Edi Stössl im Interview: „Gloggnitz ist eher burgenländisch“
Regionalliga Ost
Gloggnitz-Trainer Edi Stössl blickt mit der BVZ zurück. Wie aus dem Abstiegskandidaten ein Top-Team wurde. Warum Mattersburg durch eine Testspielniederlage dabei so hilfreich war. Welchen Fixgrößen er die Regionalliga zunächst nicht zutraute. Mit welchem Prädikat er Raphael Holzhauser beschreibt. Was für ihn die größte Gloggnitzer Schwachstelle ist. Und warum Gloggnitz für den in Loipersbach wohnenden Steinbrunner „eher burgenländisch“ ist.
Edi Stössl durfte seinen Gloggnitzern applaudieren. Im Interview blickt er auf einen Herbst mit vielen Highlights zurück.
© Malcolm Zottl
31 Punkte, Platz zwei. Was hätten Sie gesagt, wenn Ihnen das vor der Saison jemand prognostiziert hätte?
Stössl (überlegt): Ich hätte das unterschrieben und gefragt, was er dafür haben möchte? Dass wir das so hinbekommen, hätte nicht einmal ich gedacht, auch wenn ich immer an meine Spieler geglaubt habe. Ich möchte mich da einfach bei allen Spielern, meinem Staff und allen im Verein bedanken, die das ermöglicht haben.
Die Ausgangslage war ja ganz anders. Letzte Saison wart ihr quasi schon abgestiegen. Die Vorbereitung war durchwachsen, hat es auch Phasen gegeben, wo Sie sich hinterfragt haben, ob Sie der Richtige sind?
Stössl:Nie. Ich habe nicht gezweifelt. Es hat Zweifler gegeben während der Vorbereitung. Ich habe immer gesagt, das interessiert mich nicht. Ich hatte in meiner Trainerkarriere nie eine gute Vorbereitung, aber in der Meisterschaft habe ich mit meinen Mannschaften immer geliefert.
Wo war dann der Knackpunkt, der zum Turnaround geführt hat?
Stössl:Der ist mir erst bewusst geworden, wie ich später mit den Spielern geredet habe. Das 1:4 im letzten Vorbereitungsspiel gegen Mattersburg war der Umschwung. Davor war keine überzeugende Leistung dabei, aber wir haben die Spiele gegen die unterklassigen Vereine irgendwie gewonnen. Gegen Mattersburg waren wir einfach schlecht. Ich habe dann nach der Partie gesagt: Jetzt geht keiner duschen. Ich habe ihnen ins Gewissen geredet und gesagt, dass ich an sie glaube, und weiß, was möglich ist. Das war vom Kopf her der Knackpunkt.
Der Start war trotzdem turbulent. Eine Minute vor Anpfiff wurde das Spiel gegen Traiskirchen wegen Starkregens abgesagt.
Stössl: Zu mir hat jemand gesagt, dass es vielleicht eh besser ist, wenn wir nicht spielen, so wie wir aktuell drauf sind. Ich wollte aber unbedingt spielen. Ich habe gesehen, wie die Mannschaft aufgewärmt hat und war, mir sicher, dass wir Traiskirchen fressen. Gott sei Dank ist es dann so aufgegangen, dass wir den Nachtrag auch gewonnen haben (schmunzelt).
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Das erste Spiel gegen die Viktoria ist sehr ärgerlich verlaufen. Zuerst der Ausgleich kurz vor Schluss und dann ein verschossener Elfer in der Nachspielzeit.
Stössl:Das Spiel selbst war sehr positiv. Das Gegentor war dumm. Die Schiedsrichterleistung war da auch nicht überragend, das muss man sagen, trotzdem sind wir meiner Meinung nach positiv reingestartet.
Danach hat Gloggnitz die schwierigen Spiele gegen Krems, Parndorf und Traiskirchen gewonnen. Wie ist man da in diesen Flow gekommen?
Stössl:Wie ich schon gesagt habe, ist der Glaube entscheidend. Alle haben aneinander geglaubt. Du musst als Trainer deine Philosophie vorleben und vorangehen. Dann gehen die Spieler mit. Sie sind im Training immer ans Limit gegangen, bis zum Schluss. Da habe ich gewusst, dass viel rauskommen kann. Deswegen waren wir dem Gegner in den Schlussminuten auch immer überlegen, weil wir im Training immer am Limit waren.

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Der Start war überraschend stark. Aber wann war der Zeitpunkt, wo Sie gedacht haben: Okay die Top-Drei sind in der Winterpause möglich?
