Thema Wasser: „Es geht nur gemeinsam, sonst haben wir keine Chance“

Interview der Woche

Trockener Boden, sinkende Pegel und verschwundene Lacken: Christian Sailer, Leiter des Referats Wasserwirtschaft im Burgenland, zieht im BVZ-Gespräch eine Zwischenbilanz des Sommers und erklärt, mit welchen Maßnahmen, Studien und Großprojekten das Land gegensteuert.

Von Klaus Zwinger

Christian Sailer am Neusiedler See. Derzeit liegt der Wasserpegel unter dem Wert des Vorjahres, aber noch über dem letzten Tiefststand aus 2022.

Christian Sailer am Neusiedler See. Derzeit liegt der Wasserpegel unter dem Wert des Vorjahres, aber noch über dem letzten Tiefststand aus 2022.

© Klaus Zwinger

BVZ: Wie würden Sie die aktuelle Wassersituation im Burgenland zusammenfassen?

Christian Sailer: Der Wasserstand ist niedrig. Bei Bächen und Flüssen, beim Neusiedler See und auch beim Grundwasser, das weiter in Richtung Niederwasser absinkt. Der Seewassterstand ist zwar noch nicht so tief wie 2022, aber die Richtung stimmt bedenklich.

Der Winter war trocken, gleichzeitig sind wir mit einem relativ guten Wasserstand ins Jahr gestartet. Wie ist das zu bewerten und worauf kann man das zurückführen?

Ja, die Grundwasserpegel haben sich erstaunlich gut erholt. Aber das ist ein dynamisches System, das komplett von Zuflüssen und Niederschlägen abhängt. Wir haben deshalb im Rahmen eines genehmigten wasserwirtschaftlichen Versuchs schon 30 provisorische Wehranlagen im Seewinkel gebaut. Die Entwässerungsgenossenschaften haben uns dabei sehr unterstützt und Bereitschaft gezeigt, etwas zu machen, das eigentlich gegen ihr ursprüngliches Dasein spricht. Denn sie sollen ja grundsätzlich entwässern, nicht zurückhalten. Aber sie haben erkannt, dass in der Region zu wenig Wasser vorhanden ist und dass man unser Ziel verfolgen muss: jeden Tropfen, der natürlich vorkommt, so lange wie möglich in der Region zu halten, solange keine Gefahr besteht, dass wir etwas schädigen, überfluten oder sonstige Probleme durch den Rückhalt verursachen.

Der Hydrologe Günther Blöschl sprach kürzlich davon, dass wir österreichweit am Rand einer Ausnahmesituation sind. Teilen Sie diese Einschätzung, oder sind wir gar schon weiter?

Im Burgenland sind wir auch dort – weiter sind wir noch nicht, aber wir sind dort. Wir werden laufend über die Ergebnisse der bundesweiten Studie informiert, welche im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums erstellt wird: Wichtig ist die Aussage, dass die Verdunstung in den Jahren von 1980 bis 2010 österreichweit um rund 17 Prozent gestiegen ist. Sie wäre bis heute noch weiter gestiegen, wenn genug Feuchtigkeit z.B. in den Böden vorhanden wäre. Nur steigt sie aktuell nicht mehr, weil im Zusammenhang mit der Trockenheit schlicht nichts mehr da ist, das verdunsten könnte. Für den Seewinkel ist das besonders heikel, weil es dort keinen zusätzlichen Zubringer gibt. Abgesehen davon, dass die Leitha und andere Flüsse niederwasserführend sind, haben wir allgemein geringe Wasserführungen und die Ungarn fragen schon, warum wenig Wasser ankommt.

Der Bund plant ein Wasserentnahmeregister. Wann wird es im Burgenland kommen und wie kann es umgesetzt werden?

