Das zweite Programm der „Grenzgänger“ begeisterte bei der Premiere im Wimpassinger Gasthof Schmalzl mit Wortwitz und klassischen Wienerliedern am vergangenen Wochenende.
Daniel Serafin: „Eine Oper darf ja auch eine schöne Qual sein“
Interview im Steinbruch
Im Steinbruch St. Margarethen führt Puccinis „Tosca“ Bühne und Realität zu einem monumentalen Ganzen zusammen. Was dahinter steckt, und warum es manchmal weh tun darf, erklärt hier der Intendant persönlich: „Wirklich gute Dinge entstehen selten leicht.“
„Unsere Oper verbindet die Menschen!“ Daniel Serafin in seinem siebenten Steinbruch-Jahr und voller Tatendrang.
© Wolfgang Millendorfer
Wenn man die Bühne im Steinbruch sieht, weiß man gar nicht, wohin man schauen soll – so viel gibt es zu sehen, und das, wo Rom doch halb zerstört ist: Wer Giacomo Puccinis „Tosca“ kennt, weiß, was man erwarten darf, und doch wird es wieder ein ganz neues Erlebnis. Das ist im Festspielsommer immer so. Intendant Daniel Serafin zeigt uns seine Opernwelt.
BVZ: Man darf sich im Steinbruch wieder auf eine große Inszenierung – und auf den „Wow-Effekt“ des Bühnenbildes – freuen. Was ist besonders an dieser „Tosca“-Inszenierung?
Daniel Serafin: Thaddeus Strassberger hat uns im Steinbruch schon mit „Turandot“ nach China entführt und mit „Aida“ nach Ägypten. Dieses Mal geht die Reise in ein sehr reales Rom des Jahres 1800, mit Fiktion vermischt. Napoleon hat soeben die Schlacht von Marengo gewonnen, Rom ist von den Auswirkungen der Kämpfe gezeichnet, der Papst wurde ins Exil geschickt. So schafft es Thaddeus Strassberger immer wieder, uns in seine Welt hineinzuziehen. Die historischen Ereignisse sind real, die Oper bleibt eine Fantasie, in die wir eintauchen.
Gesungen wird natürlich italienisch, man wird aber alles mitbekommen?
Wir spielen selbstverständlich in der Originalsprache, die Handlung kann man mit den seitlich eingeblendeten Übertiteln verfolgen. Unser Anspruch ist ganz klar: Wir machen Oper für alle!
Die „Tosca“ ist ein gewaltiges Werk. Eignet sie sich auch, die Oper für sich zu entdecken?
Absolut! Vieles von dem, was Hollywood später erfolgreich gemacht hat, das wurde von Puccini bereits vor 126 Jahren komponiert. Es ist im Grunde ein großes Drama: Ein brutaler Mann, der seine Macht missbraucht und Gewalt ausübt, es kommen Morde vor, diese Oper ist keine leichte Kost. Sie ist martialisch, man findet alles, was eine große Oper ausmacht. Und die Schönheit entsteht im Bühnenbild, in den Kostümen und vor allem in der Musik. Der eigentliche Stoff hingegen ist harte Realität.
Man muss sich dabei aber nicht quälen, oder?
Es ist keine romantische Traumgeschichte, sondern ein schonungslos realistisches Drama. Aber man kann auch durch Leid zu Schönheit gelangen. Das gilt ebenso für unsere Probenarbeit: Wir quälen uns manchmal so lange, bis etwas genau so ist, wie es sein soll. Wirklich gute Dinge entstehen selten leicht. Alles, was großartig oder genial ist, verlangt intensive Auseinandersetzung. Man braucht Reibung, damit überhaupt ein Funke entsteht. Deshalb spreche ich oft von der „schönen Qual“. Diesen Prozess liebe ich.
Für das Opern-Erlebnis wird alles gegeben.
Genau, höchste Qualität ohne Kompromisse! Wir sind die Oper im Steinbruch, eine der größten Freilichtbühnen Europas, und damit einzigartig. So hat jeder Kulturstandort sein eigenes Profil und seine Besonderheiten. Niemand nimmt dem anderen etwas weg, jeder leistet seinen Beitrag zum burgenländischen Kultursommer.
Läuft das Zusammenspiel immer so harmonisch?
Die Zusammenarbeit funktioniert tatsächlich hervorragend. Mit der gemeinsam gegründeten Gesellschaft läuft die Abstimmung mit dem Land Burgenland und den Seefestspielen Mörbisch auch ganz offen, wir arbeiten Hand in Hand. Zusammen gelingt es, dieses große Projekt Jahr für Jahr auf die Beine zu stellen.
Am Ende des Sommers zeigen sich die Bemühungen auch in den Zahlen.
Die wirtschaftliche Rentabilität der Oper im Steinbruch beträgt 15 Millionen Euro, die der gesamten Region zugute kommen. Das ist für diesen konzentrierten Zeitraum eine enorme Leistung. Gleichzeitig steigen dadurch auch die Erwartungen. Und das bedeutet Druck – aber positiven Druck. Diese Verantwortung nehmen wir gerne an.
Ist es da auch der Anspruch, jeden Sommer mit neuen Einfällen zu überraschen?
Wer im künstlerischen Bereich arbeitet, darf sich niemals damit zufrieden geben, dass etwas bereits gut war. Man muss immer überlegen, was man verbessern kann. Zufriedenheit ist etwas Gefährliches, wenn man sich nicht mehr weiterentwickelt. Deshalb muss man immer ein Stück weit unzufrieden bleiben – mit sich selbst und mit dem Ergebnis. Nur so kann man gemeinsam mit dem Team immer noch besser werden.
