„Wenn es die Infrastruktur gibt, dann kommen auch die Betriebe“

Interview: Matthias Unger

Matthias Unger leitet die Unger Steel Group in dritter Generation und fordert als IV-Vizepräsident eine Industrie-Strategie im Land. Als Hauptsponsor der Oberwart Gunners gehört sein Herz auch dem Basketball: Im BVZ-Gespräch erklärt Unger, wie es beim Meister weitergehen soll.

Von Wolfgang Millendorfer

Matthias Unger: „Zu neuen Unternehmen sagt niemand nein, aber vor allem auch bestehenden Betrieben soll es gut gehen.“

Matthias Unger: „Zu neuen Unternehmen sagt niemand nein, aber vor allem auch bestehenden Betrieben soll es gut gehen.“

© Jennifer Vass, viewitlikejenni, viewitlikejenni

BVZ: Sie sind mit Ihrem Unternehmen international tätig und bringen sich zugleich als Vizepräsident der Industriellenvereinigung intensiv im Land ein. Was braucht die Industrie im Burgenland?

Matthias Unger: Die Industrie und das Burgenland sind meine Heimat, und daher habe ich mich entschieden, mich auch hier einzubringen. In erster Linie ist es wichtig, dass die Landesregierung mit der Industrie zusammenarbeitet. Diesen Austausch gibt es, die Gesprächskanäle sind offen.

Was es braucht, das ist eine Industrie-Strategie. Denn eines darf man nicht vergessen: Als größter privater Sektor bringt die Industrie im Burgenland knapp 30 Prozent der Brutto-Wertschöpfung; Also jeder und jede Dritte profitiert direkt oder indirekt. Mit diesem Bewusstsein wünschen wir uns eine intensive Zusammenarbeit.

Die IV hat für jeden Bezirk Schwerpunkte formuliert. Was ist wo am wichtigsten?

Im Bezirk Jennersdorf ist es der Breitband-Ausbau, in Güssing das Thema Forschung und erneuerbare Energie, die vorhandene Infrastruktur soll besser genutzt werden. Im Bezirk Oberwart ist der Erhalt der Bahn-Infrastruktur wichtig: Wir bekommen einen Großteil des Rohmaterials per Bahn – der Güterverkehr ist für viele Unternehmen ein zentraler Punkt. In Oberpullendorf geht es um die Weiterentwicklung der Fachschule CERAMICO Campus in Stoob in Richtung einer HTL mit Schwerpunkt Werkstofftechnik, in Mattersburg um die Zusammenarbeit von Bildung und Industrie.

Im Bezirk Eisenstadt ist der Lückenschluss der A3 mit Ungarn wichtig: Das wäre ein relativ kurzer Abschnitt, aber wenn es einmal die Infrastruktur gibt, dann kommen auch die Betriebe. In Neusiedl am See sehen wir die Speichertechnologie und das Thema Wasserstoff als Schwerpunkt. So kann man jeden Bezirk stark machen.

Das Bekenntnis zur Lehrlings- und Facharbeiter-Ausbildung gibt es ja schon länger ...

Das gibt es vonseiten der Politik und der Sozialpartner: Lehrlinge sind eigentlich das Rückgrat unseres Unternehmens; bei jeder Veranstaltung hole ich sie immer als Erste auf die Bühne. Und ich würde gerne jedes Jahr doppelt so viele aufnehmen, aber es gibt leider immer weniger. Darum muss das Image der Lehre aufgewertet werden. Und wenn man es in unserem Fall ganz direkt und einfach sagen will: Die Industrie zahlt die höchsten Löhne.

„Wenn es die Infrastruktur gibt, dann kommen auch die Betriebe“

© cstrobl

Diskutiert wird derzeit sozusagen auch in die andere Richtung: Die IV hat wieder laut über die Anhebung des Pensionsalters nachgedacht. Wie sehen Sie das?

Es geht nicht allein ums Alter, da ist jetzt – ein wenig unglücklich – nur eine Zahl hängengeblieben. Wenn man eine andere Zahl hernimmt: Jährlich werden 30 Milliarden Euro zugeschossen, damit das Pensionssystem am Laufen bleibt. Der frühere Generationenvertrag funktioniert in der Form nicht mehr, dessen muss man sich bewusst sein. Da muss man sich Gedanken machen, das faktische Alter an das gesetzliche anzupassen.