Stössl:Das war, wie wir die 20-Punkte-Marke geknackt haben. Das ist dann relativ schnell gekommen. Im Vorhinein haben wir im Trainerteam geredet, wie viele Punkte möglich sind. Da sind wir bis zum Schluss auf 25 gekommen. Das war nach den ersten fünf, sechs Runden. Wie wir dann 15 Punkte gehabt haben, habe ich mir gedacht, es geht noch mehr. Ich habe dann gesagt: Ich habe meine Vereine im ersten Jahr eigentlich immer vor dem Abstieg gerettet und dann im nächsten Halbjahr ist bei der Punkteanzahl vorne immer der Dreier gestanden. Das war dann mein persönliches Ziel. Es macht mich schon stolz, das auch in der Regionalliga geschafft zu haben.
Gab es auf der anderen Seite einen Zeitpunkt, wo Sie Angst hatten, dass es in die andere Richtung gehen könnte? Ich denke da zum Beispiel an das 0:4 in Horn.
Stössl:Natürlich. An dem Tag waren wir richtig chancenlos. Ich habe trotzdem das Positive vermittelt: Ich weiß, wie wir trainieren und lassen uns von so einem Spiel nicht zusammenhauen, was wir momentan schon erreicht haben. Ich verliere lieber einmal 0:4, als viermal 0:1.
Wie wichtig sind nach so einem Spiel, aber nicht nur da, Führungsspieler wie Raphael Holzhauser?
Stössl:Extrem wichtig. Wie wir Rapha vor einem Jahr geholt haben, hat jeder gesagt: Was willst mit dem? Ja, was er im ersten halben Jahr gespielt hat, war gut, aber was er jetzt in der Hinrunde gezeigt hat, war einfach Weltklasse. Ich kann's nur so sagen. Ich rede leicht, weil er mein Freund ist, aber ich sehe es so: Es ist ein Freund, der sich für einen anderen reinhaut, und wir sind wieder dabei: Er glaubt daran, was ich ihm sage, sonst würde er es ja nicht machen.

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Und abseits des Platzes: Welche Rolle spielen Persönlichkeiten wie Holzhauser oder Thorsten Röcher in der Kabine?
Stössl: Das ist ja das, was mir keiner geglaubt hat. Rapha, aber natürlich auch Thorsten, sind irrsinnig tolle Charaktere. Das sind zwei Herzen von Menschen. Das sind Spieler, die vorangehen und die anderen von Spiel zu Spiel, von Training von Training besser machen.
Abseits der zwei ganz großen Namen, welcher Spieler hat sie im Herbst am meisten überrascht?
Stössl:Marcel Etzelstorfer und Mirza Jatic. Das waren die zwei, wo ich mir am Anfang gedacht habe, für die wird es sich in der Regionalliga nicht ausgehen. Wir haben ja im Sommer schon für die NÖ-Landesliga geplant und haben sie geholt, weil sie Eigenbauspieler sind. Sie sind dann aber zu richtigen Führungsspielern geworden. Etzi hat mich am meisten überzeugt. Er hat zu Beginn geglaubt, er muss manchmal den Spielmacher-Pass machen, aber er braucht nur normal spielen: den Zweikampf bestreiten und dann den Ball dem nächsten hinspielen. Das ist seine Hockn. Wenn er die macht, dann ist er nicht nur gut, sondern überragend.

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Als Innenverteidiger hat er auch einen großen Anteil daran, dass neunmal die Null stand, oder?
Stössl:Natürlich, aber man muss auch sagen, dass Dominik Sulzer ein Wahnsinn war. Wir haben im Sommer einen Christopher Stadler geholt, wo wir gesagt haben, das wird vielleicht unsere Nummer eins (fiel dann mit Knieverletzung aus, Anm.). Sulzi hat dann schon in der Vorbereitung richtig gute Leistungen gebracht. Er hat uns dann oft die Punkte festgehalten. Es war ja nicht so, dass er nichts zu halten gehabt hat.
Nicht der einzige Spieler, der eine gute Entwicklung hingelegt hat.
