„E-Mobilität gelingt nur gemeinsam – wir sind Teil der Lösung“

Paul Blaguss im Gespräch

An der Wiener Stadteinfahrt steht mit dem Blaguss-Schriftzug an der Südautobahn auch ein Stück Burgenland. Beim Besuch in der Firmenzentrale sprachen wir mit Geschäftsführer Paul Blaguss über die mobile Zukunft und aktuelle Herausforderungen.

Von Wolfgang Millendorfer

„E-Mobilität gelingt nur gemeinsam – wir sind Teil der Lösung“

© Wolfgang Millendorfer

BVZ: Mit den ersten Elektro-Reisebussen zeigt Blaguss seit Kurzem, wohin die Reise künftig gehen soll. Wie zufrieden sind Sie mit den bisherigen Erfahrungen?

Paul Blaguss:Sehr zufrieden, die Ergebnisse der ersten Monate sind noch besser als erwartet. Wir schaffen Reichweiten von 500 Kilometern, teilweise sogar mehr. Damit lassen sich viele Einsatzgebiete bereits heute problemlos elektrisch abdecken. Die Technologie ist schon sehr weit, und sie entwickelt sich rasant.

Wo genau kann man mit Blaguss bereits elektrisch fahren?

Wir setzen die neuen Busse bei Stadtrundfahrten in Wien, im Eventverkehr und mittlerweile auch auf der Linie Wien–Bratislava ein. Da schaffen die Busse zwei bis drei Umläufe, ohne zwischendurch laden zu müssen. Die Elektromobilität im Reisebus-Bereich ist also tatsächlich längst im Alltag angekommen.

Ist das der Beginn einer größeren Umstellung?

Wir analysieren laufend zusätzliche Einsatzmöglichkeiten. Der Ausbau wird definitiv weitergehen.

Und auch hohe Investitionskosten schrecken Sie nicht ab?

Natürlich kostet ein Elektrobus derzeit deutlich mehr als ein vergleichbares Dieselfahrzeug. Je nach Modell sprechen wir von einem Aufpreis von 70 bis 80 Prozent. Trotzdem sind wir überzeugt, dass sich diese Investitionen langfristig rechnen werden. Die Wartungskosten sind geringer, die Energiekosten besser kalkulierbar und zugleich machen wir uns unabhängiger von den starken Preis-Schwankungen am Dieselmarkt.

Ist Elektromobilität für Blaguss ein wirtschaftliches Projekt oder vor allem ein Nachhaltigkeitsprojekt?

Man kann sagen, beides! Wir investieren nicht nur, weil es Förderungen gibt, sondern vor allem deshalb, weil wir überzeugt sind, dass das die Zukunft ist. Die Vorteile überwiegen ganz klar: Elektromobilität ist effizienter, emissionsärmer und bietet gerade im urbanen Raum und im Tourismus enorme Chancen.

Welche Vorteile sehen Sie im täglichen Gebrauch?

Man denkt zuerst an die CO₂-Reduktion, und das ist natürlich wichtig! Genauso gibt es ganz praktische Vorteile: Unsere Gäste im Tourismusbereich erwarten sich beispielsweise einen angenehm temperierten Bus. Im Elektrobus können wir Standheizung und Standklimatisierung nutzen, ohne Emissionen zu verursachen.

Die besten Elektrobusse brauchen aber ebenso die beste Lade-Infrastruktur.

In der Energieversorgung liegt auch die eigentliche Herausforderung. Deshalb investieren wir einen zweistelligen Millionenbetrag in Lade-Infrastruktur, Batteriespeicher und Photovoltaik. Denn das Spannende ist heute nicht mehr der Bus allein, sondern das Zusammenspiel aller Systeme.

Und für Ihre Anwendungsgebiete bedeutet das ...?

Wir produzieren Strom mit Photovoltaik, speichern Energie und laden unsere Fahrzeuge möglichst dann, wenn es wirtschaftlich sinnvoll ist. Dahinter steckt ein komplexes Energiemanagement. Genau dort wird künftig ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung entstehen. Analysen haben gezeigt, dass wir theoretisch schon heute 90 Prozent unserer Fahrten elektrisch bewerkstelligen könnten.

Bei längeren internationalen Verbindungen fehlt teilweise noch die notwendige Infrastruktur entlang der Strecken. Aber auch das wird sich in den kommenden Jahren sehr rasch verbessern. Und: Die Systeme werden immer intelligenter. Sie unterstützen uns bei der Einsatzplanung, beim Lademanagement und bei der Optimierung des Energieverbrauchs. Da stehen wir noch lange nicht am Ende der Entwicklung.

Warum sind Sie sich so sicher, dass die Rechnung aufgehen wird?

Weil die Vorteile langfristig überwiegen werden. Ob alle politischen Ziele exakt zu den vorgesehenen Zeitpunkten erreicht werden, kann ich nicht beurteilen. Aber die Richtung ist eindeutig, die Mobilität der Zukunft wird vollelektrisch sein.

Gilt das auch für den ländlichen Raum, also konkret: für das Burgenland?

Vielleicht etwas langsamer als in den Städten, aber auch dort wird diese Entwicklung stattfinden. Das Burgenland hat ja mehrfach gezeigt, dass es bei Zukunftsthemen eine Vorreiterrolle übernehmen kann. Und auch wir sehen großes Potenzial für gemeinsame Projekte. Als Unternehmen mit starken burgenländischen Wurzeln sind wir selbstverständlich bereit, diesen Weg mitzugehen.

