„Wie im Fußball: Es gibt schon neun Millionen Energie-Experten“

Interview: Stephan Sharma

Der Vorstandsvorsitzende der Burgenland Energie erklärt, wie die Versorgung günstiger werden kann, warum er vom neuen Bundesgesetz enttäuscht ist und was er von der Politik erwartet. Beim Thema Energie kommen viele Meinungen zusammen - das sei eben wie mit den n „neun Millionen Teamchefs“ im Fußball, sagt Sharma.

Von Wolfgang Millendorfer

„Für eine sichere und unabhängige Energieversorgung brauchen wir eigene Erzeugung und Netze.“ Stephan Sharma im BVZ-Interview.

„Für eine sichere und unabhängige Energieversorgung brauchen wir eigene Erzeugung und Netze.“ Stephan Sharma im BVZ-Interview.

© Wolfgang Millendorfer, Stephan Sharma

BVZ: Zuletzt wurden immer wieder große Projekte der Burgenland Energie präsentiert oder fertiggestellt. Was waren für Sie die größten Sprünge im abgelaufenen Jahr?

Stephan Sharma:Durch die Umsetzung zahlreicher Energieprojekte gemeinsam mit den Menschen, Gemeinden, der Politik und NGOs konnten wir die Energieunabhängigkeit des Landes deutlich erhöhen. Ein Highlight war die Inbetriebnahme von Europas größtem Agri-Wind-Photovoltaik-Projekt in Tadten-Wallern. Da zeigen wir, dass es möglich ist, Bio-Stromproduktion, Bio-Landwirtschaft und Bio-Energiegemeinschaft an einem Standort im großen Maßstab zu verbinden.

Ein weiterer Meilenstein war die Fertigstellung des größten Windprojekts Österreichs in Neusiedl und Weiden am See. Damit haben wir in nur fünf Jahren unsere gesamte Erzeugungskapazität verdoppelt und sind heute Österreichs größtes Wind- und Photovoltaik-Unternehmen.

Wie sehr setzt man in der weiteren Entwicklung auf Energiegemeinschaften? Muss noch der Durchbruch bei der Bevölkerung gelingen, um möglichst viele Mitglieder zu gewinnen?

Energiegemeinschaften sind das Strommodell der Zukunft und das Herzstück der burgenländischen Energieunabhängigkeitsbewegung. Jeder Burgenländer, jedes Unternehmen und jede Gemeinde kann direkt von unserer heimischen Wind- und Sonnenstromproduktion profitieren. Bereits im ersten Jahr konnten rund 70 Prozent des Strombedarfs eines durchschnittlichen Haushalts gedeckt werden. Heute sind über 40.000 Menschen, mehr als 250 Unternehmen und 40 Gemeinden dabei.

Wie können Mitglieder einer Energiegemeinschaft sparen?

Der Strom kommt transparent und zu einem langfristig stabilen Preis von zehn Cent pro Kilowattstunde auf 20 Jahre – ohne Indexierung. Während auf Bundesebene ein Krisenpreisdeckel angekündigt wurde, gibt es diesen im Burgenland dauerhaft, das zeigt die Stärke des Modells. Wir arbeiten bereits seit 2021 an Energiegemeinschaften und bieten diese für private Haushalte, Unternehmen und Gemeinden an, um ihren selbst produzierten Strom optimal zu nutzen. In dem Bereich sind wir Österreichs führender Anbieter und werden die Angebote weiter ausbauen.

Mit dem „Fanclub Burgenland“ und weiteren Modellen kann die Burgenland Energie günstige Tarife anbieten. Die Netzentgelte treiben die Preise für die Kunden aber wieder in die Höhe. Was muss passieren, damit es wirklich günstig wird?

Es ist wichtig, in der gesamten energiepolitischen Diskussion eines klarzumachen: Energie betrifft jeden Menschen in Österreich. Das Thema Energie ist in den letzten Monaten immer mehr zum politischen Spielball geworden. Mit unserer Energieversorgung sollten wir politisch nicht spielen. Tatsache ist, dass die Energierechnung, die jeder in Österreich erhält, aus drei Bestandteilen besteht: dem Energie-, Netz- und dem Steuern- und Abgabenteil.

Regulatorisch ist festgelegt, dass nur der Energieteil – rund ein Drittel der Rechnung – durch den Energielieferanten bestimmt wird. Während die Netzkosten und die Steuern- und Abgaben – rund zwei Drittel – vom Bundesgesetzgeber festgelegt werden. Wir werden im kommenden Jahr unsere Energiepreise nochmals senken, während Netzkosten erhöht und noch Abgaben und Steuern auf Energie vom Bund eingehoben werden.

