Ein Leben zwischen OP und Bühne: Kurt Resetarits wird 70

Runder Geburtstag

Es gibt Momente, die sind leise. Im Operationssaal, wenn alles gut gegangen ist. Oder auf der Bühne, wenn das Publikum für einen Augenblick still wird, bevor der Applaus einsetzt. Für Kurt Resetarits sind es genau diese Momente, die bleiben. Momente, in denen er weiß: Er hat Menschen erreicht.

Von Bertie Unger

Der Tevje in „Anatevka“ ist Kurt Resetarits Lebensrolle. Ein Blick in seine Seele.

Der Tevje in „Anatevka“ ist Kurt Resetarits Lebensrolle. Ein Blick in seine Seele.

© Musical Güssing

Im April wird Kurt Resetarits 70. Der gebürtige Güssinger erreicht ein Alter, bei dem viele beginnen, loszulassen. Bei ihm ist davon nichts zu spüren. Er arbeitet weiter in seiner Ordination, operiert im Spital, steht auf der Bühne bei Musical Güssing. Und wenn man ihm zuhört, merkt man schnell: Es geht ihm nicht darum, wie lange noch. Sondern darum, dass es noch passt.

Sein Leben hat zwei Seiten. Die eine ist die Medizin. Die andere die Bühne. „Beruflich ganz klar die Medizin“, sagt er. „Emotional ist natürlich Bühne und Medizin eine wunderbare Mischung.“ Die Medizin war immer das Fundament. Verantwortung, Struktur, täglicher Auftrag. Die Bühne ist der Ausgleich. „Mein Jungbrunnen“, nennt er es. Ohne die Medizin hätte er die Tiefe nicht. Ohne die Bühne nicht die Leichtigkeit.

Vom Sprechzimmer zur Bühne: Resetarits' Doppelrolle

Vielleicht ist es genau diese Kombination, die ihn ausmacht. In der Ordination passiert vieles leise. Vertrauen entsteht im Gespräch, in kleinen Gesten. Auf der Bühne ist es anders. Lauter, direkter, getragen von Musik und Emotion. „Beides berührt – nur auf unterschiedliche Weise“, sagt Kurt Resetarits.

Dass er Arzt wurde, war kein Zufall. Ihn hat immer interessiert, was man für Menschen in entscheidenden Momenten tun kann. Besonders die Geburtshilfe. „Nähe zum Anfang des Lebens – intensiver geht es kaum“, sagte der fast 70-jährige. Es sind diese Übergänge, diese sensiblen Phasen, die ihn geprägt haben. Und bis heute begleiten.

Viele Erinnerungen aus dem Berufsalltag sind geblieben. Nicht nur die großen, dramatischen Situationen. Oft sind es die stillen Momente. Wenn Patienten Vertrauen schenken. Wenn Hilfe möglich wird. Oder wenn rasches Handeln entscheidet. „Solche Augenblicke lehren Demut. Und sie zeigen, wie wichtig das Team ist“, sagt der Mediziner und gibt diese Erfahrung weiter, indem er medizinisches Personal im sogenannten „Medical Team Training“. Vom Chefarzt bis zur Raumpflegerin. Weil am Ende jeder Teil des Ganzen ist.

Musical Güssing: Vom Hobby zur Profi-Bühne

Und dann ist da noch die Bühne. Die hat ihn nie losgelassen. Schon während des Studiums hat er Musik gemacht, gespielt, unterhalten. In Güssing hat sich das über Jahrzehnte entwickelt. Gemeinsam mit seiner Frau Marianne, die als Intendantin den Rahmen geschaffen hat. Mit viel Arbeit, mit Konsequenz. Heute hat Musical Güssing ein Niveau erreicht, das weit über Amateurtheater hinausgeht.

Ein Leben zwischen OP und Bühne: Kurt Resetarits wird 70

© Lexi

Es ist auch eine Familiengeschichte geworden. Sein Sohn steht als Profi auf der Bühne, die Tochter schreibt Kindermusicals, die Enkelin ist bereits bei den Musical Kids. „Und das Ergebnis sieht man“, sagt er. Ohne Pathos, eher sachlich. So, wie er über vieles spricht.

Eine Rolle hat ihn besonders geprägt: Tevje in „Anatevka“. „Das ist wie ein Blick in den eigenen Spiegel“, sagt Resetarits. Zweifel, Humor, Verantwortung – alles in einer Figur. „Man lacht mit ihm, man leidet mit ihm und man erkennt sich selbst.“ Es ist diese Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit, die ihn fasziniert. Und vielleicht auch beschreibt.

Zwei Welten, die kaum unterschiedlicher sein könnten. OP-Saal und Bühne. Und doch funktionieren sie nebeneinander. „Mit Disziplin und Leidenschaft“, sagt er. Die Medizin bringt Präzision, Verantwortung, Teamarbeit. Die Bühne gibt Spontaneität, Ausdruck, Humor zurück. Beides greift ineinander.

Warum also aufhören?

„Warum aufhören, wenn man für beides brennt?“ Die Antwort kommt ohne Zögern. Es gehe darum, aktiv zu bleiben. Körperlich, geistig. In der Medizin sei Erfahrung entscheidend. Und auf der Bühne? „Die Arbeit, das Textlernen, die Lieder – das ist ein richtiger Jungbrunnen.“

Wenn er jungen Menschen etwas mitgeben würde, dann ist das keine einfache Antwort. „Leidenschaft ist der Motor, Sicherheit das Geländer. Nur auf eines zu setzen, ist zu wenig. Es gehe um die Balance. Um etwas, das antreibt – und ein Fundament, das trägt.

Und vielleicht ist das der Schlüssel für seine ganz persönliche Zukunft. Nicht weniger zu machen, aber das Richtige.

Ein Leben zwischen OP und Bühne: Kurt Resetarits wird 70

© Hager