Dirk Stermann: Zwischen Bühne und „Republik der Irren“

Portrait und Talk

Dirk Stermann ist so etwas wie ein Spezialfall des deutschsprachigen Humors: ein Deutscher, der in Wien heimisch wurde, ein Kabarettist mit kritischer Ironie und überraschender Perspektive. Geboren 1965 in Duisburg, lebt er seit fast vier Jahrzehnten in Österreich, lange genug, um die Eigenheiten des Landes nicht nur zu kennen, sondern sie mit Lust auseinanderzunehmen. Am Freitag stellte er in der „moq ART NOW-Galerie“ in Neusiedl am See sein neuestes Buch „Die Republik der Irren“ vor.

Von Nina Mayer

Nina Mayer besuchte die Lesung von Dirk Stermann in der „moq ART NOW“-Galerie in Neusiedl am See und stellte ihm Fragen zu seinem neuesten Buch „Die Republik der Irren“.

Nina Mayer besuchte die Lesung von Dirk Stermann in der „moq ART NOW“-Galerie in Neusiedl am See und stellte ihm Fragen zu seinem neuesten Buch „Die Republik der Irren“.

© Nina Mayer

Dirk Stermanns Karriere begann beim Radio, wo er gemeinsam mit Christoph Grissemann rasch Kultstatus erreichte. Sendungen wie „Salon Helga“ oder „Radio Blume“ waren keine bloßen Unterhaltungsformate, sondern Experimentierfelder für Sprachwitz und gezielte Grenzüberschreitungen. Später wurde aus dem Duo ein Fixpunkt des Fernsehens: „Willkommen Österreich“ ist längst mehr als eine Late-Night-Show. Es ist eine Bühne, auf der Gegenwart in oft bissigen Humor übersetzt wird.

Was Stermann dabei besonders macht, ist sein Ton. Er drängt sich nicht auf, er arbeitet nicht mit Lautstärke. Seine Pointen kommen oft fast beiläufig und treffen gerade deshalb. Es ist ein Humor, der nicht sofort auf Lacher zielt, sondern auf das kurze Zögern davor. Denn hinter der Komik steckt fast immer ein präziser Blick auf gesellschaftliche Eigenheiten und politische Absurditäten.

Vielleicht liegt genau darin die Stärke seiner Außenseiterposition. Als Deutscher in Österreich spielt Stermann seit jeher mit Zuschreibungen und Klischees. Er nimmt das Bild des „Piefke“ auf, um es zugleich zu unterlaufen. In seinem Roman „Sechs Österreicher unter den ersten fünf“ hat er diese ironische „Entpiefkenisierung“ literarisch festgehalten – als kluge, selbstreflexive Annäherung an die Frage, wie Zugehörigkeit überhaupt entsteht.

Doch Stermann ist längst mehr als ein Fernsehgesicht. In den vergangenen Jahren hat er sich zunehmend als Schriftsteller profiliert. Seine Bücher verbinden historische Stoffe mit einem klaren Blick auf die Gegenwart. Ihn interessiert weniger das bloße Nacherzählen von Geschichte als deren Echo im Heute. Mit Provokation arbeitet er bewusst, um Reaktionen zu erzielen.

Mit seinem aktuellen Roman „Die Republik der Irren“ treibt er dieses Spiel auf die Spitze. Ausgangspunkt ist eine reale, beinahe unglaubliche Episode: 1919 reißt der italienische Dichter Gabriele D’Annunzio in der Hafenstadt Fiume die Macht an sich und errichtet eine eigene Republik.

Es ist ein politisches Experiment zwischen Größenwahn, Inszenierung und früher autoritärer Ideologie. Stermann macht daraus keinen klassischen Historienroman, sondern eine klug konstruierte, oft überraschend komische Erzählung.

Der entscheidende Kniff: Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines jungen Krankenpflegers, der einen Patienten begleitet, der in dieser Republik plötzlich Minister werden soll, ausgerechnet ein Mann mit mörderischer Vergangenheit. Was zunächst absurd wirkt, entfaltet schnell eine eigentümliche Logik. Der Wahnsinn erscheint nicht als Ausnahme, sondern als Strukturprinzip. Und genau darin liegt die leise, aber nachhaltige Wirkung des Romans.

Auch auf der Bühne bleibt Stermann dieser Linie treu. In seinem Soloprogramm „20 Spritzer bis Amstetten“ verbindet er klassische Kabarettpointen mit einer fast melancholischen Selbstbetrachtung. Er gibt den alternden Entertainer, der zwischen Anspruch und Erwartung schwankt und macht daraus große Unterhaltung. Selbstironie ist bei ihm kein Stilmittel, sondern eine Haltung.

Dirk Stermann bewegt sich damit souverän zwischen Literatur, Fernsehen und Bühne. Er ist ein genauer Beobachter, ein feiner Erzähler und ein Kabarettist, der das Lachen ernst nimmt. Vielleicht ist es gerade diese Mischung, die ihn so besonders macht: dass er das Absurde nicht überzeichnet, sondern sichtbar macht.

