WM und Rangnick-Fußball: Eine Symbiose am Trainer-Prüfstand

WM-Umfrage

Österreich war zum ersten Mal seit 28 Jahren bei einer Fußball-Weltmeisterschaft dabei. Es gab Euphorie im Land, rein sportlich war das Abenteuer nach einem Sieg, einem X und zwei Niederlagen im Sechzehntelfinale vorbei. Die BVZ hat sich bei den Trainern umgehört, wie sie die kickende Ausrichtung am Platz bewerten.

Von Von BVZ Redaktion

Österreichs Teamchef Ralf Rangnick ist bekannt für einen offensiv ausgelegten Spielstil, das Balljagen und Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte sind Prinzipien. Bei der Weltmeisterschaft zeigten aber vor allem extrem spielstarke Mannschaften dem Team hier die Grenzen auf.

Österreichs Teamchef Ralf Rangnick ist bekannt für einen offensiv ausgelegten Spielstil, das Balljagen und Balleroberungen in der gegnerischen Hälfte sind Prinzipien. Bei der Weltmeisterschaft zeigten aber vor allem extrem spielstarke Mannschaften dem Team hier die Grenzen auf.

© GEPA pictures/ Witters/ Ulrich Hufnagel, GEPA pictures/ Witters/ Ulrich Hufnagel

Mit der 0:3-Niederlage unseres Nationalteams im Sechzehntelfinale gegen Spanien endete vor einer Woche die WM-Teilnahme. Was bleibt, ist das „Wunder von Kansas“ mit dem 3:3-Ausgleich gegen Algerien in der Nachspielzeit, viel Euphorie im Land, aber auch die Frage, wie sich das Team sportlich künftig positionieren muss. Was sich in den USA gezeigt hat: Extreme Spielstärke und Ballbesitzfußball sind hier Schlagworte, die auf die Idee des offensiven Pressings treffen, wofür das österreichische Team in der Vergangenheit bejubelt wurde.

Die BVZ hat bei Coaches aus dem gehobenen Amateurfußball um ihre Meinung gefragt:
Rangnick-Fußball bei der WM 2026: passend, oder nicht mehr zeitgemäß?

Mario Santner (Leithaprodersdorf):Komischerweise waren gerade die Parade-Pressingspieler Xaver Schlager und Nicolas Seiwald gegen Spanien von der Rolle. Aber man hat im Turnier gesehen, dass fast keine Mannschaft mehr extrem presst. Bezüglich Ballannahme, Ballmitnahme und Tempo waren wir nicht bei den Besten. Da muss man ansetzen und vielleicht auch in den Akademien mehr Typen und Querdenker eine Chance geben. Die Kluft zu den Topteams Argentinien und Spanien war enorm; da sind andere Länder wie Norwegen oder die Schweiz nicht so weit weg von den Spitzenmannschaften wie wir. Ein paar Spieler haben auch schon den Zenit überschritten.

Christoph Tischler (Neudorf/Parndorf Juniors):Österreich hat im Rahmen seiner Möglichkeiten gespielt, ist aber von der Weltspitze meilenweit entfernt. Das Minimalziel wurde erreicht, mehr war nicht möglich, weil viele Spieler nicht auf höchstem Level waren – so hat es zumindest gewirkt. Der Pressingfußball ist nicht mehr so effektiv, weil fast alle Mannschaften technisch schon so stark sind, dass sie ein Gegenmittel haben und das Pressing überspielen und locker auflösen können.

Özgür Nurlu (Rust):Ich war begeistert, wie Österreich gespielt hat, als Ralf Rangnick als Trainer gekommen ist. Das Pressing und die Aggressivität waren toll. Aber eine WM ist eine andere Welt. Österreich ist gut, wenn alle auf Topniveau spielen – was sie aber nicht getan haben. Man merkt auch, wenn ein oder zwei Spieler fehlen.

Franz Lederer (St. Margarethen):Die Erwartungen wurden erfüllt, weil die Gruppe überstanden wurde. Aber viele haben leider ihren Leistungspeak nicht gefunden. Das technische Niveau bei der WM ist sehr hoch, da wird kaum ein Ball weggeschlagen, da können sich alle aus dem Pressing befreien. Die Österreicher konnten ihr Pressing von früher körperlich gar nicht umsetzen. Was man auf die kleinsten Ligen umlegen kann: Einen Schlüsselspieler kannst du kaum ersetzen. Das war bei Österreich Christoph Baumgartner; das Experiment, ihn mit Konrad Laimer zu ersetzen, ist überhaupt nicht aufgegangen.

Peter Herglotz (Halbturn):Den Unterschied zur Weltklasse sieht man in der Technik – das muss man neidlos anerkennen. Mir hat gefallen, wie Österreich gespielt hat, als Ralf Rangnick gekommen ist. Aber die Spieler sind älter geworden, sie zeigen nicht mehr das aggressive Spiel nach vorn. Ich habe gehofft, dass er gegen Spanien jüngere Spieler einsetzt, die frisch sind. International sind wir zu schwach, haben offensiv zu wenig Qualität. Das hohe Pressing wird nicht gespielt, weil die technische Qualität bei der WM so hoch ist; es wird Passspiel fast in Perfektion gezeigt.