Es ist die politische Aufgabe, dass die Energiepreissenkungen nicht durch bundesbedingte Kosten aufgefressen werden. Die Strompreise würden sofort stark fallen, wenn die Abgaben oder die Umsatzsteuer auf Energie abgeschafft werden und die Verrechnung beziehungsweise die Verteilung der Netzkosten neu geregelt werden würde, unter anderem durch geringere Eigenkapitalquote und längere Abschreibungsdauer. Das wären Entlastungen die direkt bei den Menschen ankommen.

Die Bundesregierung hat dem Elektrizitätswirtschaftsgesetz den Namen „Billigstromgesetz“ gegeben. Hat es den aus Ihrer Sicht verdient?

Das werden die Menschen beurteilen. Das Gesetz kann aber per se kein Billigstromgesetz sein, denn wenn es das wäre, dann müsste hier ganz konkret stehen, um wie viel die gesamte Stromrechnung ab 1. Jänner 2026 billiger wird. Das wäre für mich ein Billigstromgesetz. Das Einzige, das sich in diesem Gesetz konkret zum Strompreis findet, ist der Sozialtarif für rund sieben Prozent in Österreich, für GIS-Beitragsbefreite und Arbeitslose, finanziert mit 60 Millionen Euro durch die Energieversorger. Für die übrigen 93 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher findet sich keine konkrete Zahl zur Senkung der Energierechnung.

Woran fehlt es?

Österreich importiert noch immer über 60 Prozent seines Energiebedarfs aus dem Ausland. Wir müssen in die eigene Erzeugung und die eigenen Netze investieren, um uns endlich aus der ausländischen Energie-Geiselhaft und Energieabhängigkeits-Falle zu befreien. Ja, das kostet uns einmal Geld, schafft aber langfristig für Generationen eine sichere, leistbare und unabhängige Energieversorgung. Keiner von uns will Blackout-Szenarien, und daher muss jedem klar sein, dass wir für eine sichere und unabhängige Energieversorgung eigene Erzeugung und Netze benötigen. Wir brauchen einen nationalen Schulterschluss für die Energiesouveränität. Das ist unsere Verantwortung.

Wofür gibt es aus dem Burgenland Lob am ELWG, und was müsste verbessert werden?

Persönlich bin ich als Energie-Experte, der seit Beginn der Liberalisierung in der Branche tätig ist, enttäuscht, dass wir es nicht gemeinsam geschafft haben – vom Gesetzgeber über alle Stakeholder – ein innovativeres, zukunftsorientierteres Gesetz zu schaffen. Leistbare und sichere Energie ist die Basis für den Lebens- und Wirtschaftsstandort. Ich hätte mir gewünscht, dass es, wie im Burgenland, ein klares Ziel gibt, das Österreich ohne Wenn und Aber energieunabhängig und energiesicher vom Ausland macht und dieses Gesetz die Rahmenbedingungen dafür schafft, um die Erreichung des Ziels massiv zu beschleunigen.

Es muss auch klargestellt werden: Die Ankündigung der Bundesregierung zur Strompreissenkung bei Netz und Abgaben sind nur Einmalmaßnahmen, die sich gar nicht im ELWG finden und beim Entfall nächstes Jahr wieder zur Erhöhung führen werden. Ein klassischer Jo-Jo-Effekt ohne nachhaltige Wirkung – bei einem typischen Haushalt einmalig für ein Jahr rund fünf Euro pro Monat. Gerade beim Thema Energie, das jeden betrifft, braucht es mehr Sachlichkeit, um wirkliche Fortschritte zu erzielen. Mittlerweile ist es wie im Fußball: Es gibt neun Millionen Teamchefs und Energie-Experten.

Was erhofft man sich bei der Burgenland Energie von der VfGH-Beschwerde des Landes zur „gerechteren Verteilung“ der Netzkosten?

Dass es zu keiner Ungleichbehandlung bei der Tragung der Netzkosten zwischen den unterschiedlichen Bundesländern und Netzebenen kommt. Denn das Urprinzip der gemeinsamen gleichverteilten Netzkostentragung muss auch mit der Veränderung unseres Energiesystems weiter erhalten bleiben. Das Netz ist öffentliches Eigentum und dient der Versorgungssicherheit für alle in Österreich. Es ist energiewirtschaftlich überholt, dass wie in der Vergangenheit große Erzeugungsanlagen, wie die Wasserkraft, nur auf der höchsten Netzebene einspeisen.

Durch die Energiewende werden große Wind- und PV-Erzeugungsanlagen zugebaut, die auf niedrigeren Netzebenen einspeisen. Und hier liegt das Problem, in der aktuell veralteten Netzkostenverteilung. Kosten auf niedrigen Netzebenen sind lokal von den Kunden zu zahlen und auf hohen Netzebenen sind sie von allen in Österreich zu zahlen. So zahlen beispielsweise spezifische Netzkosten für ein Wasserkraftwerk in Tirol die Burgenländer genauso mit, während für ein Windrad im Burgenland die Tiroler nicht mitzahlen. Das ist weder energiewirtschaftlich richtig noch gerecht.