Das ist aber nur ein Teil der Diskussion: Es gibt noch bekannte Themen, wie etwa die Senkung der Lohnnebenkosten, damit wir international wieder kompetitiv werden.

Ein internationaler Dämpfer ist auch der Streit um die US-Zölle. Wir stark ist das Burgenland davon betroffen?

Natürlich trifft es uns auch, wobei ich sage: Bei Trump muss man zwischen dem Lärm, den er macht, und den Signalen, die er sendet, unterscheiden. Den Lärm macht er für seine Wähler, die Signale gehen dann doch in Richtung Verhandlungen. Da müssen wir mitmachen, das bedarf unternehmerischer Diplomatie. Wir selbst sind intensiv mit unseren Kunden in Kontakt. Wenn die Zölle in der Form durchgezogen werden, dann brennt der Hut. Daher muss die Europäische Union versuchen, „Deals“ zu machen, wie Trump das nennt.

„Wenn es die Infrastruktur gibt, dann kommen auch die Betriebe“

© Hamriyah Free Zone Authority

Wie schafft man bei den internationalen Diskussionen den Spagat zur Regionalität?

Wir haben zum Beispiel auch Überlegungen, trotz allem in den USA zu investieren, weil das mittelfristig Sinn für unser Unternehmen macht. Zugleich geht es mir immer um die Stärkung der Heimat vor der Haustür und um die Zusammenarbeit mit den Schulen.

Generell müssen wir am Image des Werkstoffs Stahl arbeiten: Die Statistik zeigt, dass ein Stück Stahl im Lauf seiner Geschichte achtmal eingeschmolzen und wiederverwertet wird – beliebig oft und ohne Qualitätsverlust. Das ist Kreislaufwirtschaft. Das Einzige, das bis jetzt CO2-intensiv war, ist die Produktion.

Sie sagen „bis jetzt“ ...?

Da gibt es beispielsweise bei der VOEST große Fortschritte in der Produktion mittels Elektro-Lichtbogenöfen oder einer Wasserstoff-Anlage. Wir bauen diese Anlagen und gehen selbst schon in diese Richtung. Damit wird das CO2 in der Stahlproduktion wesentlich reduziert. Wir haben zuletzt zum Beispiel einen Supermarkt in Wiener Neustadt abgebaut und den Stahl bei einem anderen Kunden im Südburgenland wieder eingebaut. Das ist Recycling. Wir setzen immer wieder solche Projekte in der unmittelbaren Region um, das ist uns seit jeher ein Anliegen.

Unger Steel ist nicht zuletzt bekannt als Hauptsponsor der Oberwart Gunners: Gratulation zum Meistertitel!

Wir sind Hauptsponsor seit 1992, mit kleinen Unterbrechungen. Als es damals den Basketball-Boom gab, hat Unger Steel auch Körbe produziert, davon gibt's im Bezirk Oberwart jetzt noch einige. Vor zwei Jahren habe ich den Meistertitel gefordert, und das wurde in den vergangenen zwei Jahren doppelt erfüllt! Unsere Sponsoring-Vereinbarung wurde jetzt wieder um zwei Jahre verlängert.

„Wenn es die Infrastruktur gibt, dann kommen auch die Betriebe“

© Jennifer Vass

Was kommt als Nächstes?

Jetzt muss in der Infrastruktur etwas passieren, die Halle in Oberwart muss saniert und ausgebaut werden; die letzte Adaption hat es Ende der 90er-Jahre gegeben. Es braucht unter anderem moderne Korb-Anlagen für die Austragung von internationalen Spielen, mobile Zuschauertribünen, und für die Spieler muss es attraktivere Räumlichkeiten für Training und Erholung geben. Das alles haben sich die Fans und auch das Management verdient.

Gibt es schon konkrete Pläne?

Der erste Schritt wäre, dass sich das Gunners-Management mit dem Fußballverein zusammensetzt und ein Raumkonzept entwickelt. Die Sanierung sollte unter der Führung des Landes umgesetzt werden, das ist mein Appell, daran haben wir auch unsere Sponsorentätigkeit geknüpft. Es gibt Lippenbekenntnisse, jetzt muss ein konkretes Projekt folgen, das Land, Stadt und Bund in Angriff nehmen sollen. Man braucht auch die Schulen weiterhin in der Halle, das ist in der Zuständigkeit des Bundes.

Können Sie beim Basketball besonders emotional werden?