Manchmal genügt genau das, um die Wirklichkeit ein wenig klarer zu sehen.

Nina Mayer: Wie nutzen Sie die historische Figur Gabriele D’Annunzio, um Parallelen zu heutigen politischen Führungsfiguren sichtbar zu machen?

Dirk Stermann: D'Annunzio war ein Verführer. Jemand, der narzisstisch war und sich pudelwohl fühlte beim Verführen. Das Inhaltliche war ihm eigentlich nicht so wichtig. Wichtig war es ihm, die Masse zu verführen, aus beinahe schon erotischen Beweggründen. Und Verführung spielt auch heute noch eine große Rolle. Auch Trump würde in sich zusammenfallen, schenkte man ihm nicht andauernd Aufmerksamkeit, denn nur darum geht es ihm. Um sich und viel weniger um eine politische Agenda.

Nina Mayer: Inwiefern ist die „Republik“ im Roman eher ein politisches Experiment als ein Staat und was sagt das über die Fragilität von Ordnungssystemen?

Dirk Stermann: Fiume (heute: Rijeka) war ein Experiment, auch wenn sie sich eine sehr moderne Verfassung gegeben haben, mit teilweise sehr fortschrittlichen Ideen. Aber letztlich war Fiume mehr ein Theaterstück, eine Inszenierung und der Völkerbund beziehungsweise die Staaten ließen sie eine Zeit lang Republik spielen, bis dem Ganzen mit Kanonen ein Ende gemacht wurde.

Nina Mayer: Welche Funktion erfüllt die Perspektive des Krankenpflegers für die Wahrnehmung von Macht und Wahnsinn?

Dirk Stermann: Cherubino, der Erzähler, ist Krankenpfleger in einer Irrenanstalt und sieht deswegen natürlich in den handelnden Figuren Fiumes schneller Parallelen zu seinen Patienten. In Fiume herrschte eine Art Hysterie und Hysterie ist einem Pfleger in Nervenkliniken sehr vertraut.

Nina Mayer: Warum wirkt die Idee, „Irre“ in politische Ämter zu setzen, gleichzeitig absurd und erschreckend plausibel?

Dirk Stermann: In den Vereinigten Staaten hat man tatsächlich das Gefühl, dass es verblüffend viele verhaltensauffällige Minister gibt, gegen welche die Irren in meinem Roman fast harmlose Durchschnittstypen sind.

Der amerikanische Verteidigungsminister hat bei einer Veranstaltung mit einer Axt auf amerikanische Militärmusiker geworfen, der Gesundheitsminister bremste sein Auto, um einem toten Waschbären den Penis abzuschneiden und mit nach Hause zu nehmen, was seine Familie fassungslos mitansehen musste. Wer will so jemanden an der Spitze eines Staates? In der Regel eitle Menschen. In der Geschichte haben wir immer wieder gesehen, dass sich manchmal Eitelkeit und Wahnsinn gepaart haben.

Nina Mayer: Welche Rolle spielen Inszenierung, Rituale und Symbolik in der Machtausübung D’Annunzios und wo begegnen uns ähnliche Mechanismen heute?

Dirk Stermann: D'Annunzio ist der "Erfinder" des römischen Grußes, des erhobenen rechten Armes, als Symbol einer Gemeinschaft. Die roten Maga-Kappen der Trump-Anhänger bedienen ein ähnliches Wir-Gefühl. In Fiume wurde alles von Symbolik und dauernder Aufgeregtheit überdeckt und auch die FPÖ versucht mit Fahnenschwingen und der John-Otti-Band ein Wir-Gefühl in einem Spektakel zu erzeugen. Vielleicht haben alle von der katholischen Kirche gelernt, was Inszenierungen betrifft.

Nina Mayer: Ist die Republik von Fiume im Roman eher als Vorläufer faschistischer Systeme oder als anarchisches Gegenmodell zu lesen?

Dirk Stermann: Die Republik von Fiume ist ein Vorläufer des Faschismus, weil neben der Anarchie vor allem Nationalismus entscheidend war. Mussolini hat sich einfach gewisse Dinge bei D'Annunzio abgeschaut.

Nina Mayer: Wie verändert Humor den Blick auf historische Gewalt und politische Radikalisierung?

Dirk Stermann: Humor verändert immer den Blick und ist oft die einzige Chance, nicht Angst zu bekommen.

Nina Mayer: Inwiefern kritisieren Sie den Begriff des „Wahnsinns“ selbst und wer ist hier eigentlich irrational: die Insassen oder die politische Führung?

Dirk Stermann: Wenn Politiker wahnsinnig sind, ist es eigentlich kein Problem in einer Demokratie. Das Problem ist, dass Egozentriker auf viele Wähler anziehend wirken.

Nina Mayer: Welche Bedeutung hat das Scheitern der Republik für die Aussage des Romans?

Dirk Stermann: Das Scheitern von Fiume ist wie ein merkwürdiges, abgeschlossenes Kapitel der Weltgeschichte. Aber nur ein Kapitel. Das Buch der Merkwürdigkeiten ist noch nicht fertig geschrieben.