Niessl-Ansage: „Ohne Prävention wird jede Gesundheitsreform scheitern“
Sport Austria
Sport Austria-Präsident Hans Niessl übt scharfe Kritik an der aktuellen politischen Debatte rund um die Reform und Entlastung des österreichischen Gesundheitssystems.
Sport-Austria-Präsident Hans Niessl.
© Zukunftsforum Ramsau, GEPA pictures, GEPA pictures/ Hans Oberlaender
Sport und Bewegung würden dabei faktisch keine Rolle spielen – obwohl sie nachweislich zu den wirksamsten Instrumenten zählen, um langfristig Kosten zu senken, Wartezeiten zu reduzieren und die Lebensqualität der Bevölkerung zu erhöhen. Diese Position habe er in zahlreichen Gesprächen mit Politiker:innen aller Parteien sowie gegenüber Gesundheitsministerin Korinna Schumann mehrfach deutlich gemacht.
„Es ist völlig unverständlich, dass in der politischen Diskussion über die Reform des milliardenschweren Gesundheitssystems niemand ernsthaft darüber spricht, dort zu investieren, wo immens große Einsparungseffekte liegen: in der Primärprävention durch Sport und Bewegung“, so Niessl.
Österreich verfügt über eines der teuersten Gesundheitssysteme der Europäischen Union, dennoch steigen die Wartezeiten weiter an. Gleichzeitig fließen lediglich rund zwei Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben in Prävention. Zum Vergleich: In Deutschland ist dieser Anteil doppelt so hoch. „Wir geben Milliarden für Reparaturmedizin aus, aber kaum Geld dafür, dass Menschen gar nicht erst krank werden“, kritisiert Niessl. Besonders problematisch sei, dass Prävention in Österreich oft bei kurzfristigen Kampagnen ende, anstatt dauerhaft in strukturierte Bewegungsangebote zu investieren. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch klar: Jeder in Bewegung investierte Euro spart dem Gesundheitssystem das Drei- bis Fünffache.
Ein Blick nach Schweden verdeutliche die Auswirkungen einer konsequenten Präventionspolitik. Während Österreich rund sieben Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner:innen unterhält, komme Schweden mit etwa zwei aus. „Nicht weil dort gespart wird, sondern deshalb, weil Menschen – insbesondere über 65-Jährige – unter anderem durch gezielte Prävention im Schnitt zehn Jahre länger gesund bleiben. Genau diese Jahre kosten unser System Milliarden“, erklärt Niessl.
Besonders alarmierend sei die Situation bei Kindern und Jugendlichen. Laut Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation sollten Kinder täglich mindestens eine Stunde Bewegung haben – rund 80 Prozent der Kinder in Österreich erreichen dieses Ausmaß jedoch nicht. „Die tägliche Bewegungseinheit in Kindergärten und Schulen ist ein zentraler Baustein für ein erfolgreiches Präventionsmodell. Sie existiert bereits, muss aber endlich konsequent ausgebaut werden“, betont Niessl. „Wer früh lernt, dass Bewegung ein selbstverständlicher Teil des Alltags ist, legt den Grundstein für ein aktives und gesundes Leben. Damit sichern wir nicht nur die individuelle Gesundheit, sondern auch die aktive und gesunde Zukunft unserer gesamten Gesellschaft.“
Auch langfristig sieht Niessl großen Handlungsbedarf: „Wer als Kind keinen Zugang zu Sport hat, bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsene:r inaktiv. Damit programmieren wir die nächsten Kostenexplosionen im Gesundheitssystem vor.“
Der Präsident von Sport Austria fordert daher einen klaren politischen Kurswechsel. „Ohne massive Investitionen in Sport- und Bewegungsangebote – vom Kindergarten bis ins hohe Alter – wird jede Gesundheitsreform langfristig scheitern. Prävention – durch Bewegung und natürlich auch durch Vorsorgeuntersuchungen – darf kein Randthema sein, sie muss zum zentralen Bestandteil der Gesundheitsstrategie werden.“
Noch im Laufe dieses Jahres wird Sport Austria erstmals eine nationale Sportstrategie vorlegen. Unter dem Leitmotiv „Vom Sportland zur Sportnation“ soll gemeinsam mit Bund, Ländern sowie Dach- und Fachverbänden Bewegung und Sport als das verankert werden, was sie sind: ein unverzichtbarer Schlüssel für ein leistbares, zukunftsfähiges Gesundheitssystem und ein zentraler Faktor für ein modernes, konkurrenzfähiges Österreich.