Kaufkraft im Neusiedler Bezirk hoch: „Theoretisch“

Wirtschaft

Die dynamische Bevölkerungsentwicklung im Neusiedler Bezirk und der bedeutende Tourismus schlagen sich positiv auf die Kaufkraft nieder.

Von Birgit Böhm-Ritter

Kaufkraft im Neusiedler Bezirk hoch: „Theoretisch“

© Birgit Böhm-Ritter

In regelmäßigen Abständen von drei bis vier Jahren gibt die Wirtschaftskammer Burgenland eine Kaufkraftanalyse in Auftrag. Die Detailergebnisse zeigen, dass der Neusiedler Bezirk im Land eine Sonderstellung einnimmt. Das Kaufkraft-Volumen (jene Geldmittel, die den Menschen für Einkauf im Einzelhandel zur Verfügung stehen) ist hier am stärksten gewachsen. Im Jahr 2022 betrug es rund 351 Millionen Euro. Seit 2009 ist die Kaufkraft damit um 47 Prozent gestiegen. „Das ist aber nur der theoretische Kuchen, der da wäre“, relativiert Studienleiter Georg Gumpinger, „die Inflation frisst Kaufkraft weg.“

Wohin fließt die vorhandene Kaufkraft aber nun? Das Burgenland liegt bei der sogenannten Kaufkraft-Eigenbindung im Ranking der Bundesländer an letzter Stelle. Nur 72,2 Prozent der Kaufkraft verbleibt im Land, der Wert sinkt seit 2009 stetig. Der Grund: In einem Umkreis von 60 Minuten gibt es viele Mitanbieter und die Bedeutung des Online-Handels nimmt rasant zu.

Im Bezirk Neusiedl am See war zuletzt allerdings ein gegensätzlicher Trend zu beobachten. Seit 2019 konnte gar an Kaufkraft-Eigenbindung dazu gewonnen werden. Das liege ausschließlich an der massiven Verkaufsflächenentwicklung rund um Parndorf seit 2019, so die Analyse. Von 351 Millionen Euro Gesamtvolumen bleiben trotzdem nicht mehr als zwei Drittel im Bezirk. Ein Detail am Rande: Die Bezirkshauptstadt selbst, mit einem Kaufkraft-Volumen von 59 Millionen Euro, folgt der landesweiten Entwicklung und verliert an Kaufkraft-Eigenbindung. Im speziellen Fall der Stadt Neusiedl am See spiele das neue Fachmarkzentrum in den Pado-Galerien Parndorf eine große Rolle.

Innerregionaler Wettbewerb Neusiedl - Parndorf

In Neusiedls Nachbargemeinde stieg die Kaufkraft-Eigenbindung dagegen in hohem Maße an. Gumpinger spricht von einem „innerregionalen Wettbewerb“. In solchen Fällen sei eine durchdachte Raumordnung gefragt: „Diese müsste strukturschädigende Effekte für Nachbargemeinden verhindern.“

Trotz der starken Konkurrenz in Parndorf, wo hinter Oberwart/Unterwart (113.000 Quadratmeter) mit 111.500 Quadratmeter landesweite die höchste Verkaufsfläche zu finden ist, sieht Gumpinger großes Potential in der Einkaufsstadt Neusiedl am See: „Die Innenstadt könnte eine ideale Flaniermeile sein, allerdings gibt es viele Lücken und Leerstände. Besonders auffallend ist die hohe Fluktuation an Mietern und die extrem unregelmäßigen Öffnungszeiten.“ Positiv nennt der Studienleiter den hohen Anteil an Fachgeschäften und die teilweise sehr gute Gastronomie. „Neusiedl am See wäre prädestiniert für ein spannendes, touristisches Angebot im Handel.“

Handel verlagert sich immer weiter an die Peripherie

Die Raumplanung sieht Gumpinger in Burgenland auch gefordert, wenn es darum geht, Orts- und Stadtkerne zu stärken. Bereits 2009 präsentierte sich der Einzelhandel im Burgenland dominiert von den Verkaufsflächen außerhalb des Kernbereiches. Mit 80 Prozent der Flächen in den Streu-und Peripherieanlagen der größten Handelsstandorte verfügte das Burgenland bereits zu diesem Zeitpunkt über den höchsten Wert aller Bundesländer Österreichs. Dieser Wert hat sich 2022 noch weiter erhöht, denn der Anteil an innerstädtischer Verkaufsflächen hat sich noch weiter reduziert auf nunmehr 12 Prozent. Somit findet in vielen Standorten der überwiegende Teil des Handels nicht mehr „innen“ statt. „Dabei sollte der Nahversorger dort sein, wo Menschen sind, nicht wo die Autos sind“, betont Gumpinger.

Für Andrea Gottweis, Obfrau des burgenländischen Handels ist die Raumplanung das wichtigste Mittel, um die Flächenentwicklung zu steuern. Die vom Land veröffentlichte Gesetzesnovelle, wonach Supermärkte nicht mehr in der Peropherie gebaut werden dürfen, komme viele Jahre zu spät. „Wir haben immer darauf hingewiesen, dass es Maßnahmen zur Stärkung der Ortskerne braucht.“