Die große Leere nach dem tiefen Fall
ÖFB-Aus bei der Euro
Nach dem Gruppensieg setzt's im ersten K.O-Spiel zwei Tiefschläge - jeweils nach Standards. Die Türkei ist weiter, Österreich raus. Teamchef Rangnick: „Es fühlt sich unverdient an, dass wir im Flieger nach Hause sitzen...“
Ein Achtelfinal-Aus, das schmerzt: Marcel Sabitzer und seine Kollegen müssen nach furioser Vorrunde heimfahren.
© dpa/Sebastian Christoph Gollnow, Sebastian Christoph Gollnow
„Da ist momentan nur Enttäuschung, nur Leere. Wir haben eine Euphorie entfacht, daran geglaubt, dass viel möglich ist bei dieser Euro!“ Max Wöber spricht aus, was Fußball-Österreich fühlt. Jenes Team, das Rot-Weiß-Rot in den ersten EM-Tagen so begeistert hat, muss die Koffer packen.
„Es fühlt sich grotesk an, surreal“, gibt auch Teamchef Ralf Rangnick Einblick in seine Gefühlswelt. „Es ist nicht jene Mannschaft weitergekommen, die den besseren Fußball gespielt hat. Aber darum geht's auch nicht im Play-off. Der Vorwurf, den wir uns machen müssen, ist, dass wir unsere zahlreichen Chancen nicht genutzt haben.“
Der doppelte Standard-Sargnargel
Der Erfolgslauf von Österreichs Fußball-Nationalteam bei der EM in Deutschland ist im Achtelfinale jäh zu Ende gegangen. Die favorisierte ÖFB-Auswahl musste sich der Türkei am Dienstagabend in Leipzig nach frühem Rückstand mit 1:2 (0:1) geschlagen geben.
Verteidiger Merih Demiral brachte die Türken mit zwei Toren in Front (1., 59.), den Österreichern gelang durch den eingewechselten Michael Gregoritsch nur noch der Anschlusstreffer (66.). Rangnick: „Leider haben wir zweimal Standards nicht gut verteidigt.“
Wir haben alles versucht, die Türkei hat leidenschaftlich und aufopferungsvoll verteidigt Michael Gregoritsch
„So auszuscheiden ist brutal“, seufzt Marko Arnautovic. Der Sturmroutinier gratuliert aber auch dem Gegner: „Sie haben 95 Minuten ihr Leben auf dem Platz gelassen.“
Wie bei der EM vor drei Jahren scheiterte Österreich in der ersten K.o.-Runde. Damals war mit einem 1:2 nach Verlängerung gegen den späteren Europameister Italien das Aus gekommen.
Diesmal hatte der Gruppensieg die Hoffnungen befeuert, erstmals seit der WM 1954 - also seit sieben Jahrzehnten (!) - ein K.o.-Spiel bei einer Endrunde gewinnen und im Turnier noch weiter vordringen zu können. Statt des ÖFB-Teams darf sich nun aber die Türkei am Samstag im Viertelfinale in Berlin mit den Niederlanden messen.
Wieder neues Gespann im Abwehrzentrum
Österreichs Teamchef Ralf Rangnick setzte vor 40.000 Zuschauern in seiner alten Wahlheimat Leipzig auf die erwartete Formation. Phillipp Mwene erhielt links in der Abwehr den Vorzug gegenüber Alexander Prass. Dazu begann in der Offensive der im abschließenden Gruppenspiel gegen die Niederlande (3:2) überzeugende Romano Schmid. Konrad Laimer rückte dadurch ins Mittelfeldzentrum zurück und der Grafenbacher Florian Grillitsch aus der Startelf.
Kevin Danso und der Lilienfelder Philipp Lienhart bildeten im vierten Turnierspiel das vierte unterschiedliche ÖFB-Innenverteidiger-Duo. Als Mittelstürmer startete wie in den beiden vergangenen Partien Kapitän Marko Arnautovic.
Bei den Türken fehlte unter anderen Kapitän Hakan Calhanoglu gesperrt. Benfica Lissabons Orkun Kökcü ersetzte den Inter-Mailand-Legionär, Real-Madrid-Jungstar Arda Güler agierte im Angriffszentrum.
Die Türkei schreibt EM-Geschichte
Das Spiel begann mit einem Paukenschlag: Nach einem Güler-Corner traf Christoph Baumgartner mit einem Klärungsversuch seinen Teamkollegen Stefan Posch. ÖFB-Goalie Patrick Pentz griff zwar auf der Linie noch ein, den Abpraller versenkte Demiral aber im oberen Tornetz. Ein bitteres Billardtor aus Sicht der Österreicher. Da waren gerade einmal 57 Sekunden gespielt.
Es war das schnellste Tor der EM-Geschichte in einem K.o.-Spiel. Das ÖFB-Team hatte seit Oktober 1965 kein so frühes Gegentor erhalten. Damals traf Jürgen Nöldner in der WM-Qualifikation in der ersten Minute für die DDR zu einem 1:0-Sieg - kurioserweise ebenfalls in Leipzig.
