Kastellanin Maria Hauf: „Man lernt den Beruf nicht aus einem Lehrbuch“

Interview

Wer an eine Burg denkt, hat meist mächtige Mauern, historische Schätze und jahrhundertealte Geschichten vor Augen. Weniger präsent ist jene Person, die dafür sorgt, dass dieses Zusammenspiel aus Geschichte, Denkmalpflege und lebendigem Kulturbetrieb Tag für Tag funktioniert. Seit Anfang des Jahres trägt Maria Hauf diese Verantwortung als Kastellanin der Burg Forchtenstein. Im Gespräch erzählt sie von einem Beruf, den man kaum aus deinem Lehrbuch erlernen kann, von der Kunst, Gastgeberin in einem der bedeutendsten historischen Bauwerke des Landes zu sein, und davon, warum hinter jeder Tür der Burg eine neue Geschichte warten könnte.

Von Christian Artner

Maria Hauf ist seit 1. Jänner die Kastellanin der Burg Forchtenstein. Sie erzählt über ihre Aufgaben und ihre Pläne für die Burg und verrät, ob sie sich manchmal gruselt.

Maria Hauf ist seit 1. Jänner die Kastellanin der Burg Forchtenstein. Sie erzählt über ihre Aufgaben und ihre Pläne für die Burg und verrät, ob sie sich manchmal gruselt.

© Andreas Hafensche, Andreas Hafenscher

BVZ: Seit wann bist du Kastellanin?

Maria Hauf: Ich bin seit 1. Jänner 2026 Kastellanin der Burg Forchtenstein. Als ich 2024 die Funktion der Vizekastellanin übernommen habe, begann für mich eine prägende Zeit. Ich durfte eng mit Herbert Zechmeister zusammenarbeiten, der mich mit seinem enormen Wissen, seiner über zwanzigjährigen Erfahrung als Kastellan und seiner tiefen Verbundenheit zur Burg auf die Aufgaben einer Kastellanin vorbereitet hat. Diese Zeit ist für mich von unschätzbarem Wert, denn diesen Beruf kann man nicht aus einem Lehrbuch lernen. Jede Burg ist einzigartig, und vieles erschließt sich erst durch die tägliche Arbeit vor Ort – im Umgang mit dem historischen Gebäude ebenso wie mit den vielen Menschen, die hinter den Kulissen zum Gelingen beitragen.

Du kommst aus der Tourismusbranche. Ist diese Erfahrung hilfreich als Kastellanin?

Hauf: Auf jeden Fall. Ich habe die Hotelfachschule am Semmering besucht und anschließend viele Jahre in der Kongresshotellerie gearbeitet. Sowohl in der Hotellerie als auch auf der Burg geht es heute in erster Linie darum, ein guter Gastgeber zu sein und dafür zu sorgen, dass alles reibungslos funktioniert.

Gab es einen besonderen, ausschlaggebenden Grund, warum du dich als Kastellanin der Burg Forchtenstein beworben hast?

Hauf: Ich muss ganz ehrlich gestehen, hätte ich gewusst, dass es in diese Richtung geht, hätte ich mich wahrscheinlich gar nicht getraut, mich zu bewerben. Mir war nicht einmal bewusst, dass es diesen Job gibt. Ich bin auf die Burg gekommen, damit ich mich um Veranstaltungen kümmere. Das habe ich gelernt und schon jahrelang praktiziert. Es war zwar schon die Aussicht gestellt, die Standortleitung eines Tages eventuell zu übernehmen, aber dass damit ein Titel wie Kastellanin zusammenhängen würde, das war mir so nicht bewusst.

Hast du eine bestimmte Verbindung mit der Burg Forchtenstein? Du bist nicht aus dem Bezirk Mattersburg?

Hauf:Genau, ich komme aus dem Bezirk Wiener Neustadt, vom Fuße der Hohen Wand. Mein Bezug zur Burg ist, dass ich als Kind schon einmal auf der Burg war.

Kannst du ein wenig ausführen, was die Aufgaben einer Kastellanin sind?

Hauf: Die Aufgaben sind unglaublich vielfältig. Im Grunde trage ich gemeinsam mit meinem Team die Verantwortung dafür, dass die Burg als historisches Denkmal erhalten bleibt und gleichzeitig ein lebendiger Ort für unsere Besucherinnen und Besucher ist. Ein wichtiger Bereich ist die Instandhaltung der Burg. Gemeinsam mit dem Team achte ich darauf, dass die Anlage in einem guten Zustand bleibt, prüfe gemeinsam mit Fachleuten notwendige Maßnahmen und überlege laufend, wo wir uns weiterentwickeln oder verbessern können. Genauso wichtig ist aber der tägliche Betrieb. Das beginnt beim Empfang unserer Gäste, beim Ticketverkauf und bei einem reibungslosen Ablauf des Besuchs. Mir ist wichtig, dass sich unsere Besucherinnen und Besucher von der ersten Minute an willkommen fühlen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit unserem Kulturvermittlungsteam. Dafür musste ich mir selbst viel historisches Wissen aneignen. Je nach Anlass begleite ich auch selbst Führungen durch die Burg. Und schließlich spielt die Pflege der gesamten Anlage eine große Rolle. Dabei geht es nicht nur um Sauberkeit in den Ausstellungsräumen, sondern um die Burg als Ganzes, von den Besucherbereichen bis hin zu jenen Orten, die unsere Gäste meist gar nicht zu Gesicht bekommen.

