiter, obwohl Freunde starben

Gerichtsprozess

Anfang April 2025 starb ein junger Mann aus dem nordburgenländischen Drogenmilieu. Fast genau ein Jahr davor war bereits ein Drogentoter aus der Gruppe zu beklagen gewesen. Ein weiteres Mitglied wurde verhaftet und steht jetzt vor Gericht.

Von Elisabeth Kirchmeir

Der 19-jährige Angeklagte wurde aus der Untersuchungshaft in den Verhandlungssaal gebracht. Ein weiteres Gruppenmitglied befindet sich ebenfalls in Untersuchungshaft und war als Zeuge vorgesehen.

Der 19-jährige Angeklagte wurde aus der Untersuchungshaft in den Verhandlungssaal gebracht. Ein weiteres Gruppenmitglied befindet sich ebenfalls in Untersuchungshaft und war als Zeuge vorgesehen.

© BVZ/Kirchmeir

„Ich verstehe es nicht“, sagte die Richterin beim Prozess am 28. Mai 2025 am Landesgericht Eisenstadt. „Ihr Jugendlichen konsumiert weiter, obwohl jemand verstorben ist. Nach der Reihe werden Leute ins Krankenhaus eingeliefert und Sie machen weiter.“

Der 19-jährige Angeklagte wurde am 6. April 2025 in Untersuchungshaft genommen, jenem Tag, als sein Freund an den Folgen seines Drogenkonsums verstorben war.

Gefunden hatte man den 19-Jährigen in einem stillgelegten Firmenareal, einem sogenannten „Lost Place“ im Bezirk Neusiedl. Dort hatten die jungen Drogenkonsumenten Suchtgift gebunkert. Die Polizei fand Ecstasy und Cannabiskraut.

Bei der Einvernahme durch die Polizei machte der 19-Jährige detaillierte Angaben zu seinen Drogenein- und verkäufen und zu seinem Konsum. Vor Gericht relativierte er diese Angaben, wie es in Drogenprozessen oft geschieht. Die Mengen, die er gekauft und weitergegeben habe, seien viel geringer als jene, die er gemeinsam mit den Drogenfahndern berechnet habe, so der Angeklagte.

Drogenopfer war bereits im August 2024 zusammengebrochen

Jener junge Mann, der am 6. April 2025 verstarb, war im August 2024 bei einer „Hausparty“ im Haus der Eltern des Angeklagten zusammengebrochen. Die Eltern waren auf Urlaub. Der Angeklagte soll seinen Freunden verboten haben, die Rettung zu verständigen. Deshalb wurde er jetzt auch wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt.

Dass schließlich doch die Rettung kam, ist Partygästen zu verdanken, die einer Mutter über den Vorfall berichteten. Diese informierte eine weitere Mutter, die umgehend die Rettung alarmierte.

„Man musste ihn vor Ort reanimieren“, schilderte die Staatsanwältin am 28. Mai die dramatische Situation vom August 2024. Im April 2025 war der junge Drogenkonsument tot.

„Es gibt Todesfälle und man macht weiter“

„Es gibt Todesfälle und man macht unverfroren weiter!“, hielt die Staatsanwältin dem Angeklagten vor. „Das darf so nicht passieren.“

Jenem Freund, der am 3. April 2024 drogenbedingt verstorben war, hatte der Angeklagte zuvor vermeintliche „Psychopax-Tropfen“ verkauft. In den Fläschchen, die er übergab, befand sich aber Rum. Die Staatsanwaltschaft wertet diese Täuschung strafrechtlich als Betrug und klagte den 19-Jährigen auch zu diesem Tatbestand an.

Weiters wird ihm vorgeworfen, gemeinsam mit Freunden eine Gittertüre bei jenem „Lost Place“ beschädigt zu haben, der der Gruppe als Platz zum „Chillen“ diente.

Der Verteidiger meinte, sein Mandant sei am Tag der Festnahme von der Nachricht traumatisiert gewesen, dass sein Freund verstorben war. „Das war auch der Grund, warum er sich mit Freunden an diesem Lost Place traf“, so der Verteidiger.