Trotzdem sind die privaten Unternehmen wenig begeistert, dass das Land mit den Verkehrsbetrieben vieles selbst in die Hand genommen hat.

Das Land Burgenland hat sich entschieden, den öffentlichen Verkehr stärker selbst zu organisieren; das steht einer finanzierenden Stelle auch zu. Das ist eine politische Entscheidung, die man respektieren muss. Entscheidend ist, dass am Ende ein gutes Angebot entsteht. In den Regionen hat das Land ja bereits Partnerschaften mit den führenden Unternehmen: mit Postbus im Nordburgenland, mit Dr. Richard im Süden, und im Mittelburgenland mit Blaguss.

Auf die Konkurrenzsituation weist aber zum Beispiel die Wirtschaftskammer hin. Kritik, die Sie teilen?

Ich glaube, man sollte nicht in Kategorien wie „Gewinner und Verlierer“ denken. Wir sind auf jeden Fall nicht der Gegner. Wir sind Teil der Lösung. Das Land Burgenland weiß genau, dass private Unternehmen über viel Erfahrung, Innovationskraft und Know-how verfügen. Dieses Wissen sollte genutzt werden, damit wir gemeinsam zu den besten Ergebnissen kommt. Wie gesagt, geht es letztlich um die Interessen der Fahrgäste. Wir sehen da durchaus eine Offenheit für neue Ideen. Gerade bei Zukunftsthemen wie Elektromobilität wird man voneinander lernen müssen.

Die Geschichte von Blaguss hat im Mittelburgenland begonnen, jetzt sitzen Sie in Wien und sind international unterwegs. Wohin führt der Weg?

Wir können stolz darauf sein, wie sich ein regionales Unternehmen zu einem internationalen Mobilitäts- und Tourismusdienstleister entwickelt hat. Heute verfügen wir über rund 600 Großbusse, mehr als 200 weitere Fahrzeuge und sind in mehreren Ländern aktiv. Der Tourismus ist als einer der bedeutendsten Wirtschaftsfaktoren Österreichs ein besonderer Bereich, in dem wir immer neue Angebote entwickeln wollen. Denn die Mobilität an sich und der Tourismus wachsen immer stärker zusammen.

Für Reisebüros hat der Krisenmodus der vergangenen Jahre aber auch Dämpfer gebracht.

An Krisen haben wir uns in den vergangegen sechs Jahren besonders gewöhnt. Alle mussten viel dazulernen, und mit dieser Volatilität müssen wir wohl leben. Eine Entwicklung ist zum Beispiel, dass Österreich in der Energie eigene Wege gehen will. Auch hier hat das Burgenland schon früh begonnen. Und im Tourismus muss man immer daran denken, dass wir mit Europa und seiner Kultur ein Juwel haben. Wirtschaftlich braucht es den Turnaround, da kann und wird die Energiefrage auch eine Rolle spielen.

Stichwort Tourismus: Die Blaguss-Gruppe ist federführend am Donauturm beteiligt. Wie wollen Sie sich damit künftig positionieren?

Als eines der Wahrzeichen Wiens ist der Donauturm ein spannendes, ein cooles Projekt. Wir setzen laufend neue Akzente, etwa mit der Rutsche in 165 Metern Höhe oder mit Virtual-Reality-Erlebnissen. So wie in der Mobilität muss man auch ein solches Wahrzeichen immer wieder neu aufladen.

Abschließend noch ein letzter Blick in die Zukunft: Wie wird die Mobilität in zehn Jahren aussehen?

Elektrischer, digitaler und intelligenter. Vielleicht werden auch autonome Lösungen eine große Rolle spielen. Sicher bin ich mir aber bei einem Punkt: Der Bus wird weiterhin ein zentraler Bestandteil der Mobilität bleiben.

Was spricht für den Bus?

Er ist flexibel, kann viele Menschen gleichzeitig transportieren und wird künftig emissionsfrei unterwegs sein. Wenn dieser Schritt endgültig gelingt, dann wird der Bus eines der attraktivsten Verkehrsmittel überhaupt sein.

Im Burgenland in den 1920er-Jahren gegründet, ist Blaguss heute einer der größten Player im Nah- und Fern-Reiseverkehr mit Fahrten in ganz Europa. Das Familienunternehmen mit Zentrale in Wien, Sitz in Oberpullendorf sowie Töchtern in der Slowakei und Ungarn wird von Paul und Thomas Blaguss geführt.

Neben Linienbussen und touristischen Fahrten ist Blaguss zudem immer wieder bei Großevents zentral im Einsatz, wie etwa kürzlich als Mobilitätspartner des Eurovisions Song Contest oder bei Fußball-Events wie der Euro 2008.

Die Flotte umfasst rund 600 Großbusse und 200 kleinere und spezielle Fahrzeuge. Seit vielen Jahren befasst sich die Firma Blaguss mit Innovationen im Bereich E-Mobilität und erneuerbarer Energie.

In den vergangenen beiden Jahren investierte Blaguss einen zweistelligen Millionenbetrag in den Ausbau von Elektromobilität. Seit Kurzem sind zwölf batterie-elektrische Busse im Reiseverkehr im Einsatz. Das langfristige Ziel: eine vollständig emissionsfreie Mobilität.
Infos zum Unternehmen auf blaguss.com