Kastellanin ist kein Beruf, den man allein ausübt. Hinter dem Erfolg der Burg steht ein engagiertes Team aus vielen unterschiedlichen Bereichen. Ich darf das Gesicht der Burg sein und Verantwortung tragen, aber funktionieren kann das alles nur durch die Menschen, die jeden Tag mit viel Einsatz dazu beitragen, dass die Burg ein besonderer Ort bleibt.

Die Tätigkeit des Kastellans gibt es offenbar seit es Burgen gibt. Vermutlich hat sich das Berufsbild im Laufe der Jahrhunderte gewandelt. Oder sind die Aufgaben gleich geblieben?

Hauf: Historisch gesehen war ein Kastellan eine Art Verwalter und Hausherr im Auftrag des Burgherrn. Auch heute geht es noch darum, Verantwortung für einen besonderen Ort zu übernehmen, aber die Schwerpunkte haben sich stark verschoben. Diese Veränderung zeigt sich schon im Vergleich zu meinem Vorgänger Herbert Zechmeister deutlich. Er ist Historiker und sein Fokus lag naturgemäß sehr stark auf den historischen Inhalten und der wissenschaftlichen Arbeit. Ich selbst komme aus der Tourismus- und Veranstaltungsbranche und bringe daher einen etwas anderen Blickwinkel mit. Mein Schwerpunkt liegt stärker auf den Gästen, auf der Weiterentwicklung des Besuchserlebnisses und darauf, die Burg als lebendigen Kultur- und Ausflugsort in die Zukunft zu führen.

Ist dokumentiert, wie viele Kastellane es historisch gesehen auf der Burg bereits gegeben hat?

Hauf:Die Antwort ist etwas komplizierter, als man vielleicht erwartet. Der Titel „Kastellan“ wurde auf Burg Forchtenstein lange Zeit gar nicht verwendet. Stattdessen sprach man von Burg- oder Schlosspflegern. Der Vorgänger von Herbert Zechmeister war der Erste, der offiziell den Titel Kastellan getragen hat. In diesem Sinn bin ich die erste Kastellanin und insgesamt die dritte Person mit diesem Titel. Wie viele Burg- oder Schlosspfleger es davor gegeben hat, lässt sich nicht einfach beantworten. Dafür müsste man die historischen Akten in den Archiven detailliert auswerten. Selbst dann wäre nicht sicher, ob sich jede einzelne Person lückenlos nachvollziehen ließe.

Seit dem Sommer gibt es auf der Burg Forchtenstein zwei Ausstellungen „Vom Löschkübel bis zum Spritzenwagen. Feuer, Brand, Kulturgutschutz auf Burg Forchtenstein im Wandel der Zeit“ und „Maria, Königin des Himmels“, zwei große „Fabelhafte Familienwochenenden“ gingen soeben über die Bühne. Bist bzw. warst du dabei auch für die Organisation zuständig?

Hauf:Bei den Ausstellungen arbeite ich sehr eng mit der Sammlungsabteilung der Esterhazy Privatstiftung zusammen. Die Kolleginnen und Kollegen dort sind für die wissenschaftlichen Inhalte und die kuratorische Umsetzung verantwortlich. Meine Aufgabe besteht vor allem darin, die Verbindung zwischen den verschiedenen Bereichen herzustellen und dafür zu sorgen, dass alles gut ineinandergreift.

Bei Veranstaltungen wie den Familienwochenenden bin ich stärker in die Planung und Organisation eingebunden. Hinter jeder erfolgreichen Veranstaltung steht jedoch ein engagiertes Team. Gerade weil mein Aufgabenbereich mit der Übernahme der Funktion der Kastellanin deutlich gewachsen ist, bin ich sehr dankbar für Kolleginnen und Kollegen, die ihre Projekte mit viel Erfahrung, Kreativität und Herzblut umsetzen.

Gibt es Veranstaltungen auch im Herbst oder im Winter?