Da geht bei mir schon ein bisschen das Herz durch, weil es ja ein dynamischer Sport ist. Aber immer im richtigen Ausmaß (lacht). Das passt auch gut zu unserem Unternehmen, weil es ein internationaler Sport ist. Ich habe in den USA studiert und am Campus Basketball gespielt. Ab und zu werfe ich noch ein paar Körbe, derzeit vor allem zuhause mit meinem Sohn.

Das heißt, es bleibt trotz der vielen Geschäftsbereiche auch ein wenig Freizeit ...?

Familie ist mir sehr wichtig, und ich finde die Zeit zur gemeinsamen Erholung. Ich bin auch froh, dass mein Vater fast noch jeden Tag im Unternehmen ist und Input liefert. Wir sind ein gutes Team, denn alles, was man leidenschaftlich macht, das macht man gut. Das klingt vielleicht wie ein Stehsatz, es ist aber die Wahrheit.

Es heißt ständig, die Zeiten sind schwierig – wie halten Sie im Unternehmen dagegen?

Natürlich gibt es diese Krise, und es gibt die Veränderungen. Das Credo heißt: „Lass keine Krise für Veränderungen ungenützt!“ Wir versuchen, darauf zu reagieren. So hat sich auch die Kundenstruktur verändert: Früher war die Automobilbranche am stärksten, jetzt sind es Energie-Unternehmen. Damit passen wir unsere Produktion an. Gerade der Bereich Infrastruktur wird in den kommenden Jahren auch in Deutschland gefragt sein.

„Wenn es die Infrastruktur gibt, dann kommen auch die Betriebe“

© Thomas Luef

Sehen Sie da Chancen für das Burgenland als Standort?

Das ist ebenso ein Appell an die Landesregierung. Es ist natürlich schwer, neue Betriebe ins Burgenland zu holen. Man sollte aber umso mehr die bestehenden Betriebe servicieren und danach trachten, dass es denen gut geht. Wenn die Produktion adaptiert wird – wie in unserem Fall –, dann bedeutet das ein Investment, und dafür soll es Unterstützung seitens des Landes geben. Diese Dinge können wir eben in einer gemeinsamen Industrie-Strategie erarbeiten.

Und welche Chancen hat speziell das Südburgenland?

Hier gibt es ebenfalls viele Assets: Die Grundstückspreise sind gut, viele Menschen mit Hausverstand wollen sich aktiv einbringen. Klarerweise sagt niemand nein, wenn sich ein großes Unternehmen mit einigen hundert Mitarbeitern ansiedeln will, aber realistisch hat es das in den vergangenen Jahren seit Lenzing Fibers in Heiligenkreuz in dieser Größenordnung nicht mehr gegeben. Darum soll es bestehenden Unternehmen gut gehen, damit sie ausbauen können.

Unger Steel gilt nicht nur im Südburgenland als Leitbetrieb. Trägt man damit eine gewisse Verantwortung?

Wir sehen uns als Leitbetrieb, aber ich sage gern, es ist nicht einfach, die Champions League einmal zu gewinnen, und richtig schwierig ist es, zwei- oder dreimal zu gewinnen. Wir gehen den Weg aber weiter, so es wie viele Unternehmen im Burgenland machen. Da passt eine der IV-Studien gut dazu, die besagt, dass jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin eines Industriebetriebes statistisch gesehen 1,65 andere Arbeitsplätze in ganz Österreich absichern.

Auch wir bei Unger Steel beauftragen ja einige Subfirmen. Das macht mich dann schon stolz – an unseren 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hängen also noch 750 weitere dran. Das ist das Schöne an der Umwegrentabilität, und von dieser Zusammenarbeit profitiert vor allem die Region.

„Wenn es die Infrastruktur gibt, dann kommen auch die Betriebe“

© Nasar Kadavil, Noor Studio

Matthias Unger & die Unger Steel Group

Der Oberwarter ist Geschäftsführer und zusammen mit seinem Vater Josef Eigentümer des gleichnamigen Stahlbau-Familienunternehmens, der Unger Steel Group. Matthias Unger war Bundesvorsitzender der Jungen Industrie und ist sein zwei Jahren Vizepräsident der Industriellenvereinigung Burgenland.

Die Unger Steel Group ist neben dem Geschäftsbereich Stahlbau – mit Projekten auf allen Kontinenten – auch als Generalunternehmung für Komplettlösungen tätig sowie als Real-Estate-Unternehmen in der Immobilienentwicklung. Die Zentrale sitzt nach wie vor in Oberwart, weltweit gibt es 20 Niederlassungen.