Österreich hätte um ein Haar zurückgeschlagen, Baumgartners Schuss ging aber knapp daneben (2.). Zudem verfehlte Österreichs auffälligster Offensivspieler einen flach zur Mitte gebrachten Eckball von Schmid am langen Eck knapp (5.). Ein Kopfball von Freiburg-Legionär Lienhart ging knapp über das Tor (7.).
Österreich tat sich in weiterer Folge gegen die tief stehenden und früh auf Zeit spielenden Türken schwer, war nicht mehr so zwingend. Baumgartner tauchte erst in der Nachspielzeit der ersten Hälfte wieder gefährlich vor dem Tor auf.
Wechsel bringen Schwung
Rangnick reagierte, brachte bereits zur Pause Prass für Mwene und mit Gregoritsch statt Schmid einen zweiten Stürmer. Das ÖFB-Team erhöhte bei zunehmendem Regen die Schlagzahl. Nach Zuspiel von Posch scheiterte Arnautovic mit einer Großchance an Türkei-Goalie Mert Günok (51.). Auch Laimer (54.) und Posch (56.) wurden mit Einzelaktionen im Strafraum vorstellig.
Das Tor fiel auf der anderen Seite: Demiral setzte sich nach einem weiteren Corner von Güler am kurzen Eck im Luftduell mit Lienhart durch und versetzte die türkischen Fans per Kopf in Ekstase. Der 26-jährige Verteidiger vom saudischen Club Al-Ahli verdoppelte in seinem 48. Länderspiel seine bisherige Torausbeute im Nationalteam.
Gregoritsch weckt die Hoffnung
Rangnick schickte Maximilian Wöber für Lienhart und Grillitsch für den offensichtlich verletzten Laimer in die Partie. Sein Team schöpfte durch Gregoritsch Hoffnung. Einen Eckball des bis dahin nur mit neuer Cornrow-Frisur aufgefallenen Marcel Sabitzer verlängerte Posch, Österreichs "Joker" jagte den Ball unter die Latte. Gregoritsch hat nun als einer von nur drei Österreichern neben Baumgartner und Arnautovic bei zwei EM-Endrunden getroffen. Er sorgte dafür, dass der ÖFB-Auswahl in 20 der vergangenen 21 Partien immer zumindest ein Tor gelang.
Die Türken schafften nur noch wenig Entlastung. Ein Grillitsch-Schuss ging zu zentral auf das Tor (76.), ein Baumgartner-Kopfball nach Posch-Flanke relativ klar daneben (84.). Dazwischen war Sabitzer von einer von der Tribüne geworfenen Münze auf dem Kopf getroffen worden, er spielte aber weiter.
Das ist einer der traurigsten Tage in meinem Leben. Die Enttäuschung ist einfach nur riesengroß. Es wäre soviel drin gewesen Christoph Baumgartner

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Nachdem Pentz tief in der Nachspielzeit den Matchball von Baris Alper Yilmaz pariert hatte, entschärfte Mert Günök mit einer Glanzparade auf der Gegenseite auch die beste Ausgleichschance des ÖFB-Teams, einen Kopfball von Baumgartner.
„Wenn ich den Ball zehnmal krieg, würde ich ihn immer so köpfeln. Den hat er einfach überragend gehalten“, gesteht der Waldviertler.Die Österreicher haben damit weiter seit mehr als 35 Jahren kein Pflichtspiel gegen die Türkei gewonnen. In einem Test im März in Wien hatte die Rangnick-Auswahl das vom Italiener Vincenzo Montella betreute Team noch mit 6:1 abgefertigt.
Enttäuschung pur beim Kapitän
„Was hängen bleibt ist, dass wir alles versucht haben, und es an diesem Abend nicht gereicht hat“, sagt Torschütze Gregoritsch. „So vereint hinter einem Team ist das Land noch nicht gestanden. Wir können aufeinander stolz sein. Das ist die Botschaft, die wir alle mitnehmen können.“
Arnautovic will sich jetzt Zeit nehmen für die Familie, die Akkus aufladen: „Ich weiß nicht, ob es das jetzt war. Mal schauen, ob ich in den nächsten Tagen zu mir komme...“

© APA/dpa/Robert Michael, Robert Michael
"Die ganze Mannschaft hat großartig gespielt. Ich bin sehr glücklich und sehr stolz. Der türkische Doppeltorschütze Merih Demiral
Statistik
Österreich - Türkei 1:2 (0:1)
Tore: 0:1 (1.) Demiral, 0:2 (59.) Demiral, 1:2 (66.) Gregoritsch.
Österreich: Pentz – Posch, Danso, Lienhart (65./Wöber), Mwene (46./Prass) – Seiwald, Laimer (65./Grillitsch) – Schmid (46./Gregoritsch), Baumgartner, Sabitzer – Arnautovic
Türkei: Günok – Müldür, Bardakci, Demiral, Kadioglu – Yüksek (58./Özcan), Ayhan – Yilmaz, Kökcü (83./Kahveci), Yildiz (78./Aktürkoglu) – Güler (78./Yokuslu)