Psychologin im Gespräch: Auch in der Seele kriselt’s. Angst, Einsamkeit und das Gefühl von Eingesperrtsein machen die Seele krank. Die Eisenstädter Gesundheitspychologin Brigitte Bernhart erklärt, wie man sich davor schützt.

Von Lisa-Marie Zehetbauer. Erstellt am 15. Mai 2020 (05:40)
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Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise werden häufig thematisiert – aber wie steht es mit den seelischen Folgen? Home Office, Restaurants geschlossen, soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert. „Das kann Folgen haben für die psychische Gesundheit“, sagt Dr. phil. Brigitte Bernhart, Gesundheitspsychologin aus Eisenstadt.

Eine Umfrage der Universität Basel bei über 10.000 Personen aus der gesamten Schweiz mittels eines anonymen Online-Fragebogens bringt besorgniserregende Ergebnisse ans Tageslicht. Diese Untersuchung ergab nämlich, dass sich etwa die Hälfte der Befragten im Lockdown gestresster fühlt als vor der Coronakrise. In der erhobenen Phase des Lockdowns hat sich die Häufigkeit von schweren depressiven Symptomen fast verdreifacht. Zu den Haupttreibern der Stresszunahme zählen Belastung durch Veränderungen bei der Arbeit und Ausbildung, Belastung durch das eingeschränkte Sozialleben und Belastung durch die Kinderbetreuung.

Hamstern kompensiert Kontrollverlust

Alles begann vor einigen Wochen mit den Hamstereinkäufen. Menschen stürmten in Scharen die Supermärkte und kauften ein was das Zeug hält. Doch warum machen wir das?

Die Gesundheitspsychologin Brigitte Bernhart, die sich auf Gesundheitsförderung in einer Kombination von westlichem und östlichem Wissen spezialisiert hat, weiß die Antwort: In Situationen, in denen es zum Verlust des Kontrollgefühls kommt, so wie jetzt bei der Corona-Krise, werden oft auch irrationale Aktionen gesetzt, um das Gefühl der Kontrolle zurückzugewinnen. Einkaufen ist eine solche Kompensation. „Menschen kaufen aus der Angst heraus Dinge, die aus ihrer Sicht überlebenswichtig sind - offenbar zählt dazu auch Toilettenpapier“, schmunzelt die Psychologin. Fehlt im Geschäft etwas im Regal, entsteht Angst, diese Produkte wären Mangelware, und sie werden vermehrt gekauft, wenn sie wieder erhältlich sind. „Wenn Menschen andere Leute beim Hamsterkaufen sehen – es im echten Leben oder in den sozialen Medien, dann halten sie diese Produkte für Mangelware und werden ebenfalls zu hamstern beginnen“, so die Erklärung der Psychologin.

Ohne Gemeinschaft kommt die Traurigkeit

Ausgangsbeschränkung, Quarantäne und Social Distancing sind Ausnahmesituationen. Kontakt und Nähe sind menschliche Grundbedürfnisse. Bernhart betont: „Wir brauchen Beziehungen und das Gefühl zu einer Gemeinschaft zu gehören. Wenn wir genau wissen, wie lange eine Ausnahmesituation dauert, dann können wir uns darauf einstellen. Leider wissen wir nicht, wie lange die Isolation andauert, dann wird das zum Problem, weil wir keinerlei Routinen dafür haben.“ Das kann in Folge zu posttraumatischen Belastungsstörungen oder Depressionen führen. Die Folgen: Erschöpfungszustände, emotionale Instabilität, verringerte Konzentrationsfähigkeit, Angst und Schlaflosigkeit. Alkoholkonsum oder Gebrauch anderer sucht-

erzeugender Substanzen wird oft als Konfliktbewältiger herangezogen, kann aber natürlich langfristige Schäden hervorrufen.

Wie kann man aus diesem Hamsterrad ausbrechen? Die Expertin rät zu Kommunikation und zur Struktur: Mit Freunden und der Familie in Kontakt bleiben, den Alltag gut strukturieren und viel Bewegung machen. Es ist genau die richtige Zeit, sich auf die eigenen Ressourcen zu besinnen, seine eigenen Fähigkeiten zu erkennen und sich auf positive Lebenserfahrungen zu konzentrieren. Diese Behandlungsmaßnahmen decken aber nur einen Teil des Problems ab, das die Krise mit sich bringt.

Anstieg bei Fällen von häuslicher Gewalt?

Fehlende Rückzugsmöglichkeiten, das Zusammenleben auf engem Raum und Mangel an Privatsphäre kann zu Aggression und Gewalt führen, vor allem in Familien. Wichtig sei es, zu reagieren, wenn man sich überfordert fühlt. Mit Freunden sprechen, sich zurückziehen oder auch nur tief durchatmen, hilft. Auch wichtig: Ärger, Bedürfnisse, Ideen, Wünsche ansprechen. Brigitte Bernhart rät: „Versuchen Sie nachsichtiger zu sein als sonst. Holen Sie sich rechtzeitig Hilfe – auch professionelle.“

Schutz vor den Auswirkungen

Laut der Expertin sollte man sich stets vor Augen halten, dass die Corona-Krise vorübergeht. Ganz nach dem Motto „Ablenkung ist die beste Medizin“, sollte man planen, was man nach dem Überstehen der Ausnahmesituation machen möchte. Aktuell ist es hilfreich Sport zu machen und sich an der frischen Luft zu bewegen. Aktivitäten, die einem vom Grübeln befreien, wie Backen, Musizieren, Schreiben sind außerdem hilfreich.

„Halten Sie sich von Panikmachern fern! Sorgen Sie für Rückzugsmöglichkeiten, machen Sie Entspannungsübungen“, so lautet der letzte Tipp der Psychologin.