Wie sich die „Eiszeiten“ am Neusiedler See entwickeln

Klimaerwärmung

Wenn der heimische Steppensee über mehrere Tage hinweg zufriert, gehört das mittlerweile zu einem seltenen Naturereignis. Das war nicht immer so.

Von Von Birgit Böhm-Ritter

Eisläufer am Ufer in Neusiedl am See

Eisläufer am Ufer in Neusiedl am See

© Birgit Böhm-Ritter

Der Neusiedler See zeigt sich gerade von seiner winterlichen Seite. Seit Tagen ist der Steppensee zugefroren und bildet eine tragfähige Eisdecke. Rund um den 8. Jänner wagten sich die ersten Wintersportler auf das Eis und noch immer haben uns die Minusgrade fest im Griff. Gut für das Eis. Gut für das Event, für das die Vorbereitungen gerade auf Hochtouren laufen. In Neusiedl am See steht am 24. Jänner nämlich eine Eisdisco am Programm. „Das passiert nur alle 30 Jahre “, mit diesem Slogan bewerben die Veranstalter das Event. Tatsächlich ist es mittlerweile ein ungewöhnliches Ereignis geworden, dass Eislaufen am Neusiedler See über Wochen hinweg möglich ist.

Die Eiszeiten am Neusiedler See sind rückläufig. Die Eistage werden weniger. Diese Tatsache ist statistisch eindeutig mit der Klimaerwärmung in Verbindung zu bringen, wie Karl Maracek, Leiter des Referats Hydrografie im Amt der Burgenländischen Landesregierung, auf BVZ-Anfrage bestätigt. Die Tage, an denen die Temperatur unter den Gefrierpunkt fällt, werden in unseren Breiten immer weniger.

Aus einem Bericht von Thomas Zechmeister, dem Leiter der Biologischen Station in Illmitz, geht hervor, dass die Dauer der Eisbedeckung direkt mit den Veränderungen der Lufttemperatur korreliert. „Der stetige Anstieg der Lufttemperatur hat in den letzten Jahrzehnten zu einem Anstieg der durchschnittlichen Seetemperatur um 1,8 °C geführt, wodurch eine komplette Eisbildung immer seltener erfolgt“, heißt es.

Eine grafische Aufbereitung, die auf der Plattform des Hydrographischen Dienst Burgenland www.wasserportal.at zu finden ist, zeigt, dass es seit Aufzeichnungsbeginn 1965 sehr große Schwankungen der Dauer der Eisbedeckung gibt, die schon in den 1970er Jahren zwischen zwei Wochen und drei Monaten lagen. Im harten Winter 1995/96 war der Neusiedler See sogar über vier Monate gefroren.

Betrug die vollständige Eisbedeckung am Beginn der 2000er Jahren noch im Schnitt zwischen vier und acht Wochen, so liegt die Eisdauer in den letzten Jahren immer unter einer Woche. Im Winter 2021/2022 blieb jegliche Eisbildung sogar komplett aus. Dies war zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen an der Biologischen Station 1972 der Fall.

Die Eisdecken gehen weltweit zurück und dieser Trend ist auch am Neusiedler See zu beobachten und zu messen. Dass die wärmeren Durchschnittstemperaturen auch Auswirkungen auf Flora und Fauna haben, ist allgemein bekannt. Im Fall des Neusiedler Sees sind die Folgen der Klimaerwärmung vor allem im Sommer zu sehen.

„Je wärmer die Wassertemperatur, desto weniger Sauerstoffgehalt im Gewässer. Das ist für die Lebewesen im Wasser problematisch“, erklärt Karl Maracek, „nicht alle können sich diesen Bedingungen anpassen.“ Dramatisch war die Lage in den heißen Sommern 2022 und 2023, als der Wasserstand durch die hohe Verdunstung des Neusiedler Sees sehr gering war. Das Wasser wärmte sich dadurch noch schneller auf. „Die Fischarten reagieren auf solche veränderten Bedingungen unterschiedlich. Manche Fischbestände überlebten die warme Wassertemperatur und den geringeren Sauerstoffgehalt nicht“, erinnert sich der Hydrologe.

Momentan zeigt das Thermometer aber noch winterliche Temperaturen. Interessantes Detail über die „Eiszeit“ am Neusiedler See: Eisschübe helfen auf natürliche Weise dem Schilfmanagement. Karl Maracek vermutet sogar, dass Eisschübe ein Mitgrund sind, warum der Schilfgürtel am Ostufer viel dünner ist als am Westufer. „Das Eis geht meistens bei Nordwest-Stürmen auf und wird dann gegen das Ostufer beziehungsweise gegen das Schilf gedrückt und knickt die Halme.“

Noch präsentiert sich der Neusiedler See als eine der größten Natureisflächen Europas. Der „Disco am Eis“ dürfte am Samstag nichts im Wege stehen. Die Neusiedler Feuerwehr arbeitet bereits auf Hochdruck an der Eispräparierung. Aber Achtung: Eine offizielle Freigabe gibt es am Neusiedler See nie. Wer sich auf das Eis begibt, tut das stets auf eigene Gefahr.