Mit Ehrfurcht verspeist: Auf den Spuren einer Neusiedler Missionarin

Maria Wachtler

Maria Wachtler lebte 51 Jahre lang bei den Yanomami, einer indigenen Volksgruppe, im Regenwald Venezuelas. Die aus Neusiedl am See stammende Ordensschwester hinterließ dort bleibenden Eindruck. 2016 starb die mehrfach ausgezeichnete Don-Bosco-Schwester. Zwei Mitarbeiter der österreichschen Entwicklungsorganisation „Jugend Eine Welt“ begaben sich nun in Venezuela auf Wachtlers Spuren.

Von Von BVZ Redaktion

Sr. Maria Wachtler mit zwei Kindern des indigenen Volks der Yanomami

Sr. Maria Wachtler mit zwei Kindern des indigenen Volks der Yanomami

© Archiv FMA

Das Ende von Schwester Maria Wachtler war so außergewöhnlich wie ihr ganzes Leben. Sie ging bei den Yanomami ein in eine besondere Welt – in für westliche Denkmuster kaum vorstellbarer Weise.

Die österreichische Entwicklungsorganisation „Jugend Eine Welt“ unterstützt seit vielen Jahren unter aderem Projekte zur Wahrung der Rechte beziehungsweise zur Erhaltung des Lebensraums von indigenen Völkern. Wie zum Beispiel die Yanomami. Diese bilden das größte, relativ isoliert lebende indigene Volk Südamerikas. Sie leben im Regenwald und in den Bergen Nord-Brasiliens und Süd-Venezuelas.

Um laufende Projekte zu evaluieren waren Hannes Velik und Wolfgang Wedan von der Enwicklungsorganisation „Jugend Eine Welt“ in Venezuela unterwegs. Dabei ließen sie bei ihren Besuchen bei verschiedensten Einrichtungen auch immer wieder den Namen Maria Wachtler fallen. Sie wollten mehr über das Ableben der österreichischen Missionarin und Ordensfrau vor siebeneinhalb Jahren wissen. Denn es soll sich Besonderes zugetragen haben. Die Befragten konnten bruchstückhaft zu Leben und Beerdigung der Don-Bosco-Schwester beitragen. Das Puzzle verdichtete sich zu einem vagen Bild. In der Millionenstadt Barquisimeto konnte dann Sr. Margarita Hernandes, die Leiterin einer großen Schulanlage der Don Bosco Schwestern, die entscheidenden Hinweise geben. Sie hatte Sr. Maria Wachtler zu Lebzeiten selbst immer wieder getroffen, mit ihr auch am oberen Orinoco bei den Yanomami gearbeitet. Und war bestens über ihre „Himmelfahrt“ informiert, auch wenn sie selbst nicht dabei war, wie sie erzählt.

Von Neusiedl am See in den Regenwald Venezuelas

Die aus dem Burgenland stammende Missionarin Sr. Wachtler lebte 51 Jahre bei den Yanomami-Indigenen zwischen den Flüssen Orinoco und Rio Negro, im Grenzgebiet von Venezuela und Brasilien. 1935 in Westungarn geboren, zog sie später mit ihrer Familie nach Neusiedl am See. Als 16-Jährige trat Wachtler der Ordensgemeinschaft der Don Bosco Schwestern bei. Im Jahr 1965 wurde sie schließlich als Missionarin zu den Yanomami in den Regenwald von Venezuela entsandt.

Mit etwas über 30.000 bilden die Yanomami die größte indigene Volksgruppe im Amazonas-Gebiet. Seit dem Eindringen von Goldsuchern vor 50 Jahren ist deren Lebensraum dauerhaft gefährdet. Schwester Maria Wachtler konnte sich über die Jahre einen hervorragenden Ruf bei dem früher nomadisierenden Volk erarbeiten und ihr Vertrauen gänzlich gewinnen. Die Bewohner des Amazonas nahmen sie als eine der ihren an.

Mit Ehrfurcht verspeist: Auf den Spuren einer Neusiedler Missionarin

© Jugend Eine Welt

Schwester Wachtler errichtete in den weitläufigen Hochebenen gemeinsam mit weiteren Don Bosco Schwestern mehrere Gesundheitsstationen für eine medizinische Grundversorgung. Sie baute auch ein funktionierendes Unterrichtssystem auf, Schulen wurden errichtet. Laut Sr. Margarita Hernandez und auch „Jugend Eine Welt“-Geschäftsführer Reinhard Heiserer sei es ihr ein großes Anliegen gewesen, dass dieses Volk mit seinen Traditionen den modernen Einflüssen widerstehen kann. Die Ordensfrau beherrschte die Sprache der Yanomami und verfasste ein erstes Grammatikbuch in ihrer besonderen Sprache. In Österreich erhielt sie für ihre Verdienste den Romero-Preis, Venezuela widmete ihr eine eigene Briefmarke.

Eine Burgenländerin als Teil der Yanomami

Als ihre letzten Tage gekommen waren, hatte Wachtler längst vereinbart, wie sie aus dieser Welt gehen wollte. Halb-halb. Das bedeutete: halb nach katholischem Ritus, halb nach dem Totenritus, wie ihn Yanomami bei einer Stammesangehörigen durchführen. Schwester Wachtler wurde verbrannt und ihre Asche in Puerto Ayacucho, einer Stadt am Orinoco, beigesetzt. Ein Teil der Asche. Der andere wurde jedoch in ein kleines Boot mit Außenbordmotor verladen und mehrere Tagesreisen den Orinoco aufwärts gebracht. Gleich wie sie selbst den großen Fluss unzählige Male bereist hatte. Dort wurde die Asche den Yanomami übergeben.

Von überall her strömten die Mitglieder des großen indigenen Stammes zusammen, um ein großes, würdiges Eingehen der Seele von Maria Wachtler in ihre animistische Welt zu begehen. Dafür wurde eine Art Kompott gebraut, in das am Ende ihre Asche eingerührt wurde. Dann nahm ein jeder und eine jede Tausende feierlich einen Schluck davon. Und Maria Wachtler war Teil der Yanomami geworden. Die Burgenländerin lebt in ihnen fort.