Der Verordnungsentwurf soll noch im Sommer 2026 zur Begutachtung aufliegen. Bisher berechnete man mit den genehmigten Entnahmekonsensen , nicht mit echten Verbrauchsdaten; das reicht nicht mehr, gerade wenn Wasser knapp wird. Es nützt auch nichts, wenn jeder Brunnen einen Zähler hat, die Daten aber nirgends zusammenlaufen. Allein im Seewinkel gibt es über 5.000 genehmigte Brunnen. Nicht alle dienen der Bewässerung, aber es braucht wohl eine hohe Anzahl an Wasserzählern, gebündelt über zentrale Entnahmestellen. Offen ist noch, wie man diese Messstationen autark betreibt – etwa über Solarpaneele.

Gibt es aktuell schon Entnahmebeschränkungen?

Wir werten monatlich alle 60 Beweissicherungssonden aus. Je nach Pegel gibt es eine Vorwarnstufe, eine Warnstufe und dann restriktive Maßnahmen. Derzeit befinden sich einige Bewässerungsregionen in der Vorwarnstufe – anders als 2022, als es zu echten Beschränkungen für die Landwirtschaft kam. Parallel überarbeiten wir das gesamte System: Wie viel Grundwasser wird überhaupt noch neu gebildet, wann müssen Pegel künftig anschlagen? Das oberste Ziel ist eine nachhaltige Nutzung.

Wie steht es aktuell um die Grundwasserneubildung?

Neubildung passiert praktisch nur im Winter – und genau dann wird es zunehmend zu trocken, obwohl Klimastudien bisher eigentlich mehr Winterniederschlag vorhergesagt hatten. Bisher merken wir davon nichts. Die Jahresniederschlagsmenge bleibt in Summe ungefähr gleich, nur verschiebt sich die Verteilung: Fällt Regen im Sommer, greifen sofort Verdunstung und Pflanzenwachstum – kein idealer Zeitpunkt für Grundwasserneubildung. Und wenn große Mengen als Starkregen auf einmal fallen, wird das meiste schnell wieder abgeleitet. Wir müssen den Flüssen wieder mehr Raum geben, damit Wasser bei Starkregen oder Hochwasser länger in der Landschaft bleibt. Unsere Vorgänger haben konsequent auf Entwässerung gesetzt, um landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen – genau das erzeugt jetzt, mit dem Klimawandel, diese Ausnahmesituationen.

Werden Landwirte künftig auf andere Kulturen umstellen müssen?

Das wird passieren, wenn das Wasser für die bisherigen Kulturen nicht reicht. Wichtig ist mir: Man darf die Region nicht in einzelnen Parzellen denken. Der Grundwasserkörper Seewinkel ist ein zusammenhängendes System – entnimmt eine Region zu viel, verändert das die Strömungsverhältnisse für andere. 2026 werden viele froh sein können, wenn die Erträge gesichert werden können.

Und der Neusiedler See selbst?

Derzeit beträgt der Wasserstand 115,17 Meter über Adria. Aktuell funktioniert alles, auch wenn starker Wind zwischenzeitlich Probleme für Fährboote in Breitenbrunn gemacht hat. Alle zwei Wochen tagt die Wasserstandskommission und bespricht Pegel, Wasserqualität und mögliche Einschränkungen. Von der GeoSphere Austria erhalten wir Wetterprognosen – die Temperatur lässt sich gut abschätzen, Niederschlag über längere Zeiträume aber kaum. Insgesamt ist mit weiter sinkenden Pegeln zu rechnen.

Auch die Salzlacken trocknen heuer auffällig früh aus.

Das Austrocknen an sich ist normal, problematisch ist der frühe Zeitpunkt. Schon 2022 und 2023 waren im Frühjahr kaum Lacken mehr wassergefüllt, weil der Grundwasserstand so niedrig war. Entscheidend ist, dass der Kontakt zum Grundwasser erhalten bleibt und der Pegel nicht zu weit unter den Lackenboden sinkt. Sonst geht die Dichtheit verloren, das Salz wandert nach unten ab, und der einzigartige Lebensraum mit seinen Salzpflanzen, salzliebenden Tieren und Organismen verschwindet. Genau das untersuchen wir im Projekt LIFE Pannonic Salt auch mit geoelektrischen Methoden gemeinsam mit der TU.

Wie ist der Stand dieses Projekts?