David Pototschnig (Co-Trainer des Ungarn Zoltan Fekete beim SK Pama):Für eine ganze Generation war es die erste WM, dementsprechend hat man die Aufbruchstimmung gemerkt. Ich war beim ersten Spiel gegen Jordanien in San Francisco, die Stimmung unter den Fans war sensationell. Die Leistungen waren natürlich ausbaufähig. Dass wir diesmal das klassische Pressing spielen konnten, war auch dem Ausfall von Christoph Baumgartner geschuldet. Für mich ist Ralf Rangnick der beste Teamchef, den Österreich gehabt hat – das merkt man nicht nur am Nationalteam, sondern auch daran, wie sich die Strukturen im ÖFB geändert haben.

Christoph Stifter (Trainer SC Bad Sauerbrunn):Der Teamchef hat aus meiner Sicht nicht den Fußball spielen lassen, der uns bei der EM und in der Quali ausgezeichnet hat. Ich hätte gerne einen mutigeren und aggressiveren Auftritt gesehen.

Christoph Herics (Eberau): Der Rangnick-Fußball ist noch passend, allerdings gehört er vielleicht ein bisschen angepasst. Für dieses System braucht man Spieler mit Top-Fitness und Form. Bei der WM war das nicht bei allen der Fall, deshalb waren wir auch nicht voll sattelfest. Ich bin überzeugt, dass Ralf Rangnick weiterhin der richtige Trainer ist und freue mich schon auf seine neuen Impulse.

Helmut Plank (Kohfidisch): Wenn wir unsere Leistungen in der Quali betrachten, dann kann man schon vom Rangnick-Fußball sprechen – bei der WM hat man von diesem Stil nicht viel gesehen. Wir können mit dem Erreichen der K.o.-Phase zwar zufrieden sein, die Leistungen waren aber überschaubar. Sowohl taktisch als auch körperlich war einiges an Luft nach oben. Jetzt gilt es, das sachlich und nüchtern zu analysieren und die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Euphorie der erfolgreichen Quali konnte leider nicht mitgenommen werden.

Michael Horvath (Edelserpentin): Der heutige Fußball lebt vom Pressing, wie es Ralf Rangnick spielen lässt. Trotzdem haben wir im Team zu viele gleiche Spielertypen. Bei der WM hat die Mischung meiner Meinung nach nicht ganz gepasst – es fehlte ein Spielmacher. Und auch auf den Flügeln hatten wir zu wenig Tempo und Dribbelstärke.

Benjamin Posch (Pinkafeld): Was Rangnick, sein Betreuerteam und die Spieler geleistet haben, verdient größten Respekt. Sein intensiver Spielstil hat Wiederkennungswert, ich bin ein großer Fan davon. Leider brachte man diese Intensität aus verschiedenen Gründen nicht in gewohnter Form aufs Feld. Das wird ab Herbst aber bestimmt wieder gelingen.

Robert Serdar (Lackenbach):Seine Philosophie verbindet klare Strukturen, intensives Pressing und systematische Mannschaftsentwicklung. Auf diesem Niveau ist ein hohes Maß an taktischer und technisch‑individueller Weltklasse notwendig, um als Team bei der WM bestehen zu können. Eins‑gegen‑eins‑Lösungen offensiv in allen Mannschaftsteilen waren bei uns nur teilweise vorhanden. Rangnick-Fußball ist zeitgemäß, nur gehören jetzt junge, hochtechnische, schnelle, entwickelte Spieler ins Team, um das Spiel auf mehr Ballbesitz zu legen und dadurch mehr Flexibilität in die Spielanlage zu bekommen.

Florian Hotwagner (Oberpullendorf):Ich denke, dass die Frage typisch österreichisch ist. Aufgrund der Performance war die Erwartungshaltung hoch – noch dazu hast du gegen Spanien und Argentinien gespielt. Wenn dann noch Spieler nicht an das Leistungsmaximum kommen, wird es gegen solche Teams ganz schwer. Nichtsdestotrotz hat man in beide Richtungen nicht so performt, wie man es hätte können. Defensiv waren sie nicht präsent genug, offensiv auch nicht. Ob das jetzt am Fußball von Rangnick liegt, tue ich mir schwer zu beantworten. Immerhin haben viele Nationen gezeigt, dass vieles möglich ist, wenn man gut und kompakt steht.

Thomas Klemenschitz (Klingenbach):Ich glaube, dass man mit dem Erreichten zufrieden sein muss. Man hat gesehen, dass die individuelle Klasse der spanischen Spieler noch einmal etwas anderes ist. Vom Pressingfußball hat man bei der WM nicht viel gesehen – das hat in der Quali und in den Jahren davor besser ausgesehen. Zeitgemäß? Das ist so eine Sache, denn man beobachtet einen Gegner und legt das System darauf an. Als Österreich ist das intensive Gegenpressing gegen schwächere Gegner möglich. Argentinien oder Spanien finden da andere Lösungen, bei denen du dann quasi „umsonst“ läufst.

Mike Hartl (Deutschkreutz):Grundsätzlich finde ich den Rangnick-Fußball attraktiv; allerdings haben sie bei der WM nicht den klassischen Rangnick-Fußball gespielt. Es ist in allen drei Spielen in der Gruppe nicht gelungen, so wirklich ins Pressing zu kommen. Gegen Argentinien und Spanien warst du einfach diese Klasse schwächer. Daher finde ich nicht die Grundlage – Rangnick-Fußball oder Ballbesitz – entscheidend, sondern die Spielertypen, die du drinnen hast. Und da war Christoph Baumgartner einfach ein zu wichtiger Baustein für den Fußball, den wir da spielen hätten wollen.