19-Jähriger bei Einvernahme „völlig zugedröhnt“?

Bei der Einvernahme durch die Polizei sei sein Mandant „völlig zugedröhnt“ gewesen.

Er habe am Tag der Verhaftung, gab der Angeklagte zu, das Substitionsmittel Compensan, das Opiod OxyContin und das Benzodiazepin Clonazepam konsumiert. Außerdem habe er weitere Tabletten in seiner Unterhose versteckt. Es sei ihm gelungen, diese Drogen an der Polizei vorbei in die Ausnüchterungszelle zu schmuggeln, wo er weitere Mengen Compensan und OxyContin zu sich nahm. Danach soll die Einvernahme stattgefunden haben.

„Sie erfahren, dass ein Freund an einer Überdosis starb, und schlucken das?“, zeigte die Richterin kein Verständnis.

„Ich wollte es verdrängen“, sagte der Angeklagte mit monotoner Stimme. „Das ist für Sie gefährlich“, ermahnte ihn die Richterin. „Es ist eh klar, dass es nicht gut für mich ist“, antwortete der Angeklagte.

„Trotzdem tun Sie es?“, wunderte sich die Richterin.

Weiter Drogen konsumiert - „Es war mir damals egal“

„Es war mir damals egal“, sagte der Angeklagte.

Zum Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung nach dem frühmorgendlichen Herz-Kreislauf-Zustand seines Freundes sagte er: „Wenn ich nüchtern gewesen wäre, hätte ich selbst die Rettung gerufen.“

Ein Sachverständiger soll klären, ob der Angeklagte damals fähig gewesen wäre, den Notfall richtig einzuschätzen und eine klare Entscheidung zu treffen.

„In dem Akt sind vier Tote“, zeigte sich die Richterin betroffen. „Und was macht ihr Jugendlichen? Weiterkonsumieren!“ „Es war eh dumm“, zeigte sich der Angeklagte mäßig beeindruckt.

Bei der Jugendgerichtshilfe hatte er angegeben, „kontrolliert weiterkonsumieren“ zu wollen. Eine stationäre Therapie komme für ihn nicht in Frage.

Angeklagter bekannte sich teilweise schuldig

Der 19-Jährige bekannte sich zur Suchtgiftweitergabe teilschuldig, zum Betrug mit den Psychopax-Tropfen schuldig und zu den Vorwürfen der unterlassenen Hilfeleistung und der Sachbeschädigung nicht schuldig.

Bei der Polizei habe er „einfach irgendwas gesagt“. „Warum waren Sie als 'der Dealer' bekannt?“, fragte ihn die Richterin. „Diesen Beinamen bekommt man nur, wenn bekannt ist, dass man etwas zu verkaufen hat.“

Der Angeklagte sprach davon, Drogen „getauscht“ zu haben, es sei nur um „kleine Mengen“ gegangen. „Erst Ende 2023, Anfang 2024 fing ich mit härteren Drogen an. Davor habe ich nur gekifft“, sagte er.

18-Jähriger hatte regungslosen Freund entdeckt

Ein 18-Jähriger, der bei der Drogen-Party im Haus der Eltern des Angeklagten dabei gewesen war, wurde als Zeuge befragt. Er sei damals als Erster aufgewacht und habe den regungslosen Freund entdeckt. „Ich legte ihn in die stabile Seitenlage“, so der Zeuge. Er habe „Panik bekommen“ und „nicht gewusst, was abgeht“.

Vier Monate zuvor, Anfang April 2024, war einer seiner besten Freunde an einer Überdosis gestorben. Warum er trotzdem weiter konsumierte? „Es ist die Sucht. Die Realität kommt nicht mehr, wenn das Gehirn schon beeinträchtigt ist“, gab sich der 18-Jährige einsichtig.

Er habe damals gemeint, man solle die Rettung rufen. „Es kam nur: Na, na. Ich kann es nachvollziehen“, meinte der 18-Jährige. „Wenn in meiner Wohnung jemand so daliegen würde und meine Eltern in Urlaub sind...“

Der Prozess wurde auf Juli vertagt.