Hauf: Im September haben wir unser Drachenfest, eine etablierte Familienveranstaltung, die schon über Jahre geht. Unseren Adventmarkt, der in den Wintermonaten folgt, darf man natürlich nicht vergessen. Zwischendurch bieten wir ein unterschiedliches Programm an. Außerdem findet im Herbst das Kastanienfest des Verschönerungsvereins Forchtenstein statt, bei dem wir passende Führungsprogramme anbieten. Auch Halloween wird bei uns zum Erlebnis für die ganze Familie – mit Angeboten für Kinder ebenso wie für Erwachsene.

Kann man die Burg auch einfach so besichtigen, zum Beispiel in kleinen Gruppen?

Hauf:Selbstverständlich. Einzelgäste genauso wie Gruppen sind bei uns herzlich willkommen. Wir bieten täglich Führungen in deutscher und ungarischer Sprache an. Auch individuelle Gruppenführungen sind möglich. Gerade bei Gruppen empfehlen wir eine rechtzeitige Anmeldung, damit wir ausreichend planen und sicherstellen können, dass sich jemand Zeit für die Gäste nehmen kann.

Auf einer Burg gibt es also immer etwas zu tun. Bist du jeden Tag dort oder ist es manchmal sogar notwendig, dass du dort übernachtest?

Hauf: Als Kastellanin gibt es eigentlich keine klassischen Arbeitszeiten. Auf einer Burg ist immer etwas los, und wenn etwas ansteht, bin ich erreichbar und für das Burg-Team da. Gleichzeitig gehören zu meiner Arbeit auch viele Abstimmungen außerhalb der Burg, zum Beispiel mit Kolleginnen und Kollegen im Schloss Esterházy. Ich bin daher regelmäßig auf der Burg, aber nicht jeden Tag vor Ort. Und nein, auf der Burg wohnen oder schlafen muss man als Kastellanin nicht mehr. Es haben ehemalige Kastellane hier gelebt. Die Burg ist der wohl sicherste Ort, den ich kenne. Ich hätte keine Angst, hierzubleiben.

Die Burg hat mehrere hundert Räume. Weißt du ungefähr, wie viele? In der Instandhaltung ist das sicher sehr aufwändig.

Hauf: Ein bisschen Geheimhaltung ist schon geboten, es soll ja doch spannend bleiben, die genaue Anzahl gebe ich nicht raus. Wir haben sehr viele Räume und es ist wichtig, jeden Raum zu kennen. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich jeden Raum schon kenne. Hin und wieder entdecke ich eine Tür, bei der ich mich frage, ob ich da schon mal durchgegangen bin. Dann öffne ich sie und gehe einfach mal durch und schaue, was sich dahinter befindet.

Wie lange würde eine Besichtigung in etwa dauern, bis die gesamte Burg durchwandert hätte?

Hauf:Wir machen regelmäßig Sicherheitsbegehungen. Das übernimmt hauptsächlich unser Technik-Team, das dafür zuständig und verantwortlich ist. Ich versuche quartalsweise daran teilzunehmen, einfach um mir den aktuellen Stand anzusehen. Wir machen auch Rundgänge um die Burg, um zu sehen, wie der Zustand der Burgmauer ist. Wenn man alles zusammenfasst, ist man ungefähr zwei Tage unterwegs.

Burgen sind oft auch sagenumwobene Orte. Die Burg Forchtenstein kennt die Sage der grausamen Burgfrau. Gehört diese heute noch zum Image der Burg oder wird sie eher nicht mehr so gern erzählt? Und interessiert diese Sage die Besucherinnen und Besucher heute noch?

Hauf: Die Sage gehört zur Burggeschichte dazu und wird vor allem bei Halloween-Veranstaltungen oder unserer „Draculade“ gerne aufgegriffen. Jahrhundertelang soll es Sichtungen gegeben haben. Erst als in späterer Zeit ein Burgherr auf einem nahen Berg die Rosalienkapelle erbauen ließ, fand der Geist der grausamen Schlossfrau die ewige Ruhe. Ich selbst habe die Rosalia auch noch nicht getroffen. Vielleicht hat sie Angst vor mir, ich weiß nicht.

Gruselt es dich manchmal trotzdem, wenn du auf der Burg bist?

Hauf:Ich glaube, wenn man das erste Mal alleine auf einer Burg ist, kann das durchaus ein bisschen unheimlich wirken. Vor allem, weil man die vielen Geräusche noch nicht einordnen kann. Mit der Zeit merkt man aber, dass die Burg ein lebendiger Ort ist. In den Mauern bewegt sich die Luft, hier leben Fledermäuse, Tauben und viele andere Tiere. Wenn irgendwo eine Taube verborgen sitzt und der Wind durch die Gänge zieht, kann das schon einmal wie ein Geistergesang klingen. Inzwischen kenne ich die meisten Geräusche ganz gut. Deshalb grusle ich mich heute eher selten.