Stössl:Man darf nicht vergessen, dass ein Etzelstorfer vorher bei Draßburg war, die Letzter in der Burgenlandliga waren. Jatic war einmal in der 2. Liga, davor aber in der Gebietsliga. Dann hat er bei uns auf einmal noch einen Schritt gemacht. Ema Kande hat bei Siegendorf wenig gespielt, war für uns sehr wichtig, auch wenn er einmal nicht gespielt hat, hat er immer ein Lächeln im Gesicht gehabt. Svoboda hat in Leobendorf nichts mehr gespielt, ist jetzt bei uns der beste Torschütze. Über einen Stefan Ofner, Patrick Handler, Gerald Peinsipp, Matthias Gruber oder Lukas Grgic reden wir gar nicht. Da wissen wir alle, wie gut sie sein können.

© Gernot Heinzlmayer
Sie haben jetzt viele Spiele positiv erwähnt. Das liegt mitunter eben auch daran, dass der Kader sehr groß ist. Sie haben 25 Spieler eingesetzt. Nur Parndorf setzte mit 26 noch mehr ein. Ist die große Auswahl Fluch oder eher Segen?
Stössl: Wir wissen, dass der Kader richtig groß geworden ist. Wir haben oft diskutiert, ob er zu groß ist, aber ich habe gesagt, das mache ich schon. Der große Kader war, glaube ich, auch ein Mitgrund, warum wir im Training immer so am Limit waren. Am Montag hat keiner geglaubt: Der Trainer spielt am Wochenende eh wieder mit der gleichen Mannschaft. Jeder hat gewusst, dass er seine Leistung bringen muss, sonst spielt ein anderer.
Was ebenso auffiel: Sie haben gefühlt in jeder Partie in der Halbzeitpause das System geändert?
Stössl: Das ist unsere taktische Stärke, dass wir immer switchen können, nicht nur in der Pause. Manchmal haben wir das System schon nach 20 Minuten umgestellt. Man weiß ja am Anfang nicht immer genau, wie sich der Gegner verhält, hat man mehr Überzahl in der Mitte oder auf der Seite? Brauche ich eine Doppelfunktion auf der Seite, also unser 4-2-3-1, oder einen zusätzlichen Spieler in der Mitte? Es macht auch einen Riesenunterschied, ob du mit einer oder mit zwei Spitzen anläufst. Wir haben immer zwei Pläne gehabt. A und B, die haben sich die Spieler einprägen müssen. Wenn wir dann B gesagt haben, hat jeder Spieler sofort gewusst, was er zu tun hat.
Gibts im Winter da Überlegungen was zu ändern?
Stössl: Wir wollen vielleicht schon was anderes einstudieren: Zwei neue Grundordnungen, um noch variabler zu werden.
Im Laufe der Hinrunde hat sich ja auch die Ausgangslage geändert. Am Anfang war Gloggnitz eigentlich immer Außenseiter. Am Ende fast immer Favorit. Wie ändert sich dadurch die Matchvorbereitung?
Stössl:Gar nicht. Das ist das, was ich meiner Mannschaft immer eingetrichtert habe: Es hat sich nichts geändert. Wir können mit einer breiten Brust rausgehen, aber wir können auf keinen Fall arrogant werden. Das dulde ich nicht. Arroganz kann uns köpfen. Wir müssen genauso fighten, als wenn wir hinten um jeden Dreck kämpfen. Das hat auch im Training gegolten, sobald einer zu lässig geworden ist, bin ich ihm noch immer drübergefahren.

© Robert Simperler
Natürlich gab es einige, aber was waren für Sie die drei größten Highlights der Hinrunde?
Stössl: Natürlich der Sieg in Leobendorf. Da habe ich vorher gesagt, wir können wieder Geschichte schreiben und die Ersten sein, die gegen sie gewinnen. So war es dann auch. Dass wir bis zum Schluss die einzigen bleiben, die gegen sie gewinnen konnten, war umso schöner. Dann der Sieg in Parndorf, mit dem wir vielleicht weniger gerechnet haben und der Heimsieg gegen Traiskirchen, wie wir unter der Woche auf sieben Positionen getauscht und sie mit den frischen Spielern ein bisschen überrascht haben.
Man kann aber auch alles kritisch sehen. Leobendorf hat trotz allem noch zehn Punkte mehr gemacht. Wo hat Gloggnitz noch Aufholbedarf?
Stössl: Im Offensivbereich. Wir haben schon Chancen kreiert, aber zu wenige. Wir sind schon gut ins letzte Drittel gekommen, haben das aber absolut schlecht bespielt. Wir haben den Ball zum Gegner gespielt oder ins Aus geschossen. Am letzten Pass müssen wir generell noch arbeiten. Da ist noch viel mehr möglich. Das ist unser größtes Manko, aber auch wieder ein Ansporn.
