Zehn Jahre danach: Erinnerung an 71 tote Flüchtlinge

Parndorf

Am 27. August 2015 wurden auf der Ostautobahn bei Parndorf 71 Flüchtlinge tot in einem Kühl-Lkw entdeckt. Das Drama gilt bis heute als Symbol für das Leid auf der Flucht und für die Brutalität der Schlepperkriminalität. Zum zehnten Jahrestag steht das Gedenken an die Opfer im Mittelpunkt – begleitet von Kunst, Politik und stiller Erinnerung.

Von Von Birgit Böhm-Ritter

Der ehemalige LKA-Leiter Oberst Ernst Schuh mit Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, Burgkoordinator Norbert Darabos, Christian Rosenich vom Landeskriminalamt Burgenland und Bürgermeister Markus Szelinger bei der Memory Box auf der Friedensburg Schlaining.

Der ehemalige LKA-Leiter Oberst Ernst Schuh mit Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, Burgkoordinator Norbert Darabos, Christian Rosenich vom Landeskriminalamt Burgenland und Bürgermeister Markus Szelinger bei der Memory Box auf der Friedensburg Schlaining.

© Landesmedienservice, DANIEL FENZ

Mohamad, Seineb, Zahra, Ali, Youssef, Ayman. Es sind Namen von Menschen, die am 26. August 2015 ihr Leben verloren. Gemeinsam mit 65 weiteren Frauen, Männern und Kindern starben sie in einem luftdicht verschlossenen Kühltransporter, der in einer Pannenbucht an der A4 bei Parndorf abgestellt war. Der Lastwagen wurde am nächsten Tag von einem Mitarbeiter der Autobahngesellschaft Asfinag entdeckt. Im Laderaum bot sich den Ermittlern ein Bild des Grauens: 71 Menschen hatten auf engstem Raum um Luft gerungen – vergeblich.

Die Tragödie von Parndorf

Unter den Toten befanden sich 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder. Drei Familien waren unter den Opfern. Sie stammten aus Afghanistan, Syrien, dem Irak und dem Iran. Laut Ermittlungen hätten die Flüchtlinge höchstens drei Stunden in dem verschlossenen Laderaum überleben können. Tatsächlich starben sie bereits in Ungarn, bevor das Fahrzeug österreichisches Staatsgebiet erreichte.

Die Bergung dauerte Tage, die Identifizierung Monate. Bis heute blieb eine Person namenlos. Die meisten Verstorbenen wurden in ihren Herkunftsländern beerdigt. Andere fanden ihre letzte Ruhestätte in Wien, wo am Zentralfriedhof ein kleiner Gedenkstein an sie erinnert. Er wird von der Gemeinde Parndorf gepflegt, die auch die Bestattungskosten übernahm.

Prozess in Ungarn

Da die Flüchtlinge auf ungarischem Staatsgebiet ums Leben kamen, führten ungarische Behörden das Verfahren. In Kecskemét, wo der Lastwagen gestartet war, standen ab 2017 insgesamt 14 Männer vor Gericht. Zehn von ihnen erhielten Freiheitsstrafen zwischen vier und acht Jahren. Die vier Haupttäter wurden zunächst zu 25 Jahren Haft verurteilt, ein Jahr später im Berufungsverfahren zu lebenslangen Strafen.

Die Richter stellten klar, dass die Angeklagten bewusst gehandelt hatten. Sie wussten, dass die Menschen im Laderaum ersticken konnten und dass der Kühltransporter von innen nicht zu öffnen war. Dennoch ließen sie das Fahrzeug auf der Flucht vor den Behörden unbewacht stehen. Ihr eigenes Untertauchen war ihnen wichtiger als das Leben der 71 Menschen.

Erinnerung und Verantwortung

Zehn Jahre später steht das Gedenken im Mittelpunkt. Die Kunstinstallation „MEMORY BOX 71“ des Künstlers Michael Kos zeigt den Laderaum des Kühlwagens in Originalgröße. Auf den Wänden sind die Vornamen der Opfer zu lesen. „Die Enge des Raums und die Namen machen das Ausmaß der Tragödie für die Besucher spürbar“, sagte Landeshauptmann Hans Peter Doskozil bei der Übergabe des Werks an seinen neuen Standort in der Friedensburg Schlaining.

Seit seiner ersten Präsentation im Museum Moderner Kunst Kärnten 2020/21 war das Werk an verschiedenen Orten in Österreich zu sehen. Nun ist es in Schlaining dauerhaft zugänglich. Für Doskozil ist es ein „würdiges Umfeld für das Andenken der Opfer“.

Auch die burgenländische Kulturszene setzte Zeichen der Erinnerung. Der Autor und Regisseur Peter Wagner brachte 2017 das Theaterstück „71 oder Der Fluch der Primzahl“ auf die Bühne. Es basiert auf Texten von 21 burgenländischen Autorinnen und Autoren sowie Interviews mit Beteiligten. Die Uraufführung fand in Parndorf statt, danach tourte das Stück durch Österreich.

Politische Vertreterinnen und Vertreter gedachten am Jahrestag ebenfalls. Margit Paul-Kientzl, Landtagsabgeordnete der Grünen und Bezirkssprecherin von Neusiedl, legte Blumen an jener Stelle nieder, an der der Lastwagen entdeckt wurde. „Wir gedenken heute der 71 Menschen, die vor genau zehn Jahren auf ihrer Flucht qualvoll ums Leben gekommen sind. Diese Tragödie muss uns stets daran erinnern, dass es bei der Flüchtlingspolitik um Menschenleben geht – und nicht um Zahlen in Statistiken“, sagte sie.

Zehn Jahre danach: Erinnerung an 71 tote Flüchtlinge

© Grüne Burgenland

Paul-Kientzl betonte, dass es in der Asylpolitik sowohl Menschlichkeit als auch Ordnung brauche: eine solidarische Migrationspolitik innerhalb der Europäischen Union und die Sicherung der Außengrenzen. „Tragödien wie diese dürfen sich schlichtweg nicht mehr wiederholen“, erklärte die Politikerin.