Auf einen Durchbruch bei der Speicherung großer Strom-Mengen wartet man nicht nur im Burgenland. Welche der aktuell im Land erprobten Technologien ist vielversprechend?

Dass Strom, neben Wasserreservoirs, auch in Form von Batterien großvolumig speicherfähig ist, diese Frage ist beantwortet. Die aktuell marktreifste und kostengünstige Stromspeichertechnologie sind Lithium-Ionen-Speicher, die heute in Elektroautos und bei klassischen PV-Heimspeichern zum Einsatz kommen. Noch im abgelaufen Jahr 2025 haben wir im Burgenland auch den ersten großen Lithium-Ionen-Speicher geliefert bekommen.

Neue, innovative Speichertechnologien sind beispielsweise der organische Stromspeicher, wie wir ihn in Schattendorf in Erprobung haben, der Salzspeicher, den wir in Apetlon im Einsatz haben oder der Vanadiumspeicher, der in Güssing getestet wird.

Das burgenländische Klimaschutzgesetz und das „Projekt Tomorrow“ wurden prominent präsentiert. Wird das Ziel der bilanziellen Klimaneutralität und Energieunabhängigkeit bis 2030 gelingen?

Ich kann mich noch genau erinnern, als wäre es gestern: Als wir vor fünf Jahren dieses Ziel gemeinsam mit dem Land definiert haben, haben uns viele Medien, Experten und Wettbewerber kritisch beäugt. Heute findet sich dieses Ziel bei fast jedem Energieversorger. Ich sehe es persönlich als unsere Verantwortung – für die Menschen im Burgenland, Unternehmen, Gemeinden und für die nächste Generation – dieses Ziel gemeinsam zu erreichen.

Die Projekte zur Erreichung des gemeinsamen Ziels haben wir in den letzten Jahren mit viel Arbeit von Null weg entwickelt. Wenn wir das Tempo der letzten fünf Jahre halten, dann wird Burgenland 2030 eine der ersten energieunabhängigen und klimaneutralen Regionen der Welt sein. Dieser burgenländische Weg wird uns als Standort in die Poleposition bringen.

Hat die Photovoltaik auch 2026 Priorität – und wo steht die Windkraft in der Zukunft?

Unsere unabhängige und sichere Energieversorgung im Burgenland bauen wir auf drei Säulen auf: Windkraft, Photovoltaik und Stromspeicher. Jede dieser Säulen werden wir am Weg zur Erreichung einer sicheren und leistbaren Energieversorgung ausbauen müssen. Denn diese drei Säulen ergänzen sich optimal. Wind erzeugt vor allem im Herbst und Winter, Photovoltaik im Frühling und Sommer, Speicher gleichen die Schwankungen aus. Daher wird die Windkraft weiter eine wichtige Rolle spielen, neben dem Re-Powering sind neue Windanlagen im Mittelburgenland geplant.

Noch einmal zur Politik: Die Rücklagen waren im Landtag immer wieder Thema, vor allem mit Kritik seitens der Opposition. Wie sehen Sie das, wenn es heißt, man müsse Gewinne „für die Kunden verwenden“?

Es ist unser Anspruch, alles für unsere Kunden zu unternehmen, um sie mit sicherer, nachhaltiger und leistbarer Energie zu versorgen. Die Fakten sind, durch die Energiekrise mussten wir gerade unsere Vertriebsgesellschaft in den letzten Jahren massiv finanziell stützen. Gleichzeitig ist es uns rechtlich nicht erlaubt, Gewinne die wir im Gesamtkonzern erzielen, zur Stützung beziehungsweise zur Senkung von Energiepreisen im Vertrieb einzusetzen. Das wäre beispielsweise auch einer der Punkte gewesen, die man politisch im ELWG ändern hätte können.

Abschließend auch ein Blick ins neue Jahr: Welche großen Projekte und Vorhaben stehen 2026 auf dem Plan?

Das Jahr 2026 wird das Speicherjahr. Wir haben als Burgenland Energie 1997 mit dem ersten Windrad Geschichte geschrieben, 2022 mit dem ersten großen Photovoltaik-Park und 2026 werden wir in der Energieversorgung im Burgenland mit den ersten großen Stromspeichern Geschichte schreiben. Damit werden wir unser Gold – den Wind und die Sonne – speicherbar machen und einen entscheidenden Schritt in Richtung der Energiesicherheit Burgenlands, weg vom Ausland, setzen.