Mirza Jatic hat zuletzt gesagt: Das Ziel Klassenerhalt ist erreicht, seine Aufgabe ist erfüllt, er sucht eine neue Herausforderung. Auch Gloggnitz selbst braucht neue Ziele, wie definiert man die? Der ÖFB-Cup-Platz ist da immer wieder genannt worden.
Stössl:Ja. Das ist unser Ziel. Wir wollen in den ÖFB-Cup. Das wird aber schwer genug. Es gibt viele Niederösterreicher, die in der Regionalliga gut performen. Leobendorf ist vor uns. Traiskirchen, Horn und Krems nur knapp hinter uns und es gibt nur vier Plätze.

© Malcolm Zottl
Und was ist dann das tabellarische Ziel: Ist es realistisch, dass Gloggnitz in den Top-Drei bleibt?
Stössl:Das ist schwer zu sagen, Vereine, wie Horn oder Oberwart können aufsteigen, wenn sie in die Top-Zwei kommen. Sagen wir so: Ich würde mir wünschen, dass Gloggnitz die Saison in den Top-Drei abschließt.
In Ihrer Trainerkarriere gibt's gewisse Regelmäßigkeiten: Mit Lockenhaus und Horitschon haben Sie im Abstiegskampf übernommen, waren dann später in den Top-Drei. Nach zirka eineinhalb Jahren war jeweils Schluss, könnte das im Sommer auch in Gloggnitz passieren?
Stössl: Na ja, in Lockenhaus war es damals so, dass ich die Chance bekommen habe in der Burgenlandliga zu arbeiten und die wollte ich nutzen. In Horitschon ist es zu Unstimmigkeiten mit dem Vorstand und meinem Kapitän gekommen. Das Kapitel Gloggnitz hat sich erst danach ergeben. Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Ich habe immer gesagt, dass ich es als Trainer so weit, wie möglich schaffen möchte, aber ich fühle mich in Gloggnitz sehr wohl. Ich schätze das Umfeld, den Vorstand, die Funktionäre und ich bin auch sehr stolz, in Gloggnitz zu sein.
Gloggnitz ist Ihre erste KM-Station außerhalb des Burgenlands, sowohl als Spieler als auch als Trainer. Gibt's Unterschiede zwischen Niederösterreich und dem Burgenland?
Stössl: Ich würde sagen, dass Gloggnitz eher burgenländisch ist. Es sind alle sehr nett. Sie haben es mir nicht schwer gemacht mich einzuleben. Wie schon gesagt, vom Vereinsleben her sind zwischen Horitschon und Gloggnitz Welten. In Lockenhaus funktioniert es sehr gut. Dort habe ich immer noch einen guten Draht hin. Da war es einfach so, dass wenn du als Trainer rauf willst und die Chance bekommst, musst du die Chance einfach nutzen.
Wie aktiv verfolgen Sie noch den Fußball im Burgenland?
Stössl: Ich verfolge alle Spielklassen, alles von der Burgenlandliga bis runter. Ich habe überall meine Freunde und freue mich mit ihnen, wenn sie gewinnen.
Die Burgenlandliga ist auch für die Regionalliga interessant, immerhin kommt aus dieser Liga im Sommer ein Aufsteiger. Der steht aber eigentlich jetzt schon fest, oder?
Stössl:Ja über Mattersburg geht nicht drüber. Das ist eine richtig gute Mannschaft. Dieser Verein gehört mit diesem Stadion auch hinauf.
Kann Mattersburg dann eine ähnliche Rolle spielen, wie Parndorf? Nach einem durchwachsenen Start überwintert Parndorf ja sogar als Fünfter?
Stössl:Das ist schwer einzuschätzen. Ich weiß nicht, welche Qualität dazu kommt und wer vielleicht den Verein verlässt. Mattersburg hat schon den ein oder anderen routinierten Spieler dabei, wo man nicht weiß, ob er den Schritt in die Regionalliga mitmacht. Zwischen der Landesliga und der Regionalliga ist schon ein Unterschied. Ich glaube aber schon, dass sie ein Verein sind, der investieren könnte. Wenn sie den Schwung vom Aufstieg dann mitnehmen, ist sicher was möglich. Wenn sie wenig tun und dann zu Beginn vielleicht gleich ein, zweimal verlieren, kann es in der Regionalliga aber schnell in die andere Richtung gehen. Mattersburg wäre aber auf alle Fälle ein Gewinn für die Regionalliga.