Hier arbeiten rund 300 Menschen vor und hinter der Bühne. Bei einer Produktion dieser Größe trägt jeder und jede Einzelne einen Teil zum erfolgreichen Gelingen bei. Es ist wie ein großes Uhrwerk, bei dem alle Zahnräder perfekt ineinandergreifen, das macht es so besonders.
Wenn man nie ganz zufrieden sein darf ... wie zufrieden ist der Intendant?
Ich blicke dem Sommer mit großer Vorfreude entgegen. Ich bin überzeugt, dass alles gut gehen wird, natürlich klopft man immer wieder auf Holz. Manchmal klopfe ich auch auf meinen eigenen Kopf, wenn ich nicht weiß, ob das Holz echt ist. Ein bisschen Aberglaube gehört in unserem Beruf schon dazu, aber zu viel davon sollte auch nicht sein. Es überwiegt die Vorfreude!
Und parallel dazu hat die Arbeit für den kommenden Sommer schon begonnen?
2027 zeigen wir Giuseppe Verdis „Rigoletto“. Schon vor einem Jahr haben wir uns erstmals intensiv damit beschäftigt, die Gespräche mit dem Regieteam und die Besetzung starten sehr früh. In der Opern-Planung muss man langfristig denken und viele Abläufe koordinieren. Eine Produktion dieser Größenordnung entsteht nicht innerhalb weniger Monate.
Ein zentraler Faktor sind die Darstellerinnen und Darsteller. Wie findet ein so großes Ensemble zusammen?
Es gibt einige Künstler und Künstlerinnen, die unserem Publikum bereits bekannt sind. Obwohl wir kein festes Ensemble haben, gibt es Sängerinnen und Sänger, die immer wieder mitwirken. Zugleich ist es mir wichtig, jungen Talenten eine Chance zu geben, manche übernehmen bei uns erstmals eine große Rolle. Wieder andere haben dieselben Partien bereits an berühmten Häusern in London, Paris oder New York gesungen.
Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz unserer Besetzung aus. Es stehen rund 15 Nationen auf der Bühne, von den USA über die Ukraine bis Russland, China oder Korea. Oper verbindet die Menschen! Auf unserer Bühne gelingt das, was der Weltpolitik manchmal schwerfällt, und alle arbeiten gemeinsam an einem Ziel.
Da ist in unseren mitunter wirren Zeiten die „Tosca“ besonders passend.
Diese Geschichte könnte genauso gut heute spielen. Es geht um zwei Liebende: Floria Tosca und den Maler Cavaradossi. Ihnen gegenüber steht ein mächtiger Vertreter der Geheimpolizei, der seine Position missbraucht, belästigt und Gewalt ausübt. Diese Themen kennen wir leider auch aus unserer heutigen Zeit, und deshalb ist die „Tosca“ so aktuell.
Trotz der Dramatik wird man die Oper am Ende nicht mit einem negativen Gefühl verlassen, oder?
Ich werde tatsächlich oft gefragt: „Warum machen Sie nicht einmal eine Oper mit Happy End?“ Meine Antwort lautet immer: Die großen Opern, die zehn bis fünfzehn bedeutendsten Werke, haben fast alle kein Happy End. Die große Oper lebt von Leidenschaft, Liebe, Verlust und Tragik. Genau daraus entsteht ihre enorme emotionale Kraft.
Das ist aber keine negative Energie. Im Gegenteil: Das Publikum ist fasziniert von dieser Intensität. Alles im Leben ist Energie. Und genau diese Energie bringen unsere Künstlerinnen und Künstler jeden Abend auf die Bühne.
Und Sie sorgen sozusagen für die Rückendeckendeckung.
Ich bin praktisch jeden Abend hier im Steinbruch vor Ort. Wir freuen uns auf unser Publikum und auf diesen Sommer! Die Oper ist keine Kunstform, die halbherzig funktioniert. Jeder Einzelne auf und hinter der Bühne investiert unglaublich viel Leidenschaft und Hingabe. Und nur dadurch entstehen jene Momente, die berühren und lange in Erinnerung bleiben.
Gespielt wird Puccinis große Oper bis 22. August im Steinbruch St. Margarethen. Termine und Karten auf operimsteinbruch.at
Regie führt Thaddeus Strassberger, der Steinbruch-Kenner hat auch wieder das Bühnenbild entworfen. Die Kostüme stammen von Giuseppe Palella. Das Piedra Festival-Orchester wird von Valerio Galli dirigiert, es singen der Philharmonia Chor Wien unter der Leitung von Walter Zeh und der Kinderchor Gumpoldskirchner Spatzen unter der Leitung von Katja Kalmar.
Besetzung: Joyce El-Khoury als (Tosca, alternierend mit Melissa Purnell, Celine Byrne), Yongzhao Yu als Cavardossi (Bror Magnus Tødenes, Adorján Pataki), Volodymyr Morozov und Zoltán Nagy als Angelotti, Ivan Zinoviev als Sciarrone, Peter Kirk und Michał Prószyński als Spoletta.
Die Vorstellung beginnt jeweils um 20.30 Uhr (Juli), im August um 20 Uhr, und dauert inklusive Pause rund zwei Stunden und 45 Minuten; es empfiehlt sich, für die Anreise ausreichend Zeit einzuplanen.