Wir warten noch auf die Zustimmung der Grundeigentümer, der Urbarialgemeinde und des Gemeinderats von Apetlon. Ursprünglich wollten wir Details zum Einstau, also wo, wie lange und mit welchen Folgen für einzelne Grundstücke, im Rahmen des wasserrechtlichen Verfahrens klären. Vielen Grundeigentümern reicht das allerdings nicht, weshalb wir das nun inklusive möglicher Entschädigungen im Vorfeld klären werden. Unser Plan, den wir mit einem Grundwassermodell berechnet haben, sieht 22 Brunnen im Ortsgebiet vor. Diese sollen hier den Grundwasserstand gezielt absenken, während er außerhalb bei den Lacken steigen soll. Ich bin überzeugt, dass das Projekt technisch machbar ist: draußen hohe Wasserstände zu erreichen und gleichzeitig im Siedlungsgebiet eine Absenkung zu schaffen, sodass keine Schäden an Häusern oder der Infrastruktur entstehen.

Das Projekt läuft offiziell bis 2028. Läuft wegen der Verzögerungen bereits die Zeit davon oder gibt es Möglichkeiten zur Verlängerung?

Wir haben letztens gehört, dass eine Verlängerung möglich sein könnte, aber wir wissen es nicht. Von den circa 5,5 Millionen Euro für die wasserwirtschaftlichen Maßnahmen trägt das Land 1,5 Millionen selbst, der Rest kommt aus der EU-Förderung. Brauchen wir zu lange, verlieren wir Fördermittel – und irgendwann drohen ein EU-Vertragsverletzungsverfahren und ein Sanierungsauftrag für die Sodalacken, den wir nicht mehr selbst gestalten können.

Was braucht es zusätzlich, damit sich die Lage im Seewinkel langfristig stabilisiert?

Das LIFE-Projekt ist nur ein Baustein von vielen. Der große Plan ist, auch die provisorischen Wehranlagen entsprechend auszubauen und zu steuern. Gleichzeitig arbeiten wir gemeinsam mit Ungarn ein Interreg-Projekt aus: Groundwater Hanság. Dabei geht es um eine neue Wehranlage im Einser-Kanal, wo schon vor dem Weltkrieg eine stand. Diese soll wieder errichtet werden, um einen höheren Aufstau zu erreichen. Dadurch verändert sich auch das Gefälle des Grundwasserkörpers Seewinkel in Richtung Einser-Kanal. Durch das höhere Niveau würde das Wasser nicht so schnell abfließen, so der Plan. Geplant ist auch, parallel zum Einser-Kanal auf österreichischer Seite ein weiteres Grabensystem zu bauen. Wasser, das sonst über den Einser-Kanal abgeleitet würde, könnte dort aufgefangen werden. Wenn genügend Wasser vorhanden ist, könnte man es intern zu bestimmten Flächen pumpen — zum Beispiel in Bereiche rund um den Zicksee. Dabei geht es aber nicht darum, den Zicksee direkt zu befüllen, sondern den Grundwasserkörper rund um den Zicksee lokal zu stützen.

Wie sieht es mit der Zuleitung aus der Donau aus?

Die wird es langfristig gesehen brauchen. Dazu gibt es bereits ein Memorandum zwischen Bund, Niederösterreich und Burgenland sowie eine laufende Ökostudie, die klärt, ob und wie Donauwasser im Seewinkel versickern oder in den Neusiedler-See eingeleitet werden könnte. Mein vorrangiges Ziel ist, die Genehmigung für die Wasserausleitung aus der Donau und die Verteilung zu erlangen – je früher, desto besser.

Zum Schluss: Was ist Ihnen am wichtigsten?

Dass wir nicht in Einzelinteressen denken. Wirtschaft, Landwirtschaft, Ökologie und Wasserwirtschaft müssen gemeinsam gedacht werden – die Landschaft im Seewinkel ist gemeinschaftlich entstanden. Was wollen wir für diese Region, jetzt und künftig? Das lässt sich nur gemeinschaftlich beantworten – sonst haben wir keine Chance.